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Thema des Tages Freiwillige berichten über ihre Palliativarbeit
Thema Specials Thema des Tages Freiwillige berichten über ihre Palliativarbeit
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00:28 08.06.2018
Ehrenamtliche unterstützen die Arbeit der Klinik für Palliativmedizin der UMG. Quelle: r
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Göttingen

Gegründet wurde der Ehrenamtliche Dienst 2008 auf Anregung von Prof. Friedemann Nauck, dem Direktor der Klinik für Palliativmedizin an der UMG. Naucks Intention damals war es, die Arbeit Ehrenamtlicher zu einem festen Bestandteil des ambulanten und stationären Versorgungsangebotes im Palliativzentrum zu machen. Und das scheint ihm gelungen zu sein: „Ehrenamtliche leisten wertvolle Hilfe und Unterstützung für schwerstkranke Menschen und ihre Angehörigen“, betont Nauck heute im Rückblick. Die Mitarbeiter würden als „Spezialisten des Alltags“ dazu beitragen, in Zeiten schwerer Erkrankung die individuelle Lebensqualität in den Blick zu nehmen.

Engagieren sich im Ehrenamtlichen Dienst für die Palliativarbeit (von links): Lena Deiseroth, Peter Burkhardt, Kathrin Heiß (hauptamtliche Mitarbeiterin) und Maria Blodau. Quelle: Markus Riese

2008 waren die Patienten auf der Palliativstation noch mobiler als heute

Einer von ihnen ist Peter Burkhardt. Er ist von Anfang an dabei, absolvierte als einer von 16 Teilnehmern den ersten Vorbereitungskurs im Jahr 2008. Das Interesse sei damals sogar noch sehr viel größer gewesen, erinnert sich der heute 72-Jährige. „Bei einer Informationsveranstaltung drängten sich 100 Leute in einen viel zu kleinen Raum“, schmunzelt er.

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Dass er einen der Plätze für den 120 Unterrichtseinheiten umfassenden Kurs bekommen hat, habe ihn sehr gefreut. „Es passte damals zeitlich alles gut zusammen“, erinnert er sich. Im Mai 2008 war Burkhardt, der bis dahin als wissenschaftlicher Mitarbeiter im medizinischen Rechenzentrum des Klinikums gearbeitet hatte, in den Ruhestand getreten – und im Februar habe er den Aufruf für den neuen Ehrenamtlichen Dienst gelesen. „Ich wollte in dieser Richtung auf jeden Fall etwas machen, zum Beispiel schwerkranken Menschen vorlesen“, erzählt Burkhardt. Vorlesen, das hatte er vorher auch schon ehrenamtlich im Weender Krankenhaus gemacht. „Damals waren die Menschen auf der Palliativstation insgesamt noch mobiler, sodass ich anfangs mehreren Patienten gleichzeitig vorlesen konnte. Mittlerweile geht das nur noch einzeln am Bett.“

Peter Burkhardt liest einmal wöchentlich schwerkranken Patienten vor.. Quelle: r

Der Rhythmus hat sich aber nicht geändert: Jeden Donnerstag nimmt sich Burkhardt Zeit fürs Vorlesen. „Das sind meistens Kurzgeschichten, weil die Aufmerksamkeit normalerweise höchstens für 15 Minuten reicht“, beschreibt er. Er wähle aus einem gewachsenen Repertoire aus. Wichtig sei, dass die Geschichten lustig oder auch spannend sind – bloß nicht zu traurig.

