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Unter uns „Ein Rad, das sich nicht mehr anhalten lässt“
Thema Specials Unter uns „Ein Rad, das sich nicht mehr anhalten lässt“
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Wohnt „im Unruhestand“ im GDA-Wohnstift in Geismar: Im Mittelpunkt von Ursula Butkereits Leben stehen Bücher.
Wohnt „im Unruhestand“ im GDA-Wohnstift in Geismar: Im Mittelpunkt von Ursula Butkereits Leben stehen Bücher. Quelle: Hinzmann
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Spinnweben zur Versorgung offener Wunden, eine Diskussion über das Pro und Contra langer Hosen für Kinder, ein Bauer, der seine Frau vor den Pflug spannt, um die Zugtiere zu schonen oder das Fegen von ohnehin „zu geleckt“ aussehenden Waldwegen am Hainberg im Herbst – all das stand vor 100 Jahren in Göttinger Zeitungen „Die Göttinger sind ulkige Leute“, kommentiert Ursula Butkereit ihre Zufallsfunde beim Durchstöbern von Zeitungen.

In der ulkigen Stadt lebt die 76-Jährige aber schon seit 38 Jahren ganz gern. Geboren wurde sie 1929 in Zossen bei Berlin. Schon als Vierjährige erhielt sie Unterricht von einem Hauslehrer, war ihren Mitschülern bei der Einschulung um Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen voraus. „Ich habe nie Schularbeiten gemacht“, erinnert sich die Rentnerin. Es folgten Internate in Potsdam und Berlin sowie eine Ausbildung zur Buchhändlerin und Bibliothekarin.

Dann Arbeit im Buchhandel und mehr: „Ich hatte noch drei bis vier Jobs nebenher: als Mannequin, Fotografin und Sekretärin mit EDV-Kenntnissen“, erzählt sie. 1968 kommt Butkereit nach Göttingen, verkauft ein halbes Jahr lang Bücher und sattelt dann um: Sieben Jahre lang leistet die Wahlgöttingerin „Büroarbeit mit technischen Finessen“ in einem Göttinger Unternehmen, betreut dort nebenher die Firmenbibliothek und fungiert als Hausfotografin. Sie wechselt 1976 als Fremdsprachenkorrespondentin zur Sternwarte. Dort ist sie nebenbei für die Produktion der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ zuständig. Von 1981 bis 1992 kehrt Butkereit zurück in die Welt der Bücher – als Bibliothekarin in der Universitäts-Bibliothek.

Seit ihrer Pensionierung ist sie frei von beruflichen Verpflichtungen, nicht aber von Neugier und Tatendrang. Mit Eintritt ins Rentenalter engagiert sie sich für den Naturschutzbund (Nabu) in Göttingen. Für Broschüren zur Geschichte und zum Naturschutz am Hainberg recherchiert sie monatelang in den Mikrofilm-Zeitungsarchiven ihres ehemaligen Arbeitsplatzes, wühlt sich durch ganze Jahrgänge der Göttinger Zeitung und des Tageblattes aus dem 19. und 20. Jahrhundert.

Abwechslung vom Fachchinesisch bringen ihr die ulkigen „Göttinger Döneken“ – die Geschichten von Bienenvölkern, die Beerdigungen stören oder einem Gänseliesel, das an Verstopfung leidet, nutzt Butkereit, um den Charakter der Stadt und ihrer Bewohner zu studieren. „Historische Alltagsforschung“ nennt sie das. Veröffentlicht hat sie die so gewonnenen Erkenntnisse allerdings nicht – für ein weiteres Buch fehlt der Rentnerin einfach die Zeit.

Schließlich hat sie sich im Ruhestand erneut auf die Literatur zurückbesonnen. Im GDA-Wohnstift unterhält die Rentnerin einen Buchladen, der, wie die von einer anderen Bewohnerin betreute Leihbibliothek, dreimal wöchentlich geöffnet ist. Bestückt wird Butkereits Geschäft aus alten Buchbeständen – Spenden für die alljährlichen Hausbasare.

Die Seniorin hat für den Wohnstift eine weitere Einnahmequelle erschlossen: Sie durchforstet die Bestände nach Raritäten, die an Antiquariate verkauft werden. Die Erlöse aus Basar und Buchhandel fließen in neue Bücher für die Leihbibliothek.

„Immer auf Trab“

Viel Zeit verschlingen ihre sonstigen Interessen: Regelmäßig besucht und betreut die 76-Jährige kulturelle Veranstaltungen im Wohnstift. Jeden Morgen radelt sie zehn Kilometer auf dem Heimtrainer – an der frischen Luft auf dem Balkon ihres Appartements. Und täglich geht sie in der Mittagszeit zwei Stunden lang spazieren. Im Ruhestand sieht sich Butkereit noch lange nicht, „eher im Unruhestand. Ich bin eigentlich immer auf Trab – wie ein Rad, das sich nicht mehr anhalten lässt“.

Von Katharina Klocke

Folge vom 7. Januar 2006