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Unter uns „Komm, bring’ doch Onkel Matthes mal die Zeitung“
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Ausdauernde Austräger: Olga und Herbert Beuermann sind fürs Tageblatt unterwegs.
Ausdauernde Austräger: Olga und Herbert Beuermann sind fürs Tageblatt unterwegs. Quelle: BB
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Schon mit fünf Jahren, so erzählt Herbert Beuermann, hat er das Tageblatt ausgetragen. Im September wird er 85 und gemeinsam mit seiner gleichaltrigen Frau Olga erledigt er diesen Dienst noch immer.

„Komm bring doch Onkel Matthes mal die Zeitung hin“, habe sein Vater ihn damals gerufen. Mal schickte er ihn hierhin, ein andermal dorthin. So lernte der Knirps das Zeitungsaustragen, schon bevor er lesen und schreiben konnte. Später brachte er die Blätter oft nach der Schule im Dorf herum. „Wir hatten einen landwirtschaftlichen Betrieb“, erzählt er. Wer gerade Zeit hatte, machte schnell die Runde.

Nach der Schule kam die Tischlerlehre, nach der Lehre die Wehrmachtszeit. Als Herbert Beuermann 1945 nach Hause kam, half er der Mutter, die Zeitungen unter die Leute zu bringen. 1947 dann die Hochzeit mit seiner Kindheitsfreundin Olga. Seine Frau erbte die Aufgabe von seiner Mutter: „Sie konnte nicht mehr, da habe ich es übernommen.“ Nun trägt sie dieses „Erbe“ seit über 40 Jahren. „Früher hat Olga es alleine gemacht“, erzählt ihr Mann fürs Leben. Seit er nicht mehr arbeitet, hilft er ihr wieder. Im Winter, wenn noch alles dunkel ist, will er der Frau beistehen, mit der er nächstes Jahr diamantene Hochzeit feiern möchte.

Tourstart um fünf Uhr

„Ganz böse ist es, wenn alles glatt ist“, sagt er. Doch die Beuermanns wissen sich zu helfen. Sie ziehen alte Socken über ihre Schuhe. Aus der Wehrmachtszeit hat Herbert Beuermann diese Lebenshilfe mitgenommen. Schon all die Jahre bringt das Ehepaar die Zeitung, doch die Strecke, die sie gehen, haben sie noch nie abgemessen. Zwanzig Minuten brauchen sie, seit sie sich die Arbeit teilen. Sie nimmt den Weg unten rum, er den oben. „Da muss man schnell gehen“, sagt der Senior. Und nicht immer ist die Tour wie am Vortag. Mancher liest das Tageblatt nur am Wochenende, und inzwischen stellen die Beuermanns auch Briefe zu.

Damit alle Elkershäuser die Zeitung vor Arbeitsbeginn haben, geht das Paar gegen 5 Uhr auf Tour. Früher, so erinnern sie sich gerne, haben sie mit den Fahrern manchen Kaffee getrunken. „Wir sind um 3 Uhr schon wach“, sagt Olga Beuermann lachend. „Wenn wir nach Hause kommen, trinken wir Kaffee und legen uns noch bis acht Uhr ins Bett.“ Gegen 21.30 Uhr ist der Tag dann zu Ende. „Es kommt drauf an, was im Fernsehen geboten wird“, sagt Herbert Beuermann. Bei der Fußball-WM wurde es schon mal später. „Gibt es das überhaupt, dass jemand so lange die Zeitung austrägt“, fragt er und scheint über sich selbst leicht verwundert. Das müsse doch wohl ein Sonderfall sein.

Von Ute Lawrenz

Folge vom 3. August 2006