Dialoge über alles Mögliche

Ein zweites Betätigungsfeld hat Burkhardt in der sogenannten ambulanten Begleitung des Ehrenamtlichen Dienstes gefunden. Hierbei wird jeweils ein Patient über einen oftmals längeren Zeitraum in seinem eigenen Lebensumfeld begleitet, zum Beispiel im Alten- oder Pflegeheim. Das können auch schon mal drei bis vier Jahre sein. „Auch diese Arbeit macht mir wirklich viel Freude. Aktuell begleite ich zum Beispiel eine 93-jährige Dame, die in einem Altenheim lebt und die sonst keine Angehörigen hat. Da bin ich manchmal auch einfach nur der Zuhörer. Die Dame freut sich, wenn sie mal reden kann“, lächelt Burkhardt. Inhaltlich gehe es dann nicht so sehr um die Entwicklungen in der großen weiten Welt, sondern eher um den Heim-Alltag. „Grundsätzlich entstehen aber Dialoge über alles Mögliche“, sagt er. Auch dies mache er einmal pro Woche.

Motivation durch persönliches Schicksal

Genau wie Maria Blodau – wobei sie momentan gerade aussetzt: „Die letzte Begleitung war sehr anstrengend, deswegen mache ich im Augenblick eine Pause“, erklärt sie. Dies sei übrigens jederzeit möglich, wie Kathrin Heiß, eine der beiden hauptamtlichen Koordinatorinnen des Dienstes, zu berichten weiß: „Es gibt keine Zwänge. Das heißt auch, dass man sich durch die Teilnahme an einem Vorbereitungskurs nicht verpflichtet, anschließend wirklich eine Aufgabe im Ehrenamtlichen Dienst zu übernehmen.“ Dass Blodau sich vor acht Jahren sehr bewusst für eine solche Tätigkeit entschieden hat, hatte sehr persönliche Gründe: „Ich bin verwaiste Mutter eines behinderten Sohnes“, erzählt sie mit fester, selbstbewusster Stimme. Man habe ihrem Kind nach der Geburt ein Jahr gegeben – stolze 20 Jahre sind es dann geworden. „Ich habe mich schon in seinem letzten Lebensjahr immer wieder gefragt, was ich tun kann, wenn er eines Tages sterben wird“, so Blodau.

Ihre damalige Motivation hält sie auch heute noch für aktuell: „Die Sterbekultur in Deutschland muss sich dringend ändern“, findet sie. Ihr Sohn sei damals im Klinikum gestorben und anschließend für 72 Stunden zu ihr nach Hause gebracht worden. „Viele wissen bis heute nicht, dass das möglich ist“, betont Blodau. „Die Tatsache, dass wir Abschied nehmen durften, ist ein großes Geschenk gewesen. Und genau das muss man stärker unters Volk bringen“, erklärt sie einen ihrer Beweggründe für den Einstieg in den Ehrenamtlichen Dienst.

Mal dieselbe Wellenlänge, mal anspruchsvoll

Ihre erste Begleitung sei ein Mann aus Schweden gewesen, mit dem sie total auf einer Wellenlänge gelegen habe. „Wir sind beide mit den Rolling Stones sozialisiert worden. Es war so spannend mit ihm, weil der Gesprächsstoff nie ausgegangen ist“, erinnert sich Blodau gern zurück. Ein dreiviertel Jahr lang habe diese erste Begleitung gedauert. Später habe sie beispielsweise eine 96-jährige Dame begleitet, die künstlerisch sehr aktiv und auch sehr gebildet gewesen sei. „Das war eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, aber auch das habe ich wahnsinnig gern gemacht“, beschreibt die 62-Jährige, die ihre ehrenamtliche Tätigkeit aufgenommen hatte, als sie noch berufstätig war. Zu jener Zeit hatte sie eine halbe Stelle als Lehrerin. Ungewöhnlich sei das nicht; es gebe sogar Vollzeitbeschäftigte, die sich im Ehrenamtlichen Dienst engagieren.

Im Übrigen müsse das Engagement ja nicht zwingend aus einem wöchentlichen Zeiteinsatz bestehen. Es helfe auch schon, Bücher oder Selbstgebasteltes für die regelmäßigen Basare zu stiften, deren Verkaufserlös dann wiederum dem Ehrenamtlichen Dienst zugute kommt. „Wir bekommen Fördergelder von den Krankenkassen, müssen aber auch einen großen Teil der Kosten jährlich über Spenden finanzieren“, erklärt Heiß das Konstrukt. Deshalb seien finanzielle Zuwendungen sehr wichtig für die Arbeit der Ehrenamtlichen.

