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Unter uns Gerettet: Die Kamera und das eigene Leben
Thema Specials Unter uns Gerettet: Die Kamera und das eigene Leben
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Hermann Wittig aus Reyershausen: Seine Sammlung umfasst rund 80000 Dias.
Hermann Wittig aus Reyershausen: Seine Sammlung umfasst rund 80000 Dias. Quelle: Beuermann
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Mit einer alten Fotobox – Präsent aus einer Werbeaktion – begann Wittigs fotografisches Leben: „Ich habe alles abgelichtet, was mir vor die Linse lief“, beschreibt der 85-Jährige, wie er als Kind zu seinem Hobby kam. Wittigs Familie zog von Schöningen bei Braunschweig nach Reyershausen, wo der Vater als Mühlenmeister im Kalibergwerk arbeitete. Sohn Hermann besuchte die Volksschule gegenüber seinem Elternhaus, später die Göttinger Voigtschule und absolvierte anschließend eine Lehre als kaufmännischer Angestellter. Die Kamera war immer dabei.

Sie begleitete ihn auch in den Zweiten Weltkrieg, als er mit 21 Jahren im Anschluss an eine Funkerausbildung in Hannover zum Stab des Generalfeldmarschalls Erwin Rommel nach Afrika abkommandiert wurde. Der Kriegsdienst begann mit einem Bombentreffer auf dem Mittelmeer. Wittig trieb in den Wellen, bis ihn ein anderes Schiff auffischte – mitsamt der Kamera. „Ich hatte im Wasser alles weggeschmissen, was ich nicht brauchte“, erinnert er sich. „Nur den aufklappbaren Fotoapparat – den wollte ich retten.“

Schiffbruch mit Kamera

Seine erste Frage im Lazarett auf Capri: „Wo ist meine Kamera?“ Den Hinweis des Personals, das Gerät sei durchnässt und sicher nicht mehr einsatzfähig, ignorierte der junge Soldat. Mit Watte und Babyöl rückte er der Technik zuleibe. Dass er sie damals wieder hinbekam, belegen die schönen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von der Insel Capri im Album. Per Feldpostpäckchen schickte Wittig diese und alle folgenden Filme zur Entwicklung zu den Eltern nach Reyershausen.

Als er schließlich doch noch bei Rommels Truppen eintraf, kam die Zeiss Ikon erneut zum Einsatz. Wittig war nicht nur beim Ver- und Entschlüsseln von Funksprüchen aktiv, auch sein fotografisches Talent nutzte Rommel gern. „Die Bildberichterstatter wollte er am liebsten wieder wegschicken“, erzählt der Reyershäuser sichtlich stolz. „Wir haben ja einen dabei“, habe Rommel gesagt. Viele Afrikabilder, darunter eine Aufnahme des Kommandeurs in einem Jeep, schließen sich im Fotoalbum an die Capri-Seiten an.

1942 war der Frontdienst für Wittig vorbei: Er hatte sich im afrikanischen Lagerleben eine schwere Nierenentzündung zugezogen, die er in Lazaretten in Athen und Wien auskurieren sollte. Als das nicht gelang, kam er zurück in die Heimat. 1944 ließ ihn die Wehrmacht ziehen. Noch aber hatte er den Krieg und seine Folgen nicht überstanden. Bomben fielen auf Reyershausen. In Berlin wurde ein Onkel durch einen Treffer schwer verletzt, Wittigs Lieblingshund Prinz – ebenfalls im Album verewigt – starb bei dem selben Angriff. Dabei hatte Wittig den begabten Schäferhund zuvor durch tagelanges Spieltraining vor dem Kriegseinsatz bewahrt.

Den Winter 1946 verbrachte Wittig in Internierungslagern in Göttingen, Hildesheim und Fallingbostel. Nach der Rückkehr richtete er sich zunächst in seinem Elternhaus eine Werkstatt für Laubsägearbeiten und Holzspielzeug ein, um seinen Unterhalt zu verdienen. Er kehrte wieder in den erlernten Beruf zurück. Die Liebe zur Fotografie blieb bestehen: Er lieferte dem Göttinger Tageblatt in seiner Freizeit Berichte aus dem Dorfleben und beschäftigte sich mit Heimatgeschichte.

Aktiv im Ehrenamt

Private Reisen wurden ausführlichst dokumentiert und nachbereitet. Wittig ließ bei Diavorträgen andere Menschen am Erlebten teilhaben. Und war immer bestens vorbereitet: Noch heute freut er sich königlich über einen Abend, an dem er die besserwisserischen Einwände eines Zuhörers dank eines mitgeführten Reiseführers schwarz auf weiß wiederlegen konnte. Mit Ehefrau Edith teilt er sich ein weiteres Hobby: Beide sind aktive Vereinssportler, maßgeblich an Vereins- und Spartengründungen beteiligt. Für den Kreissportbund organisierte Wittig Reisen. Leningrad, Ungarn, Schottland, das Nordkap, Ausflüge nach Thüringen, an Mosel und Rhein: Kaum ein Land oder eine Region, die in dem 80000-Dia-Archiv des Reyershäusers nicht zu finden ist. 25 Jahre lang betreute er darüber hinaus bei 58 Ferienfreizeiten im Landschulheim Pelzerhaken Kinder in der Lübecker Bucht. Acht Jahre lang organisierte er Seniorenfreizeiten. 21 davon hat er bis 2004 begleitet. Und immer war ein Fotoapparat mit im Gepäck. Die Reiseziele variieren von Jahr zu Jahr, in puncto Technik allerdings bewahrt er Treue: Seit längerem nutzt er eine Spiegelreflexkamera. Mit der digitalen Fotografie kann er sich nicht anfreunden: „Ich will nichts neues mehr anfangen.“

Von Katharina Klocke

Folge vom 8. August 2005