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Unter uns In Syrien reparierte Hacub Sahinian Autos
Thema Specials Unter uns In Syrien reparierte Hacub Sahinian Autos
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Als Kind mit seinen Eltern geflohen: Heute lebt der Armenier Hacub Sahinian in Rosdorf. Quelle: Theodoro da Silva
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Meine Eltern lernten sich im Kinderheim in Syrien kennen“, erzählt Hacub Sahinian. Die Eltern hatten als Waisen den türkischen Völkermord an den Armeniern überlebt. Anderthalb Millionen armenisch-orthodoxe Christen waren 1915/16 von Soldaten im Auftrag der nationalistischen Regierung des Osmanischen Reichs ermordet worden. Die Muslime verdächtigten die Christen der Kollaboration mit dem Kriegsgegner, dem zaristischen Rußland. Der Genozid wird bis heute vom türkischen Staat geleugnet.

„Mein Vater war 1915 sieben Jahre alt, meine Mutter fünf“, erzählt Sahinian. Die schrecklichen Erinnerungen an jenes Jahr hätten ihnen ihr Leben lang zu schaffen gemacht. „Beide hatten bereits das 40. Lebensjahr überschritten, als ich als ihr erstes und einziges Kind zur Welt kam“, sagt er. Die Mutter verbrachte viel Zeit in der Kirche. Der Sohn begleitete sie. Dort fiel er dem Erzbischof auf, der ihn aufforderte, im Kloster eine vierjährige Ausbildung zum Diakon zu absolvieren. Sahinian folgte der Bitte.

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Sein Geld verdiente er jedoch als Automechaniker. Der Vater war ein gefragter Spezialist. Als Junge verbrachte Sahinian seine Ferien immer in der Werkstatt des Vaters. Der brachte ihm alles bei, was er wusste. „Es war selbstverständlich, dass ich den Betrieb übernahm“, sagt Sahinian. Der Unternehmer, der sieben Mitarbeiter beschäftigte, gründete eine Familie. Seine Frau Silva, eine Katholikin, hatte er in der Kirche kennengelernt. Ihr Sohn besuchte den armenischen Kindergarten der Stadt, dann die armenische Schule. Das Ehepaar leitete die Sonntagsschule der Kirche, die von 150 Kindern besucht wurde.

Dann erweckte Sahinians florierender Betrieb das Interesse des Staates. Der Handwerker erlebte die ganze Rechtlosigkeit eines Menschen gegenüber dem übermächtigen Staat. Als der Konflikt eskalierte, floh der Christ überstürzt aus dem muslimischen Land. Er flog nach Frankfurt und beantragte Asyl. Es wurde ihm gewährt. Sahinian holte Frau und Sohn nach. Die Geschwister seiner Frau wanderten dagegen alle nach Kanada aus.

Schrauber nicht gefragt

In Deutschland schätzt der Flüchtling den Rechtsstaat und die Ordnung. Seinen Beruf kann er jedoch nicht ausüben. In der Bundesrepublik wird mit computergestützten Systemen gearbeitet. Geschickte Schrauber sind nicht gefragt. „Ich werde es wahrscheinlich noch erleben, dass in Deutschland Taxifahrer durch Fahrautomaten ersetzt werden“, kommentiert der Handwerker bitter den Trend zur Automatisierung.

So engagiert sich Sahinian in der Kirche. Er organisiert armenische Gottesdienste. Jeweils am letzten Sonnabend im Monat hält er in der katholischen Kirche Maria Frieden eine Andacht, zu der auch Armenier aus Northeim und Duderstadt kommen. Vierteljährlich holt er einen Priester für einen Gottesdienst nach Göttingen. Als Diakon darf Sahinian Taufen, Trauungen und Beerdigungen durchführen. Einmal im Monat fahren er und seine Frau nach Braunschweig, um in der dortigen armenischen Kirche die Sonntagsschule zu halten. Das Ehepaar singt im ökumenischen Kirchenchor in Settmarshausen.

Vor kurzem absolvierte der Diakon bei Maria Frieden ein dreimonatiges Praktikum. Sein Traum ist es, als Diakon im Grenzdurchgangslager Friedland zu arbeiten, wenn dort die christlichen Flüchtlinge aus dem Irak ankommen.

Von Michael Caspar

Folge vom 21. Februar 2009

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