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Hobbyautorin: Heike Goliberzuch aus Diemarden erzählt Kurzgeschichten.
Hobbyautorin: Heike Goliberzuch aus Diemarden erzählt Kurzgeschichten. Quelle: Heller
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Ich war noch nie beim Friseur“, sagt Heike Goliberzuch lachend und nimmt einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. Aber vorstellen kann sie sich, wie ein Friseurbesuch aussieht. Und sie erzählt auch davon – denn Heike Goliberzuch hat ihre Leidenschaft gefunden: das Schreiben. In Kurzgeschichten erzählt sie von Alltagssituationen, auch von solchen, die sie nicht aus eigener Erfahrung kennt. Damit belegte Goliberzuch in diesem Jahr den dritten Platz der Literaturbörse des Offenen Kanals in Kassel.

Als die heute 42-jährige Mutter von zwei Kindern Anfang der 90er Jahre von einem kleinen Dorf außerhalb Göttingens ins Nächste zog – nach Diemarden – musste das neue Zuhause erst einmal renoviert werden. Der Umbau brachte damals viele Probleme mit sich: morsche Balken und viel Stress. Das war der krasse Gegensatz zu den Beschreibungen in dem Buch „Landluft“ von Wolf Ückers, welches sie gerade las: Da ging es um ländliche Idylle, Ruhe, Störche, die auf Dächern nisten.

Der Wunsch, die Probleme des Umzugs aufzuschreiben, gab Heike Goliberzuch den Anstoß. Damals setzte sie sich zunächst tagebuchartig mit dem Erlebten auseinander, schrieb „für die Schublade“, wie sie selbst sagt. Familie und Freunde konnten sie schließlich dazu bewegen, ihre Geschichten öffentlich zu lesen: Das tat sie dann zum ersten Mal 1997 in der historischen Spinnerei Gartetal in Klein Lengden. Hier präsentierten Frauen aus der Umgebung eigene Bilder und Texte. Aber auch danach musste Goliberzuch immer überredet werden, an die Öffentlichkeit zu treten.

Sommerspekulatius

So auch zur Teilnahme an der Kasseler Literaturbörse 2002, wo sie mit ihrer Kurzgeschichte „Datenlos oder Sommerspekulatius“ den dritten Preis gewann. 2005 erreichte sie dann mit ihrer Geschichte „Gemeinsamkeiten bei Fragen“ noch einmal Platz Drei. „Gott sei Dank habe ich erst im Nachhinein erfahren, dass auch Autoren Texte eingeschickt haben, die bereits Bücher veröffentlicht haben. Sonst hätte ich nie teilgenommen“, gesteht sie selbstkritisch, aber von Ernsthaftigkeit keine Spur. Lebendig und offen erzählt Heike Goliberzuch von sich, im Redefluss springt sie mal hierhin, mal dorthin, immer zum Scherzen aufgelegt.

Ihre Kurzgeschichten handeln von Banalitäten, denen jeder Mensch im Alltag begegnet. „Jeder Schriftsteller weiß, dass schreiben mit dem Leben zu tun hat“ – an diesem Leitsatz orientiert sich Heike Goliberzuch. Den Stoff für ihre Texte liefert die nächste Umgebung – Beobachtungen anderer und eigene Erfahrungen vermischen sich dabei und regen zum Schreiben an. Ihre Geschichten sind deshalb nur teilweise autobiografisch. Beim Verfassen versucht die Hobbyautorin immer eine freundliche Ironie einfließen zu lassen. So entstanden Texte wie „Gesundheitskassen“, „Antiker Tisch und Beinrasur“ oder „Intimitäten beim Einkauf“.

Ich-Form und Präsens

Die Geschichten sind nie länger als ein bis zwei Seiten: „Wenn ich mich an einer Sache so festbeißen muss, ist mir das zu langweilig,“ erklärt sie. Wichtig ist Goliberzuch, dass der Leser sich mit dem Geschriebenen identifiziert. Das drückt sich auch in ihrem Schreibstil aus: Ich-Form und Präsens. Damit will sie die Gedankengänge ihrer Figuren für den Leser nachvollziehbar machen.

Heike Goliberzuch kann sich durchaus vorstellen, ihre Kurzgeschichten an einen Verlag zu schicken. Überall im Haus – in Schubladen, Ordnern und auf dem PC – finden sich unzählige bedruckte und handbeschriebene lose Blätter. Genug Material also. Einige Texte hat sie sogar zu einer Sammlung gebunden und Freunden geschenkt. Das Schreiben zum Beruf machen, das wäre jedoch nichts für sie: „Der Druck würde mir nicht gefallen. Ich gucke einfach, was kommt.“ Heike Goliberzuch hat ihre Passion gefunden. Anerkennung braucht sie nicht – sie geht ihrem Hobby aus reiner Freude am Schreiben nach. „Ich möchte einfach die eigene Sicht von Alltäglichkeiten wiedergeben, denn viele verlieren den Blick dafür.“ Und wenn ihre Kurzgeschichten jemandem gefallen, freut sie sich umso mehr.

Von Martina Rippholz

Folge vom 7. September 2005