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Thema des Tages Wie aus dem Göttinger Gänseliesel ein Mann wurde
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00:20 03.05.2019
Max Armonies auf dem Campus der Georg-August Universität Göttingen. Quelle: Foto: Riese
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Göttingen

Im September 2018 heißt der Göttinger Theologie-Student Max Armonies noch Sophia und gewinnt die Wahl zum Göttinger Gänseliesel. Er bekommt Blumen überreicht, nimmt die Glückwünsche von Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler entgegen, schüttelt viele Hände. Wenige Monate später outet sich der 20-Jährige als Mann – und gibt sein Amt zurück. Doch die Geschichte dahinter beginnt eigentlich sehr viel früher.

Der „letzte Versuch“ als Frau

„Mir war mit fünf schon klar: Ich bin eigentlich ein Junge“, beginnt Max zu erzählen. Bei der Gänseliesel-Wahl mitzumachen, das sei für ihn ein „letzter Versuch“ gewesen, sich mit der weiblichen Rolle zu arrangieren, die ihm die Gesellschaft jahrelang aufzubürden versucht hat. In seinem Alltag gab es dafür immer wieder Beispiele. Er muss nicht lange nachdenken, um eines zu nennen: „Ich war bereits als Kind ein großer Fan der ‚Wilden Kerle‘, also wünschte ich mir davon etwas zu Weihnachten. Meine Tante hat mir stattdessen ein pinkes Handtuch mit Duschgel geschenkt“, erzählt Max – ohne Groll, ohne Wut, augenscheinlich auch ohne Frust. Es schwingt nicht mal ein verspäteter Vorwurf mit an jene, die ihn so behandelt haben, wie er es eigentlich nie wollte. Allerdings, eines gibt er dann doch zu: „Als Kind ergibst Du dich irgendwann in dein Schicksal, Du nimmst die Rolle an.“ Als Sophia lässt sich Max die Haare wachsen, zieht Kleider an, verhält sich so, wie sich ein Mädchen seines Alters eben verhält: „Ich habe als Mädchen und später als Frau gelebt und das auch irgendwie hingekriegt.“ Auch wenn es ihm damit nie wirklich gut ging.

„Superhübsch – aber eben nicht ich“

Jahre später, als gewähltes Gänseliesel, wiederholt sich die Geschichte. Max verhält sich so, wie sich ein Gänseliesel zu verhalten hat. Es trägt das markante Kleid, im Arm die Gans, es füllt die Rolle der historischen Figur aus und repräsentiert die Stadt bei unzähligen Anlässen. Nach seiner Wahl gibt Max als Gänseliesel den Startschuss zum zweiten Göttinger Lichterlauf am Kiessee, schenkt Erbsensuppe für „Keiner soll einsam sein“ aus, weiht zusammen mit dem Mini-Gänseliesel die Eisbahn an der Lokhalle ein, eröffnet den Göttinger Weihnachtsmarkt. Wie es bei all diesen Terminen in ihm aussieht, ahnt niemand. Max: „Wenn ich mir jetzt Fotos davon ansehe, dann denke ich: Hey, superhübsche Person. Aber das bin eben nicht ich.“ Der Versuch, die weibliche Rolle nun auch öffentlich zu spielen, machte die Situation nicht besser: „Im Gegenteil, es ging mir dadurch eher noch schlechter“, sagt er heute.

Alles andere als eine spontane Entscheidung

Sein Leben immer so weiterzuführen, quasi als Lüge – das ist auf Dauer keine Option für Max, der schon seit Jahren darüber nachdenkt, wie er seine Situation verändern und mit sich selbst ins Reine kommen kann. Und dann, im Januar, tut er es einfach: Er verändert etwas. „Ich habe mir die Haare abgeschnitten und gemerkt: Ja, das geht in die richtige Richtung.“ Es war alles andere als eine spontane Entscheidung. Und doch: Plötzlich war ihm klar, dass es durchaus die Möglichkeit gibt, zu sich selbst zu stehen. Max zu sein, nicht Sophia. Seitdem ist Max als (Trans-)Mann unterwegs. Biologisch gesehen ist er zunächst einmal weiterhin eine Frau. Auch das soll sich irgendwann ändern, doch Max weiß, dass ihm da noch ein langer Weg bevorsteht. Aber diesen Weg muss er nicht allein gehen: Max hat sich Hilfe gesucht und im Queeren Zentrum auch gefunden. Moriz Jordan vom ehrenamtlichen Team der Trans-Beratung steht Max zum Beispiel gerade mit Rat und Tat zur Seite. Er hat ihn auch darin bestärkt, seine Geschichte öffentlich zu erzählen.

