Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Thema des Tages Wildunfall und Tierfund: Was mit verwundeten Tieren passiert
Thema Specials Thema des Tages Wildunfall und Tierfund: Was mit verwundeten Tieren passiert
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:22 28.04.2019
Wildunfälle passieren – hier liegt ein totes Reh am Straßenrand. Wer ein Tier anfährt, informiert bestenfalls sofort Polizei oder Feuerwehr. Quelle: dpa
Göttingen, Göttingen/Hann. Münden/Hilkerode/Friedland

Am frühen Morgen oder in der Dämmerung passiert es immer wieder: Wildtiere wie Rehe, Waschbären oder Biber laufen auf die Fahrbahn. Selbst eine Vollbremsung reicht oft nicht mehr aus, um dem Tier den Vollkontakt mit der Stoßstange zu ersparen. 2018 hat die Polizei 1153 Wildunfälle im Landkreis Göttingen aufgenommen. Die Frage ist, wie man sich danach verhält.

„Manche Tiere fliegen einmal über die Windschutzscheibe und laufen dann weiter, andere sind schwer verletzt und bleiben liegen“, sagt Thorsten Moschkau, Leiter des Sachbereichs Verkehr in der Polizeidirektion Göttingen. Allein aus versicherungstechnischen Gründen lohnt es sich, das Auto zu parken und die 110 zu wählen. „Bei einem Wildunfall gilt dasselbe wie bei jedem anderen Unfall“, so Moschkau. „Am besten schalten sie die Warnblinkanlage ein, ziehen die Warnweste an und stellen das Warndreieck auf, danach verständigen Sie uns oder die Feuerwehr. Im Grunde ist es egal, ob Sie die 110 oder 112 wählen, wir Rettungskräfte arbeiten zusammen“, so Moschkau.

In der Interessengemeinschaft Wildvogelhilfe Südniedersachsen leben viele Wildvögel. Quelle: r

Tierrettung der Berufsfeuerwehr Göttingen

Die Berufsfeuerwehr Göttingen hat eine eigene Abteilung für Tierrettung. Dabei ist in erster Linie unwichtig, ob es sich um ein Haus- oder Wildtier handelt, wichtiger ist der Ort. „Wenn Sie in der Stadt ein Tier anfahren, rufen Sie die 112 und bei uns werden die Kollegen der Tierrettung alarmiert“, sagt Frank Gloth, Pressesprecher der Feuerwehr Göttingen. „Das Tier fahren unsere Kollegen dann zum Tierärztlichen Institut der Universität Göttingen oder zu einer diensthabenden Tierarztpraxis“, erklärt Gloth. Dort werden sie behandelt.

Im Landkreis sei die Unterscheidung zwischen Wild- und Haustier wichtiger. Bei Haustieren wie Hunden oder Katzen ruft die Leitstelle die Ortsfeuerwehr oder Freiwillige Feuerwehren im Umkreis an, je nach Straßenzugehörigkeit muss stattdessen die Straßenmeisterei informiert werden. In Göttingen ist der Bauhof zuständig.

Förster und Jäger in Zugzwang

Bei Wildtieren kommen Förster und Jäger in Zugzwang. „Ist es beispielsweise ein Fuchs, so fällt das in den Aufgabenbereich des Wildpächters“, sagt Gloth. Die Feuerwehr stellt dann zur Polizei durch, die den jeweiligen Jäger oder Förster des Gebiets rufen. „Wenn Sie genau wissen, welcher Jagdpächter verantwortlich ist, können Sie ihn auch selbst anrufen“, so Moschkau. „Wir haben aber Listen mit den Zuständigkeiten und können schnell helfen, wenn dem nicht so ist.“

Wenn der Jäger eintrifft und der verletzte Fuchs nicht schon auf und davon ist, ist sein Schicksal besiegelt. „Das Tier muss von uns von seinem Leiden erlöst werden“, sagt Axel Eichendorff, Kreisjägermeister des Landkreises Göttingen. „Auch Tiere, deren Verletzungen nicht schlimm aussehen, können innerlich verbluten nach einem Aufprall“, so Eichendorff. Der Fuchs muss also fachmännisch erlegt werden.

Auf der B 80 zwischen Hann. Münden und Hedemünden am Kraftwerk „Letzter Heller“ wurde ein Biber überfahren. Quelle: r

Jagdpächter müssen nachsuchen

Doch auch wenn der Fuchs noch davonlaufen kann, müssen die Jagdpächter nachsuchen. „Aus Tierschutzgründen müssen wir das Gebiet absuchen nach dem Tier und es dann erlösen“, so Eichendorff. Manche Wildtiere dürften nicht aufgenommen und gesund gepflegt werden. Das gelte insbesondere für fremde invasive Arten wie Waschbären oder Marderhunde. „Diese Arten dürfen nicht mehr in die Freiheit gesetzt werden, wenn sie einmal in Menschenaufzucht waren“, so der Kreisjägermeister.

Ist kein Pächter erreichbar, muss die Polizei diesen Job übernehmen. „Wenn ein Tier starke Qualen erleidet, müssen wir es erlösen“, so Moschkau. Der Umgang mit dem Tier sei aber ausdrücklich nur Sache der Pächter oder der Polizei. „Ein verwundetes Tier kann anders reagieren, Sie sollten es nicht anfassen, auch wegen der Krankheiten, die es übertragen könnte“, so Moschkau.

