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Unter uns Annette Hirt bedient ihren PC durch Anpusten
Thema Specials Unter uns Annette Hirt bedient ihren PC durch Anpusten
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Bei Spinaler Muskelatrophie bilden sich die Muskeln zurück: Akademikerin Annette Hirt.
Bei Spinaler Muskelatrophie bilden sich die Muskeln zurück: Akademikerin Annette Hirt. Quelle: BB
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In ihrem Bücherregal stehen römische Schriftsteller wie Ovid und Caesar. Annette Hirt liest sie im Original. Zum Umblättern benutzt die fast vollständig gelähmte Reinhäuserin eine Apparatur, die sich durch Anpusten bedienen lässt. Hirt leidet unter der genetisch bedingten Krankheit Spinale Muskelatrophie. „Das ist etwas anderes als ALS, woran der englische Physiker Steven Hawkings erkrankt ist“, stellt Hirt klar. Bei der Spinalen Muskelatrophie funktioniert die Übertragung der Impulse von den Nervenenden auf die Muskeln nicht in ausreichendem Maße. Die Muskulatur erschlafft und bildet sich mit der Zeit zurück. Hirt hat nie gehen können. Als Grundschülerin vermochte sie jedoch noch ihre Arme zu bewegen. Im Rollstuhl nahm sie am Unterricht teil. Mit elf Jahren erreichte die Lähmung ihre Hände. Lehrer der IGS Geismar erteilten ihr zu Hause Unterricht. „Das war natürlich klasse“, kommentiert Hirt. Seit 1987 arbeitet sie am Computer, den sie ebenfalls durch Pusten bedient.

1991 bestand sie ihr Abitur. Damals erfasste die Lähmung die Atemmuskulatur. Seither muss sie nachts beatmet werden. Weil Erkältungskrankheiten ihr schwer zu schaffen machen, bleibt sie vorsorglich den Winter über in ihrem Zimmer. „Von meinem Bett aus habe ich einen schönen Blick auf unseren Hausberg, den Mensing“, sagt sie und ergänzt: „Allerdings bleibt mir selten Zeit aus dem Fenster zu schauen. Mehrere Stunden am Tag nimmt die Pflege in Anspruch. In den verbleibenden sieben Stunden habe ich viel zu tun.“

„Erfindung des Jahrtausends“

In den vergangenen Jahren hat Hirt an der Universität Göttingen ein Studium absolviert, ohne in die Hochschule kommen zu müssen. Mit dem Ziel, später einmal als Übersetzerin zu arbeiten, begann sie mit Englisch und Französisch. Dass ihr fremde Sprachen Spaß machen, hat sie auf Reisen erlebt, die sie mit ihren Eltern in fast alle westeuropäischen Länder unternahm. Während des Studiums entdeckte sie ihre Liebe zu Latein und gab Französisch auf. Kommilitonen besuchten sie. Für ihre Hausarbeiten recherchierte Hirt in den Online-Katalogen der Bibliotheken. „Das Internet ist die beste Erfindung des vergangenen Jahrtausends“, meint sie. Seit vier Jahren verfügt ihr Computer über ein Spracherkennungsprogramm, was das Schreiben erleichtert. Im Februar 2004 bestand sie ihr Examen. „Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mir das Studium ermöglicht haben. Es hat meine Lebensqualität enorm gesteigert“, erklärt die 37-Jährige. Nun sucht sie einen Telearbeitsplatz.

„Am liebsten würde ich freiberuflich für einen Verlag arbeiten“, sagt sie. Vor kurzem übersetzte die Akademikerin eine Broschüre über die Kirche in Altentreptow ins Englische. Dort ist einmal mit ihren Eltern gewesen. In ihrer Freizeit telefoniert sie mit Freunden, surft im Internet oder liest Krimis. „Schwedische sind die besten“, meint sie. Da kommen auch Ovid und Caesar nicht mit.

Von Michael Caspar

Folge vom 22. Juni 2006