Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Thema des Tages Zum Skihaserl degradiert
Thema Specials Thema des Tages Zum Skihaserl degradiert
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:19 31.01.2017
Von Rupert Fabig
Rupert Fabig: Zum ersten Mal in seinem Leben als Skihase unterwegs – am Matthias-Schmidt-Berg in St. Andreasberg.
Rupert Fabig: Zum ersten Mal in seinem Leben als Skihase unterwegs – am Matthias-Schmidt-Berg in St. Andreasberg. Quelle: r
Anzeige

St. Andreasberg. Im Fernsehen sieht es immer so einfach und spielerisch aus, wenn Felix Neureuther und Marcel Hirscher die steilsten Pisten der Welt bezwingen. Da sollte der Matthias-Schmidt-Berg in St. Andreasberg doch kein Problem sein,  ungeachtet dessen, dass ich nie zuvor auf Skiern gestanden habe. Daher wird der vom Skiklub Göttingen organisierte Ausflug in den Harz mit großen Erwartungen angegangen.
Am Skiverleih bekomme ich zwei relativ kurze Bretter in die Hand gedrückt, die für Anfänger geeignet sind. Trotzdem meinen die erfahrenen Göttinger Skifahrer: „Die sind aber selbst für dich zu klein.“ Zumindest rutschen sie erstaunlich gut, wie ich umgehend feststelle. An einem winzigen Flachhang wird geübt. Problem: Bergauf wird sich durch seitliches Treppensteigen vorgearbeitet – auf Dauer sehr anstrengend. Abwärts geht‘s zehnmal so fix. „Die Skispitzen zeigen nach innen und berühren sich fast, Körperschwerpunkt vorne, damit ihr nicht zu schnell werdet“, erklärt Skilehrer Uli Bitter vom Skiklub. Zügig kommt es mir trotzdem vor, wenngleich diese Vorgabe einfach umzusetzen ist. Schwieriger wird es mit den Kurven. Wer nach links will, muss das Gewicht auf den rechten Ski verlagern, was eine automatische Drehung in die entgegengesetzte Richtung zur Folge hat. Die sichere Ausführung werde ich im Lauf des Tages nicht mehr lernen.
Während der sechsjährige Felix und die 14-jährige Jonte schnell zu den Fortgeschrittenen dürfen, wird Gustavo Moreno Morales, bekannt unter anderem durch eine Radtour durch seine Heimat Kolumbien, fortan zu meinem Leidensgenossen. „Die beiden brauchen noch etwas mehr Zuwendung“, synonymisiert Bitter freundlich die Feststellung, dass wir es schlicht nicht drauf haben.
In der Mittagspause werden vorzügliche Wildschwein-Bratwürste in der Skihütte vertilgt, danach geht es auf den Matthias-Schmidt-Berg zum richtigen Abfahren. Oder Wedeln, wie die Pistenprofis es nennen. In möglichst flachem Winkel zum Hang, was durch stets zum Berg geneigte Knie erreicht wird, schlittern wir ins Tal. Das Tempo ist nicht sonderlich hoch, der Spaßfaktor dafür umso mehr. Kaum auszudenken, wie sich das für geübte und begabte Fahrer anfühlen muss.
Wieder nach oben geht es mit einem Ankerlift, einer Art Bügel, der den Alpinisten von hinten anschiebt. Das Bedauerliche daran: Eher würde Sigmar Gabriel eine Mascarpone-Creme verschmähen, als dass ein Ungeübter sturzfrei am Gipfel ankommt. Dennoch halten sich Gustavo und ich erstaunlich wacker, ehe dem Südamerikaner auf halber Strecke der Ski wegdriftet. Mich beeindruckt, dass er noch im Sturz einen spanischen Fluch an den Mann bringt, der vom männlichen Nachkommen eines Freudenhausmädchens handelt. Alleine ergeht es mir bei der nächsten Auffahrt auch nicht besser. Im Gegenteil: Vor den Augen von gut 50 anstehenden Abfahrern rutscht mir der Lift unter dem Hintern weg, auf den ich mich folglich lege. Höchstblamage.
Zu allem Überfluss folgen die ersten, wenngleich völlig harmlosen Stürze auf der Abfahrt. Aus unbegründeter Sorge um die Knie – die Bindung des Skis öffnet sich rechtzeitig – wird fortan gehemmt gefahren. Das Rutschen am Hang bereitet nach wie vor große Freude, Kurven werden dafür nach Möglichkeit vermieden, so dass es auf unkonventionellen Wegen nach unten geht, was mir den Zorn eines kreuzenden Skihaserls einbringt. Überhaupt scheinen Schimpfwörter auf Pisten zum guten Ton zu gehören, Snowboardern dienen sie offenbar sogar als Begrüßungsformel.
Nach fünf Abfahrten entscheiden sich Gustavo und ich, die Skistiefel für heute an den Nagel zu hängen, bevor sie für uns noch zum Sargnagel werden. Die letzte Fahrt wird per Sessellift in Angriff genommen. Auf die verwunderte Frage des Liftführers, warum wir nicht auf Skiern bergab düsen, antwortet Gustavo treffend: „Anfänger“.
Das Ausziehen der extrem drückenden Stiefel sorgt für pure Erleichterung, ebenso wie die Gewissheit, noch unversehrt zu sein. Eine baldige Wiederholung wird jedoch in Erwägung gezogen. Die Wildschwein-Bratwürste wären eine Tour wert.

