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Unter uns „Erste Eindrücke waren schockierend“
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Jetzt ist auch der letzte Koffer daheim: Diethelm Schneemann packt seine Ausrüstung aus.
Jetzt ist auch der letzte Koffer daheim: Diethelm Schneemann packt seine Ausrüstung aus. Quelle: BB
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Der letzte Koffer, genauer eine gelbe Post-Kiste, ist vor wenigen Tagen angekommen – per Post. Seine Ausrüstung hat Diethelm Schneemann als Postbeamter natürlich mit der Feldpost von Bosnien ins heimische Rittmarshausen geschickt. Immerhin saß er dafür in den vergangenen sechs Monaten genau an der richtigen Stelle: Der 54-Jährige war bei der Feldpost im Feldlager Rajlovac bei Sarajevo im Einsatz.

Normalerweise steht Schneemann in Diensten der Deutschen Post und arbeitet am Schalter in der Postfiliale am Göttinger Bahnhof. Und dort nahm sein Bosnien-Einsatz auch seinen Anfang. Ein Göttinger Mediziner hatte ein Paket abgeholt, dessen Absender den Rittmarshäuser neugierig machte. Auf Nachfrage erfuhr Schneemann, dass der Empfänger des Pakets als Stabsarzt im Rahmen des EUFOR-Kontingents der Europäischen Union in Bosnien-Herzegowina im Einsatz war. Der Mediziner habe ihn gefragt: „Warum machen sie das nicht auch?“, erinnert sich der 54-Jährige.

Schneemann freundete sich mit dieser Idee an und bewarb sich bei der Zentrale der Feldpost in Darmstadt, über die sämtliche Postsendungen für die Soldaten und Zivilmitarbeiter der Bundeswehr in die jeweiligen Einsatzgebiete verschickt werden. Wichtig sei dabei, erklärt Schneemann, dass auf der Post die korrekte Bezeichnung vermerkt sei: EUFOR für Bosnien, KFOR für den Kosovo und ISAAF für Afghanistan. Bei Post an Soldaten im Auslandseinsatz gelte übrigens das normale Inlandsporto.

Es folgten zwei Feldpost-Lehrgänge und eine dreistufige Ausbildung durch die Bundeswehr, erinnert sich der Gleichener Gemeinderat. Vor allem die realitätsnahe Übung einer Geiselnahme habe ihn beeindruckt: „Obwohl man weiß, dass es nur eine Übung ist, ist das ein komisches Gefühl, wenn einem plötzlich einer einen Sack über den Kopf stülpt und man stundenlang in einem Keller gefangen gehalten wird.“

„Überall zerschossene Häuser“

Entsprechend vorbereitet startete Schneemann dann am 22. September vorigen Jahres zu seinem Bosnien-Einsatz. Nach der Landung auf einer amerikanischen Airbase in Tusla ging es mit dem Bus zum Ziel, dem Feldlager Rajlovac in der Nähe von Sarajevo. Die ersten Eindrücke: „Überall zerschossene und verlassene Häuser und rote Schilder, die vor Minen warnen“, erinnert sich der Rittmarshäuser. „Das hat mich tagelang beschäftigt.“

Das Feldlager in einer ehemaligen jugoslawischen Kaserne ist „beinahe so groß wie Rittmarshausen“, berichtet Schneemann. Rund 1200 deutsche Soldaten, 200 Franzosen, 200 Italiener, eine albanische Kompanie zur Bewachung und etwa 300 einheimische Zivilkräfte leben dort miteinander. Neben Treffpunkten, Laden, Sport- und Freizeitangeboten und sogar einer eigenen Lagerzeitung zählt der Feldpostschalter zu den wichtigsten Einrichtungen.

„Die Post hat hier einen ganz anderen Stellenwert,“ so der 54-Jährige, „vor allem an Weihnachten“. Von hier aus werden Briefe und Pakete an die Kompanien verteilt. Zusammen mit drei weiteren Feldpostsoldaten stellte der Rittmarshäuser die Postversorgung und damit den Kontakt der Soldaten in die Heimat sicher. „Am Feldpostschalter hat man Kontakt zu fast jedem,“ beschreibt Schneemann sein Gefühl, den Leuten damit behilflich sein zu können.

Seine Stube teilte sich der Postler mit zwei Kameraden. Doch obwohl sich die Männer gut verstanden haben, „ist man ja kaum einmal für sich allein“. Für Abwechslung sorgten neben den Veranstaltungen innerhalb des Lagers – wie etwa die Zelt-Beach-Party an Weihnachten – Ausflüge nach Sarajevo oder in die nähere Umgebung. „Aus dem Lager durfte man nur mit Begleitperson raus,“ so Schneemann, „und immer in Uniform“. Beeindruckend fand er die Besuche in Sarajevo, aber auch im nahe gelegenen ehemaligen Olympiagelände. „Das ist fast restlos zerstört“, schildert er und schätzt, dass es mindestens eine Generation dauern werde, bis in Bosnien wieder Normalität einkehre.

„Anstrengende Zeit“

Schneemanns Fazit seines sechsmonatigen EUFOR-Einsatzes, der lediglich durch einen zweiwöchigen Heimaturlaub unterbrochen war: „Das ist eine Erfahrung, die ich für mich selbst nicht missen möchte.“ Mit gemischten Gefühlen kommentiert Birgit Schenke-Schneemann den langen Auslandsaufenthalt ihres Mannes: „Das war eine anstrengende Zeit und eine große organisatorische Herausforderung,“ blickt sie zurück. Vor allem für die Kinder Marvin (6) und Sophia (10) sei es sehr schwer gewesen – vor allem Weihnachten, ergänzt sie. Manchmal hörte sie zehn Tage lang nichts von ihrem Mann. „Da kann ich nicht mit umgehen,“ sagt sie.

„Die Trennung von der Familie war schon schwer,“ gesteht der Postbeamte, „doch man kann ja nicht pausenlos miteinander telefonieren. Und die Probleme zuhause lassen sich von da unten ja nicht lösen.“ Informationen über das Geschehen in der Heimat bekam Schneemann nicht nur durch die Telefonate mit seiner Frau: „Ich habe das Tageblatt per Post bekommen.“

Dass das Familienoberhaupt bereits seinen nächsten Feldpost-Einsatz plant (von Januar bis Mai 2008) lässt Birgit Schenke-Schneemann unkommentiert.

Von Britta Eichner-Ramm

Folge vom 7. April 2006