Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Unter uns Olga Lakhno im Kreml mit Kohl und Gorbatschow
Thema Specials Unter uns Olga Lakhno im Kreml mit Kohl und Gorbatschow
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Olga Lakhno: Der Rote Platz in Moskau gehörte früher zu den Arbeitsplätzen der Fremdenführerin und Dolmetscherin.
Olga Lakhno: Der Rote Platz in Moskau gehörte früher zu den Arbeitsplätzen der Fremdenführerin und Dolmetscherin. Quelle: EF
Anzeige

Journalisten sind sehr eigensinnig. Schon am Flugplatz bombardieren sie einen mit Sonderwünschen. Nun, das verlangt ihr Beruf“, meint Dolmetscherin Olga Lakhno. Von 1967 bis 1996 betreute sie als Dolmetscherin der Intourist, der Hauptverwaltung für den Fremdenverkehr beim Ministerrat der UdSSR, deutsche Reisegruppen.

Sie begleitete unter anderem Journalisten in den Kreml, als der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl Michail Gorbatschow dort besuchte. Sie war bei einem Außenministertreffen von Hans-Dietrich Genscher und Schewardnadse dabei. Als sehr würdig empfand sie den Auftritt des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker in Leningrad (heute St. Petersburg), wo er einen Kranz für die Opfer der Blockade niederlegte.

Mit Sirene

Ihre Gruppe sei beinahe zu spät gekommen. Ein japanischer Journalist habe unbedingt noch einmal auf Toilette gemusst. Aber wo? Sie habe die Mitarbeiter einer Bibliothek angefleht, dass sie den Redakteur auf ihre Toilette ließen. Danach seien sie mit Sirene über die langen, geraden Prospekte der Stadt gerast.

In lebhafter Erinnerung hat die Dolmetscherin ein ZDF-Team, dass 1987 über das erste deutsch-sowjetische Joint-Venture, Homatek, berichtete. Die Journalisten hätten die Arbeiter sogar zuhause besucht und im Kindergarten gefilmt. Sie hätte sich um alles gekümmert. „Es musste klappen wie am Schnürchen. Wir wurden mit der Zeit regelrecht zu Helden der kapitalistischen Arbeit“, meint Lakhno lachend.

„Während sich die Deutschen für Gorbi begeistern, begann für viele Russen mit der Perestroika eine Zeit der Wirren“, erinnert sich Lakhno. Ihr Sohn sei damals in den Westen übergesiedelt. Er lebe heute im niederländischen Groningen. Später habe sie sich entschlossen mit ihrem Mann, dem russischen Bildhauer Alexander Lakhno, nach Deutschland zu gehen.

„Dieses Land liebe ich, seit ich 1955 mit zwölf Jahren in der Schule Deutsch als erste Fremdsprache wählte“, sagt Lakhno. Zehn Jahre nach Kriegsende habe ihnen ihre jüdische Lehrerin Sulamif Burstein klar gemacht, dass sich Deutschland nicht auf „die verfluchten Faschisten“ reduzieren lasse.

Vertrauen in die Polizei

„Die Bundesrepublik ist eine funktionierende Demokratie“, nennt die Dolmetscherin Gründe für ihre Übersiedlung. Die Bürger könnten der Polizei vertrauen. Es gebe zwar Neofaschisten, aber weite Teile der Bevölkerung engagierten sich dagegen. In Rußland sei das anders. „Wenn Menschen aus der früheren Sowjetunion, die ich teils beruflich in der Jüdischen Gemeinde, teils ehrenamtlich im Stadtteilzentrum berate, wirken manche gehetzt“, berichtet Lakhno, die heute in Lenglern lebt. Ihnen machten die vielen Formulare Angst. Mit der Zeit fassten sie sich. Das Geld komme regelmäßig aufs Konto, nicht viel, aber es reiche zum Leben. Die Kontingentflüchtlinge und Spätaussiedler ließen sich ihre Zähne machen. Die Sorgenfalten verschwänden. Eine tiefe Dankbarkeit erfasse sie.

Von Michael Caspar

Folge vom 30. Dezember 2005