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Thema des Tages Es klappert die Mühle in Ebergötzen
Thema Specials Thema des Tages Es klappert die Mühle in Ebergötzen
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09:00 07.06.2019
Außenansicht der Wilhelm-Busch-Mühle. Quelle: Richter
Ebergötzen

Spitzbübisch lächelnd empfangen Max und Moritz die Besucher der Wilhelm-Busch-Mühle in Ebergötzen. Die beiden Figuren sind untrennbar mit einem der einflussreichsten und humoristischsten Dichter und Zeichner Deutschlands verbunden.

Dass die Mühle in Ebergötzen einmal seinen Namen tragen würde, hätte Wilhelm Busch gefallen, sehr sogar, denn dort fühlte er sich zu Hause. Der Grund dafür war die Freundschaft, die ihn zum Sohn des Müllers, Erich Bachmann, verband. Eine Freundschaft, die insgesamt 66 Jahre hielt.

Kennengelernt hatten sich die beiden Jungen im Alter von neun Jahren. Wilhelm Busch kam als ältestes von sieben Kinder aus dem kleinen Ort Wiedensahl (Flecken im Schaumburger Land) nach Ebergötzen. Dort lebte sein Onkel, Pastor Gregor Kleine. Dieser hatte eine gute Hand für begabte Kinder. Er erkannte schnell den wachen Verstand und die Wissbegierigkeit seines Neffen, schulte ihn in Sprache, unterstützte seine künstlerische Neigung und weihte ihn auch in seine naturwissenschaftlichen Studien ein.

Gedicht für den Onkel

20 Jahre später bedachte Wilhelm Busch seinen gebildeten Onkel dann in einem Max-und Moritz-Vers:

„Wer in Dorfe oder Stadt

einen Onkel wohnen hat,

der sei höflich und bescheiden,

denn das mag der Onkel leiden“.

Pastor Kleine mochte nicht nur seinen Neffen, sondern auch Erich Bachmann, der fortan ebenfalls von ihm unterrichtet wurde. Der Sohn des Müllers „revanchierte“ sich, zeigte seinem Freund alle interessanten Spielplätze im Dorf. Und dazu gehörte natürlich auch die Mühle seines Vaters. Sie wurde der erklärte Lieblingsort des Gespanns, Wilhelm Busch bekleidete in dieser Freundschaft eher den stillen Part, sehr forsch und unerschrocken war hingegen sein Kumpel.

Schlafzimmer von Wilhelm Busch. Quelle: Niklas Richter

Mühle klappert Tag und Nacht

Beim Betreten der Wilhelm-Busch-Mühle in Ebergötzen, die dort seit 1528 steht und heute noch funktionstüchtig ist, fühlt man sich in die Zeit, als die beiden Freunde hier ihr „Unwesen“ trieben, zurückversetzt. Dort klappert tatsächlich die Mühle am rauschenden Bach. Klingt sehr romantisch für heutige Ohren. Doch in der damaligen Zeit klapperte sie, wie es im Liedtext heißt, bei Tag und Nacht. Auf den dringend benötigten Schlaf der hart arbeitenden Bewohner wurde da wenig Rücksicht genommen. Wobei Wilhelm Busch es liebte, von dem Rattern, dass bis in seine Kammer spürbar war, wenn er bei seinem Freund zu Besuch war, in den Schlaf geruckelt zu werden.

Bücher im Max-und-Moritz-Zimmer. Quelle: Niklas Richter

Eine Tonne wiegt ein riesiger Mühlstein, der sich 120 Mal in der Minute dreht. Wenn man es auch angesichts des Gewichtes denken könnte, ein Mühlstein ist keineswegs etwas für die Ewigkeit, sondern muss von Zeit zu Zeit ausgetauscht werden. In Ebergötzen dreht sich ein Süßwasserquarz aus Frankreich, der auch als Champagnerstein bezeichnet wird. Die kleinen Rillen sind für die Griffigkeit des Mehls zuständig, die großen Abstände sorgen für die nötige Belüftung. Alle vier bis fünf Wochen (bei Tag- und Nachtbetrieb) mussten sie nachgeschärft werden. Dabei blieb der Bodenstein im Steinkranz liegen, während der Läuferstein mit dem Steinkran angehoben, ausgeschwenkt und gewendet wurde. Die Werkzeuge (Steinpicken und Kraushämmer) sind heute noch als Ausstellungsstücke zu besichtigen. „Steineschleifen war eine schreckliche Arbeit“, erzählt die Geschäftsführerin der Wilhelm-Busch-Mühle Marianne Tillmann und lacht dabei.

Steine in Stücken nach oben gebracht

Eine Frage stellt sich dem Besucher in der Mühle sofort, denn die Treppe zum Mahlraum erinnert eher an eine Hühnerstiege, die nur mit einiger Konzentration unfallfrei zu bezwingen ist. Wie kommt ein Mühlstein an seinen Bestimmungsort? Geschäftsführerin Marianne Tillmann, die auch Führungen durch das Haus anbietet, kennt die Antwort. „Die Steine wurden in Stücken gebracht und dann erst oben an Ort und Stelle zusammengesetzt“, erklärt sie.

Zimmer in der Mühle. Quelle: Niklas Richter

Knochenarbeit bedeutete die Tätigkeit in der Mühle, denn die Leinensäcke, die befüllt werden mussten, wogen 100 Kilo. Unzählige Male am Tag liefen die Arbeiter die schmale Treppe hinauf und hinab. Denn während Gerste lediglich einmal durch den Trichter laufen musste, waren für Roggen und Weizen sechs Durchgänge nötig. „Vor 300 Jahren wurde deutlich mehr Brot gegessen. So hatte ein erwachsener Mann einen täglichen Verbrauch von drei Pfund“, sagte Tillmann, die bei den Besuchern nach dieser Aussage meistens ungläubige Blicke erntet.

