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Unter uns Ritter, Raben und ein schwarzer Hamlet
Thema Specials Unter uns Ritter, Raben und ein schwarzer Hamlet
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„Routine entsteht nie“: Theaterschneiderin Renate Ackert.
„Routine entsteht nie“: Theaterschneiderin Renate Ackert. Quelle: Hinzmann
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Manchmal sind es die kleinen Zufälle im Leben, die entscheiden. So auch im Januar 1967 als mitten in den Vorbereitungen zur Premiere von „Orpheus in der Unterwelt“ sämtliche Schneider am Deutschen Theater wegen Krankheit ausfielen. Ihr damaliger Chef, Schneidermeister Lindemann aus dem Papendiek, bot Hilfe an und schickte seine Angestellte Renate Ackert ans Theater. Und was die gelernte Herrenschneiderin dort präsentierte, fand Gefallen: „Danach hat man mich gefragt, ob ich bleiben wollte.“

Renate Ackert ist geblieben. Und bereut hat sie ihre Entscheidung nicht: „Es vergeht kein Tag wie der andere. Routine entsteht nie“, beschreibt sie ihren Job. Derzeit stellt die Leiterin der Herrenschneiderei mit ihren fünf Kollegen die Kostüme für die „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ zusammen. Mäntel, Hosen, Stoffbahnen und Schnittmuster bestimmen das Bild in der Werkstatt, in der sie die Entwürfe der Kostümbildnerin umsetzt. Viele vorhandene Kostüme werden umgearbeitet, einiges wird extra für das Stück angefertigt und den Schauspielern auf den Leib geschneidert. Doch vieles ist nur auf den ersten Blick ein schöner Schein: Bei genauerer Untersuchung der Kostüme kommen Klettverschlüsse, Druckknöpfe oder Gummischuhbänder, vom Publikum nicht zu erkennen, zum Vorschein: „Sie erleichtern den Schauspielern hinter der Bühne das fixe Umkleiden.“

Bisher ist es Renate Ackert immer gelungen auch die ausgefallensten Ideen umzusetzen – sei es ein Rabenkostüm, eine detailgetreue Wehrmachtsuniform. „Jetzt wollen sie Ritter haben“, seufzt sie. Ihr wird wohl auch dieses gelingen. Für einige Dinge muss sie ihre „geheimen Quellen für Stoffe“ anzapfen. Manchmal ist sie über Urlaubsmitbringsel froh, wie etwa über den Stapel Panamahüte. „In Italien sind sie sehr billig“, grinst Renate Ackert.

Auch bei aller Erfahrung und Improvisationskunst: Es gibt Situationen, die sind alles andere als alltäglich. Etwa wenn dem Intendanten und Regisseur Günther Fleckenstein kurz vor der Premiere plötzlich einfällt, dass zu seiner Hamlet-Inszenierung doch besser schwarze statt farbige Kostüme passen. „Wir haben Tag und Nacht gearbeitet“, sagt Ackert und lacht, schließlich hat sie mit ihren Kollegen den Wunsch zur Zufriedenheit erfüllt.

Sämtliche Kostüme gestohlen

Glimpflich verlief auch der Diebstahl sämtlicher Kostüme für eine Wilhelm-Tell-Aufführung. „In Windeseile haben wir im Fundus Ersatzkostüme zusammengestellt“, sagt Ackert. „In so einer Situation fährt einem schon der Schreck in die Knochen.“ Aufgetaucht sind die gestohlenen Kostüme bis heute nicht. Der Kostümfundus „platzt trotzdem aus allen Nähten“, auch er wird von Ackert verwaltet. Wieviele Jacketts, Hosen, Hemden und Kleider jedoch an den Kleiderstangen hängen, weiß auch Ackert nicht. Nur soviel: „Die Hälfte von ihnen ist durch meine Hände gegangen.“

Bis zur Rente in fünf Jahren will Ackert ihrem Theater noch treu bleiben: „Der Abschied wird mir schwer fallen“, ist sie sich sicher.

Von Michael Brakemeier

Folge vom 31. Januar 2007