Skiklub Göttingen hat ein Herz für Wintersport-Fans

 Skiklub Göttingen – der Vereinsname lässt keinen Zweifel aufkommen, Wintersport gehört mit zum Angebot. Dabei sind Göttingen und die nähere Umgebung nicht zwingend ein Wintersport-Eldorado.
Macht aber nichts, denn die Verantwortlichen sind für den gut eine Stunde entfernt liegenden Harz durchaus dankbar. In den Wintermonaten, wenn die Schneelage es zulässt, setzen sie jeweils am Sonntag einen Skibus ein, der die Fans der weißen Pracht beispielsweise nach St. Andreasberg fährt.
Für einen echten Könner ist das Skigebiet natürlich zu klein und nicht anspruchsvoll genug, aber darum geht es den Göttingern auch gar nicht. Sie wollen vor allem Anfängern den Spaß an dem technisch anspruchsvollen Sport vermitteln. „Für Kinder und Jugendliche sind die Harzfahrten umsonst, denn es geht natürlich auch darum, neue Mitglieder zu werben“, gibt der Vorsitzende des SK 56, Ulrich Bitter, unumwunden zu. Aber auch Familien nützen häufig das Angebot.
Lizensierte Skilehrer unterweisen die Lernwilligen in den Disziplinen Alpin, Snowboard und Langlauf. Auch Skiwandern ist im Angebot. „Allerdings wird dies nicht so sehr nachgefragt“, berichtet Bitter.
Über Ausrüstung und Schuhe muss sich keiner Gedanken machen, beides kann geliehen werden. Was man darüber hinaus im Gepäck haben sollte, dafür ist jeder allein verantwortlich, aber sehr förderlich wäre eine gewisse Grundkondition. „Eine sportliche Beweglichkeit sollte schon gegeben sein“, erläutert Bitter.
Die meisten Teilnehmer sind relativ schnell infiziert und nehmen anschließend gern an den mehrtägigen Skifreizeiten teil. Beispielsweise in den Zeugnisferien ist eine Gruppe von 69 Teilnehmern zur ­
Ski- und Snowboardfreizeit in ­Sölden unterwegs. Aber auch nach Achenkirch (Alpin/Langlauf) oder in den Böhmerwald (Langlauf) bietet der Skiklub Fahrten an.
Das übrige Jahr, denn zum großen Leidwesen der Wintersportfans ist die Saison ja nicht so lang, halten sich die Vereinsmitglieder in den anderen Sparten des Clubs fit, beispielsweise bei der Konditionsgymnastik, beim Yoga oder auch Badminton. vw