„Wildtiere sind Fluchttiere“, so Moschkau. Falls das verletzte Unfallopfer wegläuft, sollte man sich die Richtung merken. „Das hilft dem Jagdberechtigten weiter bei der Suche, genau wie die Tierart, wenn man das trotz schlechter Lichtverhältnisse erkennen kann.“

Wildtier gefunden – und jetzt?

Der junge Steinkauz beim NABU und der Wüstenbussard in der Wildvogelhilfe Hilkerode sind nur zwei der vielen Tiere, die Hilfe benötigen. Die Pflege sollte Fachleuten überlassen werden.

Wer flugunfähige Vögel oder einen verletzten Igel findet, wendet sich meist zuerst an den örtlichen Tierschutzverein. „Wir bekommen immer wieder Anfragen zu Wildtieren, können dann aber meist nur weitervermitteln an den NABU oder die Wildvogelhilfe“, sagt Nicole Herthum, Vorsitzende des Tierschutzvereins in Hann. Münden. Herthum rät davon ab, ein Wildtier aufzunehmen und sich selbst zu kümmern. „Welches Essen das Tier braucht oder ob es krank ist, erkennt ein Laie nicht.“

Uwe Zinke zeigt einen jungen Waldkauz in der NABU-Station Göttingen. Quelle: Christina Hinzmann / GT

Auch Bettina Bruder, Vorsitzende des Tierschutzvereins Friedland, kennt das Problem: „Manche Menschen nehmen Waschbären auf, die eindeutig nicht als Haustier gehalten werden können und kommen dann zu mir“, erzählt sie. Der Tierschutzverein kümmert sich um Haustiere, Wildtiere sollten von Fachleuten gepflegt werden.

Tiere unter Artenschutz

Dafür gibt es Anlaufstellen wie den Naturschutzbund (NABU) mit seiner Auffangstation in Göttingen. „Früher haben wir hier Rehkitze aufgezogen, deren Mutter tot im Graben lag“, erzählt der Vorsitzende Uwe Zinke, „heute kümmern wir uns um alle Tiere, die unter Artenschutz stehen“. Die Rehe habe der NABU später an den Wildpark Hardegsen vermittelt. „Wichtig ist, dass sich die Tiere nach der Behandlung durch den Menschen wieder auswildern lassen“, sagt er.

Die NABU-Gruppe Göttingen nimmt vornehmlich Wildvögel auf. „Wir haben hier gerade einen Waldkauz, der ist um die drei Wochen alt und ist in der Nähe von Einbeck über die Straße gehoppelt. Zum Glück haben ihn Leute hergebracht, bevor er überfahren werden konnte.“ Jetzt fresse der kleine Kauz gut, alle zwei Stunden nehme er ein Küken zum Mahl.

Dieser Siebenschläfer hatte es sich in einer Privatwohnung gemütlich gemacht. Quelle: Christina Hinzmann / GT

In der Station leben aber auch Siebenschläfer, Leguane und Fledermäuse. Yvonne Rickmann ist wichtig, dass nur hilfsbedürftige Tiere kommen. Dazu gehörten beispielsweise „Eichhörnchen, die Menschen hinterherlaufen oder an ihnen hochklettern, tagaktive Igel, nackte Küken, die nicht selbst laufen können“. Weitere Informationen finde man auf Hilfeseiten wie www.eichhoernchen-notruf.com.

Wildvögel im Eichsfeld

Im Eichsfeld hat es sich Julia Metternich zur Aufgabe gemacht, um die 150 Vögel derzeit zu betreuen. „Ab 5 Uhr morgens füttere und säubere ich die Wildvögel im Wechsel“, erzählt sie. Einige Schwalben haben in der Wildvogelhilfe Südniedersachsen überwintert. „Die wildern wir aus, wenn ihre Artgenossen aus dem Süden zurück kommen“, so Metternich.

Julia Metternich mit dem Wüstenbussard in Pflege. Quelle: r

„Letztes Jahr hatten wir 432 Vögel, dieses Jahr rechne ich mit 800“, sagt sie. „In heißen Sommern springen die Küken manchmal vor Hunger und Überhitzung aus dem Nest“, erklärt Metternich. Dann müssten sie hergebracht und aufgepäppelt werden. Abends hilft ihr Mann mit, ansonsten sucht sie mehr ehrenamtliche Helfer für die Hilkeröder Station. „Mobil müssen sie sein – und sich nicht vor Insekten ekeln“, sagt sie lachend.

Weitere Pflege- und Auffangstationen auf den Seiten des NABU

Von Lea Lang

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Wie geht es weiter mit der Stadthalle in Göttingen? In einer gemeinsamen Sitzung diskutieren Bauausschuss und Kulturausschuss des Rates über die Zukunft der Halle.

24.04.2019
Göttingen Ehrenamt in der Region - Anpacken fürs Osterfeuer

Ostern ohne Osterfeuer ist für viele Südniedersachsen wie Weihnachten ohne Baum. Dafür, dass die Einen bei Bier und Bratwurst in die Flammen gucken können, packen Andere derzeit kräftig an.

19.04.2019

Das Wetter wird prächtig, die Temperaturen angenehm: Beste Voraussetzungen für Ausflüge. Wir haben in sechs Kategorien viele Tipps gesammelt – damit auch wirklich für jeden etwas dabei ist.

03.05.2019