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Unter uns Mit Filmgrößen um Autogramme gehandelt
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„Sie waren alle bei mir“: Bei Karl Gemmer kehrten alle Göttinger Filmgrößen ein.
„Sie waren alle bei mir“: Bei Karl Gemmer kehrten alle Göttinger Filmgrößen ein. Quelle: Hinzmann
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Sie waren fast alle bei mir im Bahnhofsrestaurant“, sagt Karl Gemmer. Zwölf Jahre war der 80-jährige Pächter der Bahnhofs-Gaststätte in Göttingen. Da in dieser Zeit Göttingen auch noch Filmstadt war, kamen viele prominente Gäste vorbei. „Vor allem im Winter hatten die Züge Verspätung“, erinnert sich der ehemalige Gastronom. Mit vielen der großen Schauspieler sei er ins Gespräch gekommen, und viele Kontakte wurden über die Jahre gepflegt. Darunter waren Ingrid Steeger, Harald Leipnitz, Diether Krebs, Blacky Fuchsberger und Maria Schell.

„Von einigen habe ich auch Autogrammkarten“, sagt er mit einem Strahlen in den Augen. „Einige Schauspieler wollten im Gegenzug ein Bier von mir ausgegeben bekommen.“ Das sei aber nicht Geiz gewesen, sondern Spaß am Handeln. „Mit Heinz Schubert, der das Ekel Alfred gespielt hat, habe ich so lange um ein Autogramm gehandelt, bis er schließlich ein Essen von mir bekommen hat“, erzählt er lachend. Das habe ihn aber nicht gestört, sondern sei einfach ein Spiel gewesen.

Bis Gemmer in Göttingen ein erfolgreicher Gastronom wurde, war es ein langer Weg. Gleich nach Kriegsende musste er seine Heimat Teplitz-Schönau verlassen. „Wir waren die ersten, die nach dem Krieg aus dem Sudetenland vertrieben wurden“, sagt er. „Aus heutiger Sicht hatten wir aber Glück. Zwar haben wir alles Materielle verloren, sind aber unverletzt herausgekommen.“ Auf der Flucht traf er eine Familie aus Sachsen, die ihn herzlich aufnahm. „Ich habe bei ihnen in der Bäckerei mitgearbeitet, und sie haben mir die Kleidung und das Zimmer ihres Sohnes gegeben“, erinnert sich Gemmer, während er mit den Tränen kämpft. „Ich habe alles von ihnen bekommen.“

Im Januar 1948 kam Gemmer nach Göttingen. „Das war eine harte Zeit. Aber ich habe jeden Monat einen weiteren Schritt nach vorne getan.“ Schon im elterlichen Betrieb in Bad Teplitz-Schönau begann er eine Lehre zum Konditor. „So habe ich auch gleich eine Arbeit gefunden und meine Meisterprüfung gemacht.“ Über ein Jahrzehnt führte er eine eigene Konditorei in Einbeck. „Mit dem Geld, dass ich dort verdient habe, bin ich in Göttingen zur Bundesbahn gegangen und habe mich für die Leitung des Bahnhofrestaurants beworben.“ Mit Erfolg: Im Sommer 1973 wurde Gemmer für zwölf Jahre Pächter des Restaurant-Betriebes.

„Gäste aller Couleur“

„Das war ein Großbetrieb, gemessen an dem, was ich in Einbeck hatte.“ 43 Angestellte für die Küche, den Service und zwei Kioske im Bahnhofsgebäude haben für ihn gearbeitet. Die Terrasse hatte 100 Sitzplätze und auch im großen Saal konnten mehr als 100 Gäste Platz nehmen. „Die Gäste waren aller Couleur.“ Das waren Musiker, Schauspieler, Göttinger und Reisende. Viele Studenten sind schon zum Frühstücken zu ihm gekommen, „weil der Kaffee preiswert war“. An den Wochenenden habe „erstklassiges“ Publikum bei ihm verkehrt. „Da spielte eine Vier-Mann-Kapelle und alle, die was auf sich hielten, sind gekommen“, erinnert sich Gemmer. Seine Frau und sein Sohn haben immer mitgeholfen, denn „vor allem an den Wochenenden war das Lokal voll besetzt“.

Gesundheitliche Probleme haben Gemmer 1985 dazu gezwungen, die Bahnhofs-Gaststätte aufzugeben und sich zur Ruhe zu setzen. „Das war ein schönes Leben“, blickt er auf seine Berufsjahre zurück. „Ich bin sehr zufrieden, mit dem, was ich erreicht habe.“

„Heute erfreue ich mich des Lebens“, sagt er lachend. Spaziergänge und Tanzen sind seine Lieblingsbeschäftigungen. „Die Tänze dürfen nicht zu schnell sein. Ich mag die langsamen Schritte und leichten Drehungen.“ Selbst an seinem 80. Geburtstag ist er zum Tanzen gegangen, so dass er mit seiner Familie eine Woche später nachgefeiert hat. „Das haben doch die wenigsten. Gleich zweimal in einem Jahr feiern.“

Von Dörte Janßen

Folge vom 27. April 2006