Das Queere Zentrum in Göttingen

Das „Queere Zentrum Göttingen“ (Hannoversche Straße 80) vereint eine Vielzahl Göttinger Gruppen, Beratungseinrichtungen und Einzelpersonen, die gemeinsam einen Ort für all jene Menschen anbieten wollen, die sich selbst als „queer“ verstehen. Auch Personen, die sich nicht direkt zugehörig fühlen, sind willkommen. Es gibt beispielsweise ein Trans-Café, einen Trans-Stammtisch, Trans-Spieleabende, eine Queere Jugendgruppe und einen Poly-Treff. Vernetzt sind die Angebote über den Verein Queeres Göttingen, der auch die Internetseite queeres-zentrum-goettingen.de betreibt und pflegt. Die Trans-Beratung Göttingen (Infos: transberatung-goettingen.de) bietet regelmäßig offene Sprechstunden im Queeren Zentrum an.

In den ersten Tagen und Wochen nach seinem Outing nennt sich Max noch Maxi – wohl aus Selbstschutz, wie er selbst vermutet. Anfangs offenbart er sich nur engsten Vertrauten, die allesamt überhaupt kein Problem damit haben, dass Sophia nun eben nicht mehr Sophia ist – und wohl auch nie wirklich war. „Die Freunde waren sofort an Bord, im weiteren Umfeld kamen aber schon ein paar Nachfragen“, sagt Max. Seine Eltern seien erst skeptisch gewesen, hätten seine Entscheidung dann aber doch schnell akzeptiert. „Sie kommen jetzt regelmäßig extra aus Krefeld vorbei, um sich daran zu gewöhnen“, berichtet er. Und gerade sie stellen kaum Fragen, sie bringen eher sogar Antworten mit: „Mein Papa schickt mir ständig Artikel, die er zum Thema Transidentität findet“, kommt Max fast ein wenig ins Schmunzeln. Das helfe ihm, denn auf diese Weise müsse er seinen Eltern nicht selbst alles „beibringen“. Schließlich wolle er ja erst einmal „auch selbst herausfinden, was das nun für mich bedeutet“.

Probleme im Beruf?

Beispielsweise für seinen Berufswunsch. Schon in den Gänseliesel-Fragebögen hatte der Theologie-Student angegeben, Pastor werden zu wollen. Daran hat sich nichts geändert. „Die Hannoversche Landeskirche hat damit kein Problem, anders als zum Beispiel die Württembergische Landeskirche“, weiß Max. Kritisch könne es allerdings werden, wenn seine künftige Gemeinde ihn nicht als Pastor akzeptieren würde. Es gibt bereits Transpersonen, die Pastoren geworden sind – Max will da weder Novum noch Vorreiter sein müssen. Ein wenig Sorge klingt in seiner Stimme aber schon mit an, wenn es um die spätere berufliche Perspektive geht.

Noch Krankheit, bald Kongruenz

Apropos Stimme: Max klingt im Moment noch so, wie auch Sophia geklungen hat. Vielleicht spricht er instinktiv ein bisschen tiefer. Damit seine Stimme aber tatsächlich männlicher wird, bedarf es einer Hormonbehandlung. Für diese ist allerdings eine Diagnose nötig. Und dieses Wort ist nicht zufällig gewählt: Nach dem aktuell gültigen internationalen Diagnosekatalog ICD-10 gilt Transsexualismus tatsächlich noch als Krankheit, genauer gesagt: als „Störung der Geschlechtsidentität“ oder Geschlechtsdysphorie. Mit dem von der Weltgesundheitsorganisation WHO bereits im Juni 2018 vorgestellten Nachfolgekatalog ICD-11 wird sich das in ein paar Jahren zwar ändern; von 2022 an soll Transsexualität unter dem Oberbegriff „sexual health condition“ (sexueller Gesundheitszustand) als „Geschlechtsinkongruenz“ bezeichnet werden. Aber das ist noch Zukunftsmusik. Derzeit muss Max schlichtweg auf die Anerkennung der Diagnose durch einen Psychiater hoffen. Danach könnte zum Beispiel ein Endokrinologe die erhofften Hormone verschreiben.

Langer Atem nötig

Aber auch das ist nur ein Schritt von vielen: „Allein die Änderung des Namens und des Personenstandes dauert mindestens anderthalb Jahre und erfordert zwei unabhängige Gutachten“, ist Max im Bilde. Dass in seinen Ausweisdokumenten bis dahin noch „Sophia Armonies“ stehen wird, missfällt ihm. Momentan ist er noch auf den guten Willen der Menschen in seinem Umfeld angewiesen, die ihn mit Max oder Maxi ansprechen und männliche Pronomen verwenden sollen, wenn sie über ihn reden. Fällt jemand versehentlich kurz in die weibliche Form zurück, nimmt Max das nicht übel – aber für ihn ist das dann schon jedes Mal wieder wie ein „kleines Outing“, das er sich gern ersparen würde. Später soll in seinem Ausweis einmal „Maximilian“ stehen – übrigens ist das nicht ganz zufällig auch ein Charakter aus „Die Wilden Kerle“.

