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Thema des Tages Wenn die Drohne das Lager inspiziert
Thema Specials Thema des Tages Wenn die Drohne das Lager inspiziert
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00:19 02.06.2019
Mit einer Drohne wird der Lagerbestand im Hochregallager erfasst. Quelle: Christina Hinzmann / GT
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Göttingen

Ganz langsam und fast lautlos schwebt die schwarze, flache Drohne durch die Schlucht. Zentimeter für Zentimeter tasten die roten Lichtpunkte ihrer Kameras rechts und links Objekte ab – sie sehen aus wie die Zielpunkte einer Waffe. Die Szene erinnert an einen Spionage- oder Kriegsfilm, die Straßen unter ihr aber sind die Gänge einer gewaltigen Lagerhalle. Und die „Gebäude“ an den Flanken sind fast 20 Meter hohe Regale mit Kartons und bepackten Paletten.

Willkommen in der neuen Welt der Logistik – digitalisiert, automatisiert, perfektioniert. Auch wenn die Drohne in dieser Halle auf dem Göttinger Siekanger nur ein kleiner Schritt in die Zukunft der Logistik 4.0 ist: Die Besucher der 5. Logistik-Tagung in Göttingen sind begeistert.

150 Logistiker aus ganz Deutschland

Gut 150 Logistiker aus ganz Deutschland haben sich hier getroffen, um über die Zukunft ihrer Branche zu diskutieren – vor allem über die voll automatisierte und internetbasierte „smarte Logistik“ im Industriezeitalter 4.0. Diskussionsstoff liefern ihnen vier Referenten aus der Praxis und Wissenschaft – und eine Führung durch eine der ersten großen neuen Lagerhallen zwischen Göttingen und Rosdorf in der Mitte Deutschlands. Gebaut hat sie die VGP Industriebau GmbH auf einer Erweiterungsfläche des Göttinger Güterverkehrszuntrums (GVZ).

Das Video: Die Drohne in Aktion

Die Göttinger Logistik- und Transportfirma Zufall hat hier vorerst etwa 20000 von 80000 Quadratmetern Regallager gemietet – weitere sollen folgen. Hier zeigt sie den Tagungsgästen, wie sie mit den Drohnen des Kasseler Start-up doks.innovation regelmäßig den Warenbestand in den Regalen abtastet, erfasst und überprüft. Und sie präsentiert einen Versuchs-Stapler, der wie ein folgsamer Roboter (zumindest vorwärts) neben dem Lageristen durch die Regale fährt und Aufgaben erfüllt, ohne ihn oder ein Regal anzufahren.

Forschung für die Praxis in der Praxis

„Es wäre ein Fehler, wenn wir uns jetzt nicht mit der Logistik 4.0 befassen, sagt Valentin Welzel, Bereichsleiter für Logistik bei Zufall. Vor allem sogenannte „nicht wertschöpfende“ Arbeitsprozesse, die notwendig sind, aber keine echte Entscheidung erfordern, dürften in der Zukunft immer weiter automatisiert sein, ergänzt Lena Bergmond. Sie befasst sich im Rahmen ihres dualen Studiums bei Zufall in ihrer Masterarbeit mit Automatisierungsmöglichkeiten im Lager- und Transportbereich.

Valentin Welzel Quelle: Christina Hinzmann / GT

Das ist eine erste Antwort auf die zentralen Fragen der Logistik-Tagung im Sartorius College, organisiert von der LMC Logistik und Mobilitätsclusters Göttingen/Südniedersachsen: Wie wird die Zukunft der Logistik 4.0 aussehen? Vor welchen Herausforderungen steht die Branche dabei? Welche Fallstricke gibt es? Antworten gab es vor allem von Experten, die bereits Erfahrungen mit Automatisierungsprozessen gemacht haben, sich mit der erforderlichen Computer- und Programmiertechnik und dem gesellschaftlichen Hype der umstrittenen künstlichen Intelligenz auskennen (siehe nebenstehende Texte).

„Enormes Entwicklungspotenzial“

Unabhängig von den Antworten sieht Ursula Haufe im neuen Logistikzeitalter 4.0, in dem sich Handel, Produktion und Logistik verlinken „ein enormes Entwicklungspotenzial“. Haufe ist Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung Göttingen (GWG), dem das Cluster angeschlossen ist.

