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Unter uns Alte Schellack-Platten knistern geheimnisvoll
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Die ganze Wohnung steht voll mit alten Grammophone und Schellack-Platten: Sascha Hawranke legt auf. Quelle: Theodoro da Silva

Im Leben gibt es immer wieder Weichenstellungen, wo es in der einen oder in der anderen Richtung weitergehen kann“, meint Sascha Hawranke. In der Silvesternacht 1982/83 erlebte der damals 13-Jährige das selbst. Durch Zufall hörte er im Radio eine Sendung über Grammophon-Musik. Fasziniert lauschte er den vorher nie gehörten Klängen. Das geheimnisvolle Knistern der Platten packte ihn. Sein Leben nahm eine unerwartete Wendung.

In der Sendung wurde ein alter Mann als Experte befragt. Begeistert schrieb ihm Hawranke. Der Ingenieur im Ruhestand antwortete aus Ludwigshafen. Es entwickelte sich eine Brieffreundschaft. Der Senior, dem Göttingen ein Begriff war – er hatte früher eine zeitlang beim damals in Weende ansässigen Optikunternehmen Isco gearbeitet – gab dem Jungen Ratschläge. Der besuchte eifrig Flohmärkte. Mit dem Geld, das er zur Konfirmation bekam, kaufte er sich sein erstes Grammophon, einen Schrankapparat mit integriertem Tontrichter aus dem Jahr 1900. Dazu erstand er die ersten Platten.

Vom Grammophon überspielt

Alte Menschen, die vom Hobby des jungen Mannes erfuhren, vermachten ihm ihre Platten. Sie waren froh, sie in gute Hände zu geben. Die junge Generation war in den 50er Jahren auf die Vinyl-Platte umgestiegen. Kostbare Schätze drohten bei Umzügen und Haushaltsauflösungen im Müllcontainer zu enden. Hawranke zeigte sich für die Geschenke erkenntlich und überspielte die Musik zum Teil auf Kassette. Viele der älteren Herrschaften besaßen selbst kein Grammophon mehr. So konnten sie nun wieder die Lieder ihrer Jugend hören.

„Meine Eltern hielten mein Hobby zunächst für einen Tick“, verrät der Sammler. Sie hätten ihn aber im Rahmen ihrer Möglichkeiten unterstützt. Verwundert reagierten die Klassenkameraden. Dass sich jemand für Tanzmusik und Schlager der 30er- und 40er Jahre begeisterte, überstieg ihren Horizont. Einen Schulfreund konnte Hawranke jedoch begeistern. Später fand er noch weitere Gleichgesinnte in der Region. So viele Platten wie er – mittlerweile mehr als 10000 Stück – hat indes keiner.

Über die Grammophon-Musik erwachte das Interesse des Sammlers am Klavierspiel neu. „Mit elf Jahren hatte ich ein paar Stunden genommen“, erinnert er sich. Die Lehrerin war jedoch Kirchenmusikerin. Die Auswahl der Stücke entsprach nicht Hawrankes Neigungen. Mit 14 Jahren setzte sich der Junge nun alleine ans Klavier und spielte die Grammophon-Stücke nach. Ohne Noten entwickelte er dabei ein solches Talent, dass er mittlerweile für Feiern als Klaiverspieler engagiert wird. 60 Titel kann er auswendig.

Bei seinen vielen Flohmarktbesuchen deckte sich Hawranke auch mit alten Uhren ein. Mehr als 40 Stück hat er im Laufe der Jahre zusammengetragen. Allein das Aufziehen am Wochenende dauert eine Stunde. Manche Uhr musste er reparieren. Auch das brachte er sich autodidaktisch bei. Er erledigt solche Arbeiten auch für andere. Dabei hat er Bewegendes erlebt. Eine alte Dame hatte eine Uhr in den Kriegswirren aus ihrer oberschlesischen Heimat retten können. Kurz darauf gab das gute Stück seinen Geist auf. Hawranke zerlegte und reinigte sie. Als die Frau die Uhr nach Jahrzehnten das erste Mal wieder schlagen hörte, liefen ihr die Tränen über die Wangen.

Die Begeisterung für Schellack-Platten und alte Uhren versucht Hawranke seiner Frau und ihren drei, noch kleinen Kindern weiterzugeben. Seine Hoffnung ist, dass auch bei ihnen in einem magischen Moment der Funke überspringt.

Kontakt: Sascha Hawranke, Telefon 05508/979616.

Von Michael Caspar

Folge vom 9. Juli 2009

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