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Unter uns Katjas Jahr in Kolumbien
Thema Specials Unter uns Katjas Jahr in Kolumbien
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Zurück in Rosdorf: Katja mit einem südamerikanischen Busschild als Erinnerungsstück.
Zurück in Rosdorf: Katja mit einem südamerikanischen Busschild als Erinnerungsstück. Quelle: MS
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Katja wirkt auf den ersten Blick wie eines der Mädchen, die Eltern nachts nur ungern allein auf die Straße lassen. Tatsächlich ist die 20-Jährige gerade aus der Acht-Millionen-Metropole Bogotá zurückgekehrt, hat ein Jahr lang in der kolumbianischen Hauptstadt mit jugendlichen Straftätern gearbeitet. Noch etwas angeschlagen von der Reise und mit reichlich Fernweh sitzt sie am Wohnzimmertisch ihrer Mutter. Es gibt kolumbianischen Kaffee aus dem Rosdorfer Supermarkt, aus dem Nebenzimmer schallt kolumbianische Popmusik, sie trägt das passende T-Shirt.

Direkt nach dem Abitur am Otto-Hahn-Gymnasium war Katja Stemmler im August vergangenen Jahres nach Südamerika aufgebrochen. Über den Internationalen Christlichen Jugendaustausch (ICJA) hatte sie Kontakt zu dem Projekt Libertat Assistida aufgenommen. „Eigentlich war Kolumbien als Zweitwahl angegeben“, erzählt Katja. Als die Zusage kam, war ihre Familie etwas besorgt. Kolumbien genießt hierzulande keinen guten Ruf. „Mein Onkel hat sich schon Gedanken über mögliche Lösegeldforderungen gemacht. Das Bild, das wir Europäer von dem Land haben, ist aber völlig falsch“, konstatiert sie. Von Bürgerkrieg und Drogenhandel sei in der Hauptstadt kaum etwas zu spüren gewesen – auch wenn Militärs und bewaffnete Polizisten zum Stadtbild gehörten. „Ich hatte mehr Angst vom Auto überfahren, als von der Guerilla entführt zu werden.“

Katja als Botschafterin

Nach zwölf Monaten in der Ferne versteht sich Katja heute als Botschafterin für deutsch-kolumbianische Freundschaft. Nicht zuletzt, weil sie dort ihren Freund kennengelernt hat. Typisch für das Land und die Menschen sei ein stark ausgeprägter Nationalstolz und ein ebensolches Klassenbewusstsein. Nachdem sie in den ersten Monaten mit ihrer wohlhabenden Gastfamilie in einem abgesperrten Viertel gewohnt hat („Richie Rich ist nichts dagegen“), lebte sie später „einige Schichten tiefer, aber glücklicher“ – eben kolumbianischer.

Vom lebendigen und lauten Bogotá aus, in dem sie sich nach eigener Aussage inzwischen besser zurechtfindet als im heimischen Göttingen, erkundete Katja das andere Kolumbien. Auf Bustouren, von denen ihr sogar Einheimische abgeraten hatten und mit Inlandsflügen entdeckte sie touristische Gebiete und erlebte soziale Not in den ländlichen Regionen. Im Department Atlántico besuchte sie zusammen mit ihrer Mutter Elke das Patenkind ihrer Schwester. „Die zweijährige Camila Alejandra lebt mit ihrer Familie in größter Armut.“ Dennoch habe sie sich mit ihren mitgebrachten Tüten voller Einkäufe aus dem Supermarkt nicht wohl gefühlt, zu deutlich wurden ihr die sozialen Unterschiede. „Da fällt einem erst auf, wie wohl behütet wir hier aufwachsen.“

Was hat sie aus Kolumbien mitgenommen? – Außer besseren Sprachkenntnissen und einem Busschild aus Bogotá vor allem eine Erkenntnis: Man muss sich einschätzen können. „So ist mir bis zum vorletzten Tag nichts passiert.“ Fast beiläufig erwähnt sie einen Einbruch in ihre Wohnung. „Aber das hätte mir auch hier passieren können.“ Vielen Menschen aus aller Welt haben an Katjas Erlebnissen teilgenommen. Ihr Reisetagebuch im Internet unter www.katjas-reisen.de hat zu ihrer eigenen Überraschung, mehrere tausend Leser gefunden. Diese Seite will sie weiter pflegen, möglichst umfassend Informationen rund um Kolumbien zusammentragen. Schließlich habe das Land sehr viel mehr zu bieten als Popsängerin Shakira oder Rennfahrer Montoya.

Von Markus Scharf

Folge vom 29. September 2005