Dieses Entwicklungspotenzial gebe es auch in Göttingen, so Haufe. Als sich die Stadt 1997 mit dem ersten Abschnitt ihres Güterverkehrszentrums (GVZ) am Güterbahnhof auf den Weg zur Logistik-Stadt gemacht habe, sei das nicht selbstverständlich gewesen. Es habe viele Kritiker gegeben. Der Einsatz und die Erweiterung des GVZ habe sich aber gelohnt – „alle Flächen sind vermarktet“. Göttingen sei zwar klein, liege mit seiner Anbindung an die Nord-Süd-Trasse der Bahn in der Mitte Deutschlands aber ideal.

„Treiber von Innovationen“

Hochregallager und Stapelflächen in den neuen Hallen. Quelle: Christina Hinzmann / GT

 

Möglich gewesen sei die Erweiterung am Siekanger auch durch die gute Zusammenarbeit mit der Nachbargemeinde Rosdorf, ergänzte Göttingens ehrenamtliche Bürgermeisterin Helmi Behbehani (SPD). Die Logistikbranche entwickle sich zunehmend „zum Treiber von Innovationen“, bescheinigte sie den Tagungsteilnehmern. Dafür wolle die Stadt gerne den erforderlichen Strukturwandel mitgestalten.

Die Göttinger Ratsfrau richtete aber auch mahnende Worte an die Transportunternehmer und Logistiker: Mit Blick auf den Klimawandel und Klimaschutz sei es „höchste Eisenbahn“, den Schienen-Güterverkehr zu optimieren und Lkw mit klimafreundlichen Antrieben auszustatten.

Die Tagung in der Bildergalerie:

Es gibt sie schon, die „Smarte Logistik 4.0“ – auch in Göttinger Betrieben. Wohin sie noch führen wird, was es mit der künstlichen Intelligenz und Big Data auf sich hat und wie die Industrie 4.0 aussehen wird, haben Experten in Göttingen diskutiert. Und sie haben eine Lagerhalle mit Drohnen-Einsatz besichtigt.

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Das sagen die Experten:

„Fangen Sie einfach mal an“

Der Praktiker: Wie das Unternehmen Still erst die Stapler-Produktion und dann auch die Fahrzeugtechnik selbst automatisiert

Dass der nächste Schritt zur hochautomatisierten Logistik 4.0 machbar ist, schilderte während der Tagung Karl Knipfelberg, Senior Direktor der Firma Still. Seine Botschaft dazu ist so simpel wie bestechend: „Fangen Sie einfach mal an, aber fangen sie mit einfachen Arbeitsabläufen und kleinen Schritten an.“

Und die hat das Unternehmen erst einmal im eigenen Werk umgesetzt – bei der Fertigung eigener Produkte. Still gehört zu den führenden Anbietern von Transport- und Lagertechnik und ist vor allem durch seine Gabelstapler bekannt. Im ersten Schritt hat das Unternehmen die Fertigung seines Top-Modells RX 20 E3 von Handbetrieb auf eine weitgehend automatisierte Montageschiene gebracht. Im zweiten wurden die Stapler der jüngsten Generation mit der erforderlichen Technik für eine smarte Lagerlogistik inklusive Schnittstelle bei den Kunden ausgestattet.

Karl Knipfelberg Quelle: Christina Hinzmann / GT

„Wichtig war uns ein stabile und unterberechungsfreie Fertigungsschiene mit einem eignen System auch für die Fahrzeugsteuerung“, beschrieb Knipfelberg. Für das smart gesteuerte Fahrzeugverhalten, eine automatisierte Flotte in einem großen Lager und die Materialflusssteuerung beim Kunden seien spezialisierte IT-Partner mit ins Boot geholt worden. Die verschiedenen Programmier-Segmente dann zu verzahnen sei die größte Herausforderung – „und erfordert tatsächlich den größten Aufwand“.

Die zweite besondere Herausforderung: „Sie müssen die Mitarbeiter von Beginn an einbeziehen“, um ihnen die Angst vor dem Neuen und vor einem Arbeitsplatzverlust zu nehmen. Denn auch für sie sei mehr Automatisierung lohnend: Es gebe weniger Unfälle und die Arbeit sei weniger körperlich anstrengend.