Ausführliche Infos zum Thema „Transidentität“

Die vom Kölner Mediziner Dr. Martin Magnus Waltz betriebene Internetseite trans-infos.de liefert Betroffenen, Angehörigen und Interessierten ausführliche Informationen, Erklärungen und Adressen zum Thema „Transsexualität“ oder „Transidentität“ - von der Begriffsdefinition über die Diagnose bis zur Behandlung. Demnach setzt sich der Begriff „Transidentität“ übrigens immer mehr durch – weil es bei Trans-Männern und -Frauen nicht primär um ein Problem mit der Sexualität gehe, sondern um die „Identifizierung mit dem männlichen oder weiblichen Geschlecht in all seinen körperlichen und gesellschaftlichen Facetten“. Der sehr informativen Internetseite zufolge lebt in Deutschland schätzungsweise jeder 30 000. biologische Mann und jede 100 000. biologische Frau im gefühlt falschen Geschlecht. Die Dunkelziffer liege möglicherweise wesentlich höher.

Bis es so weit ist, braucht Max noch viel Geduld: „Ich lebe mein Leben weiter, ich studiere weiter, alles ganz normal.“ Das klingt fast so, als ändere sich ansonsten eigentlich nichts. „Na ja, meine Cousine wird sich daran gewöhnen müssen, dass ihr Kind jetzt keine Patentante mehr hat, sondern eben einen Patenonkel“, lächelt Max. Er tut dies mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit, die an anderer Stelle in unserer Gesellschaft wohl noch fehlt. Lohnt es sich, für diese Selbstverständlichkeit zu kämpfen? Max wiegelt ab: „Ach, kämpfen tue ich für viele Dinge, zum Beispiel gegen Rassismus, und das habe ich auch schon als Sophia getan.“ Ob es nötig ist, für mehr Toleranz zu kämpfen, das steht auf einem anderen Blatt.

Akzeptanz für Geschlechtervielfalt

Göttingen ist schon sehr tolerant“, bemerkt Moriz Jordan, der durch sein Engagement im Queeren Zentrum weiß, dass es hier nicht nur eine Trans-Community, sondern auch eine schon jetzt erfreulich breite Akzeptanz für Geschlechtervielfalt gibt. Das bestätigt auch Max: „Es gibt Orte, an denen ich mich nicht öffentlich outen würde“, sagt er – das darf wohl auch als Kompliment für Göttingen verstanden werden.

Freut sich auf seine Zukunft als Mann: Max Armonies. Quelle: Markus Riese

Ein dickes Lob hat Max auch für Pro City übrig. Die Interessenvertretung für die Belange der Göttinger Innenstadt ist unter anderem für die Ausrichtung des Gänseliesel-Festes inklusive der Gänseliesel-Wahl verantwortlich – und in der Folge auch für die Koordination der Gänseliesel-Einsätze. Als Max sich Ende Januar der Pro-City-Geschäftsführerin Frederike Breyer anvertraut, reagiert diese sofort mit Verständnis und lässt ihm alle Freiheiten, die er braucht. Seitdem schickt Breyer mit Sarah Nöcker eine der beiden gewählten Stellvertreterinnen zu den Gänseliesel-Einsätzen; die andere, Maria Kalinina, absolviert gerade ein Auslandssemester.

Freiraum gelassen

Nach außen hieß es zunächst nur, dass Sophia als Gänseliesel momentan nicht zur Verfügung stehe. „Wir hätten es natürlich akzeptiert, wenn Max einfach nur aus persönlichen oder privaten Gründen zurückgetreten wäre und das öffentlich nicht weiter begründet hätte. Uns war es absolut wichtig, ihm jeden möglichen Spielraum zu lassen, um für sich selbst die persönliche Entscheidung zu treffen, wie er mit der Situation umgehen möchte“, beschreibt Breyer. Genau diese Herangehensweise hat Max sehr geholfen, wie er sagt: „Hätte ich zum Beispiel Zeitdruck verspürt, hätte das wohl nicht funktioniert. Aber den gab es nie.“

Ein Mann als Gänseliesel?

Für Pro City sei all das „ein ziemlich unspektakulärer Vorgang“, wie es Breyer nennt. Schließlich könne es immer gute Gründe geben, warum jemand als Gänseliesel nicht mehr in Erscheinung treten möchte. Wäre die Gesellschaft schon so weit, auch einen Mann als Gänseliesel zu akzeptieren – Max würde vielleicht sogar weitermachen. „Dann müsste es aber auch völlig normal und okay sein, als Mann in der Öffentlichkeit ein Kleid zu tragen“, schränkt er ein. Und mit diesen Worten wird deutlich: Nicht nur Max steht noch vor einem weiten Weg. Sein öffentliches Outing könnte ebendiesen Weg aber vielleicht ein kleines Stückchen pflastern: „Vielleicht hilft das auch anderen Menschen. Dann wäre schon einiges erreicht.“

Ein Bild aus vergangenen Tagen: Die Wahl des Gänseliesels Ende September 2018. Von links: Stephanie Giro (abgelöstes Gänseliesel), Maria Kalinina (erste gewählte Stellvertreterin), Sophia Armonies (heute Max) sowie Sarah Nöcker (zweite gewählte Stellvertreterin). Quelle: Niklas Richter

Von Markus Riese

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