Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Unter uns Nachtwächterin kennt die dunklen Seiten des Lebens
Thema Specials Unter uns Nachtwächterin kennt die dunklen Seiten des Lebens
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Mit Laterne und Hellebarde in Hann. Münden unterwegs: Nachtwächterin Elli Denker vor dem Welfenschloss.
Mit Laterne und Hellebarde in Hann. Münden unterwegs: Nachtwächterin Elli Denker vor dem Welfenschloss. Quelle: Mischke
Anzeige

Als Nachtwächterin verkleidet zeigt Stadtführerin Elli Denker Touristen Hann. Münden. „Frauen haben früher ihre Männer vertreten, wenn die – zum Beispiel aufgrund von Krankheit – ihren Pflichten als Nachtwächter nicht nachkommen konnten“, berichtet Denker. In solche Frauen kann sich die 72-Jährige gut hineinversetzen. Auch ihr Mann, den sie 1957 geheiratet hat und der 1989 gestorben ist, fiel oft aus. Der gebürtige Frankfurter, der 1956 als einer der ersten Soldaten nach dem Krieg in Münden stationiert wurde, trank.

Denker klagte dem Kasernenkommandanten ihr Leid. Sie hatte gerade ihr erstes Kind bekommen. Der ließ ihr künftig die Hälfte des Geldes in der Schreibstube auszahlen. Nachdem der Hauptgefreite wegen seiner Alkoholprobleme von der Bundeswehr entlassen worden war, arbeitete er als Zimmermann auf dem Bau. Auch da wurde Denker vorstellig, um Teile des Lohns in Empfang zu nehmen.

Im Haushalt keine Hilfe

Die Mündenerin hat ihre Kinder mehr oder weniger allein groß gezogen. „Im Haushalt machte mein Mann keinen Handschlag“, bedauert sie. Weil das Geld immer knapp war, musste Denker improvisieren. Sie fuhr mit dem Kinderwagen ins Feld und erntete heimlich Kartoffeln. Von Waldspaziergängen brachte sie Pilze und Holz mit. Daneben arbeitete sie. Gelernt hat sie ab 1950 Schuhverkäuferin. Anschließend war sie als Haushälterin tätig. Diese Erfahrungen setzt sie auch bei Stadtführungen um. Sie spielt dann Minna, eine Magd aus dem 18. Jahrhundert.

Die 72-Jährige hat sich nie die Butter vom Brot nehmen lassen. „Ich bin mit fünf Brüdern aufgewachsen“, erklärt sie. Sie musste sich immer durchboxen. Das wussten ihre Klassenkameradinnen zu schätzen. Wenn die sich bedroht fühlten, riefen sie Elli. Die schwang dann die Fäuste und bekam dafür ein Butterbrot. Das Mädchen war selbstbewusst. Der Lehrer ließ sie bei Veranstaltungen Gedichte aufsagen.

Sie musste aber schon als Kind Gemeinheiten ertragen. Während des Dritten Reichs wurde sie als Russki beschimpft. Ihre Mutter war nämlich eine deutschstämmige Russin. Deutsch sprach sie perfekt, denn sie hatte während der Zarenzeit eine deutsche Schule besucht. Ihre Eltern waren Großgrundbesitzer. Bei ihnen hatte Denkers Vater während des Ersten Weltkriegs Zwangsarbeit leisten müssen.

Der Vater stammte aus Münden, wo er vor dem Ersten Weltkrieg als Fahnenzeichner gearbeitet hatte. Ihm gefiel es gut in Russland. Bei einem orthodoxen Priester lernte er die Landessprache. Doch die Bolschewisten, die seit 1917 an der Macht waren, enteigneten die Schwiegereltern. Das junge Ehepaar sah für sich keine Zukunft mehr und verließ das Land mit leeren Händen. An der Grenze rissen Kommunisten auf der Suche nach versteckten Goldrubeln sogar die Absätze von den Schuhen.

Bigamieprozess vermieden

In Münden kam für Denkers Mutter das bittere Erwachen. Ihr Mann war nicht so reich, wie er in Rußland behauptet hatte. Vor allem war er bereits verheiratet. Seine erste Frau zeigte sich jedoch großzügig und stimmte einer Scheidung zu. Sie bewahrte ihren untreuen Mann sogar vor einem Bigamieprozess.

Elli Denker, die als fünftes von sechs Kindern zur Welt gekommen war, wurde streng erzogen. Oft setzte es Schläge. Sie floh dann nach draußen in die Hundehütte. Der Hofhund leckte dem weinenden Mädchen die Tränen ab. Wenn der Vater dann nach ihr schaute, fletschte der bissige Hund böse die Zähne.

Während des Zweiten Weltkriegs leitete Denkers Mutter in einer Mündener Fabrik russische Zwangsarbeiterinnen an. Sonntags kamen die jungen Frauen zu ihr nach Hause. Die Mutter servierte Kuchen. Die kleine Elli wanderte dann von einem Schoß auf den anderen. Sie genoss die Herzlichkeit der Zwangsarbeiterinnen. Die Mutter bekam jedoch Probleme mit den Nazis, für die Russen „Untermenschen“ waren. Die Polizei führte Hausdurchsuchungen durch. Die Mutter reagierte empört: „Mein Mann und meine Söhne sind an der Front, was wollen sie denn noch?“ Die Polizisten fuhren die Frau an: „Schnauze!“ Denker meint noch heute fassungslos: „So frech waren die.“

1945 hatte es mit dem Naziregime ein Ende. Die Amerikaner marschierten ein. Am Anfang war die damals neunjährige Elli misstrauisch. Einmal war sie auf dem Schulweg von Tieffliegern fast erschossen worden. Sie hatte auf der Werrabrücke gestanden, als die Kugeln rechts und links an ihr vorbeipfiffen. Doch nun bekam das immer hungrige Mädchen, das sich über Jahre nie satt essen konnte, von den Soldaten Eierpfannkuchen, Bananen und Kaugummi geschenkt.

Von Michael Caspar

Folge vom 6. Januar 2009