Mittagsdienst hält Ärzten und Schwestern den Rücken frei

Lena Deiseroth ist noch nicht so lange dabei wie Burkhardt und Blodau. Die 24-Jährige studiert Medizin an der UMG und hat ihren Vorbereitungskurs 2016 begonnen. Seit Anfang 2017 hilft sie nun regelmäßig direkt auf der Palliativstation, meist im sogenannten „Mittagsdienst“, außerdem in Form einer stationären Begleitung. „Im Mittagsdienst sorgen wir in der Zeit von 11.30 Uhr bis 14 Uhr vor allem für Entlastung“, beschreibt Deiseroth. Die Ärzte und Schwestern könnten sich dadurch gezielter mit der Übergabe vom Früh- an den Spätdienst beschäftigen. „Wir halten ihnen in dieser Zeit den Rücken frei“, sagt die engagierte Studentin. Da helfen auch schon vermeintlich banale Dinge wie die Betreuung des Telefons – oder nach den Bedürfnissen eines Patienten zu schauen, der die Klingel gedrückt hat. „Die Patienten sind oft total überrascht, dass sich auch junge Menschen wie ich engagieren. Und das ist meist auch schon der Gesprächseinstieg“, so Deiseroth. Die meist älteren Patienten berichten ihr dann beispielsweise, was in deren Jugend so angesagt war. Um „schwere“ Themen gehe es hier eher weniger.

Freundschaft ist keine Gefahr

Eine stationäre Begleitung hat Deiseroth zusätzlich für eine Frau übernommen, die ebenfalls Mitte 20 ist – und mit der sie sich inzwischen angefreundet hat. Fast jeden Tag besucht sie die Patientin. Eine Gefahr sieht sie im Aufbau der persönlichen Beziehung aber nicht: „Es geht da ja nicht um mich, sondern darum, was der oder die andere gerade braucht“, stellt sie uneigennützig fest. Klar nehme man das eine oder andere mit nach Hause, aber nicht nur Belastendes, sondern zum Beispiel auch die Erkenntnis, dass es einem selbst gut geht. „Ich weiß das durch diese Arbeit noch mehr zu schätzen“, betont die 24-Jährige. Andere würden sich darüber wahrscheinlich weniger Gedanken machen. Dasselbe gelte auch für das gesellschaftliche Tabuthema Tod.

Supervision und Praxisbegleitungen

Ehrenamtliche unterstützen die Arbeit der Klinik für Palliativmedizin der UMG. Quelle: r

Damit die Ehrenamtlichen mit dem, was sie erleben, nicht allein dastehen, gibt es neben dem Angebot der Supervision auch monatliche Praxisbegleitungen in zwei Gruppen, bei denen alle aufgefordert sind, über ihre Erfahrungen zu berichten. Hier werden auch Tipps und Ratschläge weitergegeben und Führungen – etwa durch die Pathologie – oder Vorträge zu relevanten Themen wie Klinikseelsorge oder Demenz organisiert. Den regelmäßigen Erfahrungsaustausch halten Burkhardt, Blodau und Deiseroth für enorm wichtig. „Ich fühle mich davon aufgefangen“, sagt die Studentin. Von einem „starken Zusammengehörigkeitsgefühl“ spricht die frühere Lehrerin. Wenn Bedarf besteht, stehen Heiß und ihre Kollegin Uta Künemuth auch für Einzelgespräche mit den Ehrenamtlichen zur Verfügung.