Und ungefährlich war die Arbeit in der Mühle auch keineswegs. Von allen gefürchtet war die sogenannte Mehlstaub-Explosion, zu der es kommen konnte, wenn die Mühlsteine aufeinander rieben, weil es aus den Trichtern keinen Nachschub an Getreide gab. Um dies zu vermeiden, waren Alarmglocken angebracht, die den Müller alarmierten, wenn die Trichter leer zu werden drohten. Besonders die kleineren Besucher gucken zumeist sehr neugierig in diese Trichter, denn dort sollen ja Max und Moritz gelandet sein, nachdem sie Bauer Mecke einen Streich gespielt hatten. Doch von den beiden Lausbuben fehlte jede Spur, wie die Kinder erleichtert feststellten.

Tagtäglich Staub schlucken

Neben dem Mahlboden und dem Getrieberaum gibt es beispielsweise auch noch die Mägdekammer in der Wilhelm-Busch-Mühle zu sehen, in der vier junge Frauen untergebracht waren. Was auf den ersten Blick urgemütlich wirkt, war zu der damaligen Zeit alles andere als lebenswert. Neben dem Lärm, denn das Zimmer war nur durch eine dünne Lehmwand vom Mahlboden getrennt, mussten die Mägde tagtäglich auch den Staub schlucken.

Der damalige Mahlraum. Quelle: Niklas Richter

Dass es die Mühle heute überhaupt noch gibt, dafür hat der am 20. April 1972 gegründete Förderverein, der sich für den Erhalt vehement einsetzte, gesorgt. Im Jahr 1938 drehten sich die Mühlsteine zum letzten Mal. Die Familie Bachmann, die die Mühle in der dritten Generation betrieben hatte, verließ das Haus und so war der Verfall nicht mehr aufzuhalten. Schließlich ging die Mühle in den Besitz der Gemeinde Ebergötzen über, die aber auch so recht keine Verwendung für sie hatte.

Förderverein 1972 gegründet

Die Rettung der Mühle gelang. Allerdings sollten fünf Jahre vergehen, ehe der Betrieb unter dem Namen Wilhelm-Busch-Mühle aufgenommen werden konnte. Die Zeit wurde genutzt, neben der Mitgliederwerbung ging es vor allem darum, die nötigen Kosten decken zu können, denn erste Kostenvoranschläge beliefen sich auf 300 000 Mark. Museen, Banken, Sparkassen, Kaufhäuser, um nur einige zu nennen, ließen sich für die Idee begeistern. Inzwischen gehören dem Förderverein bundesweit 230 Mitglieder an.

Die Mühlen in der Region Quelle: ar

10 000 Besucher zählt die Mühle jährlich. „Um dies hier alles sorgenfrei gestalten zu können, müssten es doppelt so viel sein“, erläutert die Geschäftsführerin, die ganz leuchtende Augen bekommt, wenn sie von „ihrer Mühle“ spricht. „Mir gefällt ganz einfach die altmodische, charmante Atmosphäre in diesem Haus. Man fühlt sich zurückversetzt in die damalige Zeit.“

Sie liebt die Verse von Wilhelm Busch, der eigentlich Malerei studiert hatte, eher gezwungenermaßen zum Dichter wurde. In einem seiner Briefe an seinen Freund Erich Bachmann verriet er: „Ich schrieb die Gedichte, dem drängenden Ernährungstrieb folgend.“ Der Vater hatte seinem Filius nämlich unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass es nun langsam Zeit sei, sich sein eigenes Geld zu verdienen.

Gott sei Dank werden viele Wilhelm-Busch-Fans sagen, denn Gedichte wie die von der „Frommen Helene“ oder auch „Hans Huckebein“ hätte es sonst vielleicht niemals gegeben.

Deutscher Mühlentag am 10. Juni

Wassermühle Bilshausen, Mühlenstraße 2: Im Rahmen des Mühlentages gibt es eine Bilderausstellung von Harald Kijeski zu sehen mit dem Thema „Kunst im Mikrokosmos“ von der Galerie Art Supplement. Darüber hinaus gibt es Kaffe, Kuchen und Grillangebote sowie Honig-, Essig- und Likörangebote aus der Region.

Mühlenradanlage Bühren, im Grund 9: Hier handelt es sich um den Nachbau einer historischen Wasserradanlage. Ab 12 Uhr gibt es Informationsstände zu besichtigen, um 12.30 Uhr führt ein Rundgang zu den historischen Mühlenstandorten.

Wilhelm-Busch-Mühle in Ebergötzen, ab 10 Uhr: Führungen mit laufender Mühle, Kunsthandwerk, Entspannung und Kunst, Live-Musik, Kaffeetafel.

Mühlentag mit Kunsthandwerkermarkt im Brotmuseum Ebergötzen, 10 bis 17 Uhr: Kunsthandwerkermarkt, Weinstand, Showbacken,

Die Mühle am Opferteich in Moringen, Zum Opferteich 1, 30-minütige Führungen informieren mit Sagen und Geschichten über den Opferteich und die Heil- und Zauberpflanzen aus dem Mühlengarten. Kuchen, frisches Brot und Kulinarisches mit Kräutern aus dem Mühlengarten sowie eine Bastelaktion für Kinder runden das Programm ab.

Die Wassermühle Obermühle Rosdorf, Obere Mühlenstraße 3, von 11 bis 17 Uhr gibt es Mühlenführungen, Ponyreiten, Verkauf von Deko, Geschenken sowie Köstlichkeiten aus dem Naturkostladen.

Von Vicki Schwarze

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