Zusammenfassend gab Knipfelberger den Logistikern noch einen Ablauf-Tipp mit auf den Weg, wenn sie einen Prozess automatisieren wollen: Am Beginn sollte eine klare Aufgabenstellung und Datenaufnahme stehen, gefolgt von einer Analyse der Möglichkeiten, der Entscheidung für die technischen Konzepte und schließlich der Umsetzung.

Das fast 200 Jahre alte Unternehmen Still mit Sitz in Hamburg ist weltweit in 51 Ländern vertreten, hat etwa 9000 Mitarbeiter und gibt für das Geschäftsjahr 2017/18 einen Jahresumsatz von 2,135 Milliarden Euro an.

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Automatisierte Anwendungen müssen für Mitarbeiter „intuitiv“ sein

Rüdiger Stauch – Der IT-ler: Ohne Mustererkennung durch künstliche Intelligenz wird die Warehouse-Logistik von Morgen nicht funktionieren

Ohne Computertechnik und Software funktioniert smarte Logistik nicht – schon gar nicht wenn sie unter dem Label 4.o Lagerhaltung und Warenlogistik revolutionieren soll. Und dabei geht es schon längst nicht mehr (nur) um starre Abläufe, die von Spezialisten programmiert werden. Innovative Warehouse-Systeme müssen sich in der Praxis selbst konfigurieren, erklärte Rüdiger Stauch, Prokurist und Vertriebsleiter bei der PSI Logistics GmbH, den Tagungsteilnehmern. Und sie müssten für jeden Anwender intuitiv sein.

Rüdiger Strauch Quelle: Christina Hinzmann / GT

 

Denn: „Gerade in dieser Branche mit oft wechselndem und wenig spezialisiertem Personal kann sich kein Unternehmen lange Anlernzeiten und Lernkurven leisten“. Vor diesem Hintergrund werde inzwischen schon an simplen Icons für die PC-Masken an den Steuerportalen gearbeitet. Und an Masken, die jeder Mitarbeiter mit wenigen Handgriffen für sich anpassen könne.

Sich selbst konfigurierende Systeme seien nach heutigem Stand durch eine neue Strategie bei der Problemlösung und Programmierung möglich: „Der Kunde beschreibt mögliche Szenarien, PSI löst die damit verbundenen Probleme.“ Mögliche besondere Szenarien im Warenhandel könnten zum Beispiel einfache Arbeitsabläufe wie ein Schichtwechsel sein, aber auch besondere Ereignisse wie der berühmte „Black Friday“ mit weltweit massenhaften Superangeboten und entsprechenden Bestellungen.

Um die zunehmenden Herausforderungen in der Logistikbranche meistern zu können, setze die IT-Welt auf die viel diskutierte künstliche Intelligenz, so Stauch. Voll automatisierte Lager- und Transporttechnik müsse Waren und Störungen erkennen können. Diese Muster-Erkennung sei zurzeit „ein Riesenthema“.

Die PSI Logistics GmbH ist eine Tochter der PSI Software AG mit Hauptsitz in Berlin. Das Unternehmen entwickelt und integriert Software für Energieversorger, Industrieunternehmen und Infrastrukturbetreiber – und zunehmend für die Logistik-Branche. Nach Firmenangaben beschäftigt PSI mehr als 1900 Mitarbeiter an 13 deutschen und 23 internationalen Standorten und hat 2018 einen Umsatz von 199,2 Millionen Euro gemacht. Die Logistics-Tochter betreut mit 160 Mitarbeitern mehr als 11000 Anwender und 250 Installationen. Zu ihren Kunden in Göttingen gehören nach Angaben von Stauch die Firmen Zufall und Mahr.

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Buzzwords: Was steckt hinter „Big Data“, Industrie 4.0 und künstlicher Intelligenz?

Alfred Brendel – der Theoretiker: Eine Begriffserklärung mit konkreten Tipps für Logistiker

Industrie 4.0, Big Data, künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge – das sind nur vier der neuen Schlagwörter, die zurzeit jede Diskussion um die Datenverarbeitung und Programmierung von morgen prägen. Aber können diese sogenannten Buzzwords und das, was dahinter steckt, auch die „Smarte Logistik“ revolutionieren? „Nicht alleine für sich, aber als Teile einer Baukastenlösung“, sagt der Experte für Smart Mobility an der Uni Göttingen, Dr. Alfred Benedikt Brendel.