Mitarbeiter aus allen Schichten und Altersgruppen

Den typischen Mitarbeiter im Ehrenamtlichen Dienst gibt es übrigens nicht. Heiß: „Es sind alle Altersstufen zwischen 20 und 80 Jahren vertreten“, beschreibt sie die Bandbreite. Von der Reinigungskraft bis hin zu Ärzten, Juristen und Wissenschaftlern sei alles dabei. Und sie alle machen das, abgesehen von der Erstattung von Fahrtkosten, ohne Vergütung. „Das, was sie geben, kann man nicht einkaufen“, betont Heiß. „Es ist nicht immer leicht, aber gleichzeitig ist diese Arbeit eine große Bereicherung für mich“, fasst Blodau schließlich zusammen. Burkhardt und Deiseroth nicken zustimmend.

Was genau ist der „Ehrenamtliche Dienst“?

Der Ehrenamtliche Dienst ist ein Ambulanter Hospizdienst – mit der Besonderheit, dass dieser einer Krankenhausabteilung angeschlossen ist. Es wird eine enge Zusammenarbeit mit dem Ambulanten Palliativdienst, der Palliativstation, dem Bereich Forschung und Lehre sowie der Mildred-Scheel-Akademie gepflegt, ebenso mit dem Hospiz an der Lutter. Im Vordergrund steht die Begleitung und Unterstützung schwerkranker und sterbender Menschen, ihrer Angehörigen und Freunde – unabhängig von Konfession, Nationalität oder Weltanschauung. Seit der Gründung haben sich in sieben Vorbereitungskursen, die sich über ­jeweils ein Jahr erst­recken, 115 Menschen für diese Arbeit befähigen lassen. Sie engagieren sich auf vielfältige Weise – auch öffentlich: zum Beispiel für die jährliche Benefiz-Aktion „Miteinander – füreinander“ im „Kauf Park“.

Wie kann ich mich für eine Tätigkeit bewerben?

Wer sich engagieren möchte, kann sich für die Teilnahme an einem Vorbereitungskurs bewerben. Informationen hierzu gibt es bei den Koordinatorinnen Kathrin Heiß und Uta Künemuth, Telefon: 0551 / 3910514, E-Mail: ehrenamt-pzg@med. uni-goettingen.de. Auch kürzere Hospitationen, etwa bei den Kaffeetafeln auf der Palliativstation, seien denkbar. „Die Tätigkeitsfelder im Ehrenamt haben sich in den vergangenen zehn Jahren stark verändert“, sagt Heiß, die von Anfang an dabei war. Einen geballten Zulauf wie im ersten Jahr, als man problemlos drei Vorbereitungskurse hätte füllen können, gebe es nicht mehr. „Das verteilt sich heute mehr über das ganze Jahr“, so Heiß. Wer sich finanziell engagieren möchte, kann an den Göttinger Schmerz- und Palliativverein spenden, IBAN DE31 26 05 0001 0019 0089 03 bei der Sparkasse Göttingen, BIC: NOLADE21GOE.

Wie wird das zehnjährige Bestehen gefeiert?

Die öffentliche Festveranstaltung beginnt am Mittwoch, 6. Juni, um 16.30 Uhr im Hörsaal Med 25 (Von-Siebold-Straße 3 / Eingang Kreuzbergring). Nach Grußworten unter anderem von Prof. Friedemann Nauck (Direktor der Klinik für Palliativmedizin), Rolf-Georg Köhler (Göttinger Oberbürgermeister, SPD), Sandra Seelke (Ehrenamtliche) und Gert Klaus (Vorsitzender Hospiz- und Palliativverband Niedersachsen) stehen zwei Vorträge auf dem Programm: Der Schauspieler und Musiker Tom Simon und die in der Klinik für Palliativmedizin tätige Oberärztin Dr. Gesine Benze sprechen ab 17.15 Uhr über „Humor am Lebensende“. Von 18.15 Uhr an geht es im Vortrag von Gerda Graf, der Ehrenvorsitzenden des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes, um „Ehrenamtliche Hospizarbeit auf dem Weg“. Zum Abschluss ist für 19 Uhr ein Sektempfang vorgesehen.

Von Markus Riese