Alfred Benedikt Brendel Quelle: Christina Hinzmann / GT

Hinter dem Buzzword „Industrie 4.0“ stehe die 4. Revolution in der Industrie – also ein weiterer bahnbrechender Schritt zur Automatisierung. Die Zauberworte dahinter seien eine digitalisierte Produktion und Vernetzung vieler Ebenen. Das „Internet of Things“ beschreibe die Verknüpfung von Objekten mit dem Internet und liefere vor allem Infos. Im Bereich „Big Data“ würden die immer größer werdenden Datenmengen erfasst. Mit künstlicher Intelligenz könnten die Informationen sie analysiert und ausgewertet werden – auch in Form reagierender Maschinen.

„Holen Sie sich Kompetenz ins Haus“

Wenn Unternehmen einen Bereich automatisieren und digitalisieren wollen, sei es wichtig, zunächst das Problem beziehungsweise die Aufgabe klar zu skizzieren, gab Brendel den Logistikern mit auf dem weg. Danach sollten dann die Lösungswege hinter den Buzzwords ausgewählt werden. „Holen Sie sich dafür die erforderliche Kompetenz ins Haus“ fügte er an.

Auf die Frage, ob Logistiker auf dem Weg zu Logistik 4.0 schnell reagieren oder abwarten sollten, sagte Brendel: „First Mover können sich einen Vorsprung und damit einen Wettbewerbsvorteil erschließen, müssen aber oft Kinderkrankheiten überwinden. Second Mover haben weniger Probleme, sind aber auch hinten dran.“

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Wissenschaft, Politik und Industrie müssen zusammenarbeiten

Der wissenschaftliche Praktiker: Künstliche Intelligenz ist noch ein Hype – aber sie wird kommen

Sind lernende Maschinen nur ein Hype neben vielen anderen? Und können die mit dem Hype verbundenen hohen Erwartungen an die künstliche Intelligenz in ein paar Jahren erfüllt werden? „Sie ist ein Hype“, sagt der Maschinenbauer und Professor am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) Kai Furmans. Und es spreche nichts dagegen, dass es klappen könnte.

Prof. Dr.- Ing. Kai Furmans Quelle: Christina Hinzmann / GT

Tatsächlich seien die Erwartungen in der von vielen beschriebenen Höhe unerfüllbar – aber eben nur in der Spitze. Vieles sei in manchen Sparten längst Realität. Viele Erwartungen ließen sich in den nächsten Jahren umsetzen, ist der Fördertechnikexperte überzeugt. Und: „Es wird die Industrie ganz wesentlich verändern.“

Furmans ist der Praktiker mit wissenschaftlichem Know-how unter den Referenten der Tagung. Er war als Maschinenbauer in der Industrie tätig und leitet jetzt das KIT, in dem auch praxisnah an Fördertechnik und Logistiksystemen geforscht wird.

Genährt würden die hohen Erwartung an künstliche Intelligenz durch eine Überschätzung der Systeme. „Die sind eigentlich strohdoof“, sagt Furmans. Ohne klare Regeln und Dateneingaben funktionierten sie nicht – und die müssten vom Menschen kommen. Gemessen daran, dass selbst intelligente“ Maschinen bei unvorhergesehenen und unregelmäßigen Ereignissen an Grenzen stoßen und immer nur als Spezialisten für einen Bereich eingesetzt werden könnten, „sind wir aber schon ganz schön weit gekommen“.

Eines der größten Probleme sei heute immer noch die Datenmenge, die bei voll automatisierten Maschinen verarbeitet werden müssten. Die dafür erforderliche „Rechenpower“ dürfte etwa in 60 Jahren zur Verfügung stehen, schätzt Furmans.

Schon heute gelinge es aber zunehmend, Maschinen im überwachten Rahmen so zu trainieren, dass sie Objekte und Zustände erkennen – zum Beispiel bei einer beschädigten Ware im Regal. Der vielleicht entscheidende Schritt zur Industrie mit Logistik 4.0 werde zurzeit bereits in der Forschung begangen: Systeme bringen sich über sogenanntes reinforcement learning selber etwas bei.

Um künstliche Intelligenz und ihre Vorteile sinnvoll und zukunftsweisend voranzutreiben, sollten Wissenschaft, Politik und Industrie allerdings zusammenarbeiten, mahnte Furmans. Sonst werde Deutschland weiter nur hinterherhinken.

Von Ulrich Schubert