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Unter uns Schöne Stimmen, „so glatt und schwebend“
Thema Specials Unter uns Schöne Stimmen, „so glatt und schwebend“
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20:40 12.03.2012
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Göttingen

Wenn es um klassische Musik geht, ist Gisela Garbe nicht zu bremsen. „Jetzt müssen Sie noch hören, was ein richtiger Sopranist ist“, sagt sie, erhebt sich von einem Klappstuhl, geht die knarzende Treppe herunter ins Wohnzimmer des kleinen, schmalen Fachwerkhauses und kommt wenige Augenblicke später mit einer CD zurück. Aus den Boxen des CD-Spielers dringt zuerst zaghafte Streichermusik, bis nach wenigen Minuten eine sehr hohe Stimme einsetzt. „Das ist keine Frau, das ist Jörg Waschinski“, sagt Garbe.

Sie hat einen Arm auf die gläserne Platte ihres Schreibtisches gelegt und blickt aus dem Fenster. „Männliche hohe Stimmen haben für mich etwas Überirdisches“, beginnt die Rentnerin eine ausführliche Erklärung der klassischen Musik. „Diese Stimmen fallen völlig aus dem Rahmen, sie klingen so glatt und schwebend.“ Hier, im Arbeitszimmer im ersten Stock des Fachwerkhauses, plant, recherchiert und schreibt Gisela Garbe ihre wöchentliche Sendung „Klassik am Mittag“. Seit zehn Jahren ist sie jeden Dienstag um 12 Uhr im Stadtradio Göttingen zu hören. „Für die eine Stunde Sendezeit brauche ich bestimmt sechs bis acht Stunden Vorbereitung“, erklärt die 75-Jährige.

Hunderte von CDs haben sich in den vergangenen Jahren in ihrem Arbeitszimmer angesammelt. Sie sind einsortiert auf 20 Regalbrettern, in drei Schubladen einer massiven Holzkommode, liegen in Stapeln auf dem Schreibtisch. Dazu kommen etliche Biografien und Bücher über Komponisten und ihre Werke. „Das müsste ich nicht alles lesen“, sagt sie und blickt sich im Raum um. „Es ist aber der Anspruch an mich, gut informiert zu sein.“ Garbe möchte mit ihrer wöchentlichen Sendung Klassik für Einsteiger bieten. Sie beschränkt sich dabei nicht auf bestimmte Epochen, Komponisten oder Dirigenten. „Wenn Sie in ein Konzert gehen, lesen Sie das Programmheft selten vor dem Konzert.“ Dabei bräuchte man doch die Informationen vor dem Stück.

Karriere durch Zufall begonnen

Und genau das will die Rentnerin mit ihrer Sendung bieten: „Ich gebe mit meinen Erklärungen dem Hörer das Programmheft vorweg.“ Begonnen hat Garbes Karriere vor dem Mikrofon durch Zufall. „Ich bin dazu gekommen wie die Jungfrau zu dem Kind“, erinnert sie sich. „Ich sprach meinen Nachbarn an, der damals im Vorstand des Stadtradios war, mit der Bitte, neben den vielen Literatursendungen doch eine Klassiksendung einzuführen.“ Nach mehreren Gesprächen kam dann der Vorschlag, sie solle die Sendung machen. „Da hatte ich es an der Backe.“ Garbe hatte schon vorher ein gutes Grundwissen über klassische Musik, sang selbst jahrelang unter anderem in der Stadtkantorei. Aber eine eigene Sendung zu produzieren? Davon hatte die studierte Pharmazeutin, die wenige Jahre vorher ihre berufliche Laufbahn als Leiterin der Zentralapotheke der Universitätsklinik beendete, keine Ahnung. „Ich war ein absolutes Greenhorn.“

Aber sie entwickelte schnell ein geeignetes Konzept und ist seitdem eine von 70 aktiven Bürgerfunkern, die ehrenamtlich knapp 50 Stunden Sendezeit pro Woche im Stadtradio produzieren. „Ich bin dabei mein eigener Chef und kann aussuchen, was ich sende und wie ich es produziere“, sagt sie. Das Ergebnis hören sich dann nach Garbes Hochrechnungen 3000 bis 4000 Menschen pro Sendung an. „Das ist unglaublich“, sagt sie lächelnd und kleine Fältchen bilden sich um ihre Augen. Dazu lesen noch knapp 200 Leute den Blog im Internet, den sie seit 2009 betreibt. „Dort findet man die Inhalte der Sendungen der letzten drei Jahre mit allen Titeln“, sagt sie.

Ihre private Sammlung aller Sendungen hat Garbe in einer kleinen, bunten Pappschubladenbox verstaut. Ordentlich nummeriert sind die CDs dort sortiert, „insgesamt sind es zwölf Kilo CDs“, erzählt Garbe, sie habe eigenhändig gewogen. Nur eine CD fehle in der Kollektion – die ihrer allerersten Sendung. „Die habe ich leider nie gehabt.“

15 Jahre Stadtradio

Am Dienstag, 13. März, präsentiert Gisela Garbe ihre Sendung „Klassik am Mittag“ zum 500. Mal im Stadtradio Göttingen (107,1 MHz). Die Sondersendung wird zwei Stunden dauern. Nach einem Zusammenschnitt der besten Stücke und Sendungen der vergangenen zehn Jahre präsentiert Garbe anschließend eine Wiederholung ihrer Sendung über Joseph Haydns Werk „Der Apotheker“. Und nicht nur die Sendung „Klassik am Mittag“ hat in diesem Jahr Geburtstag – auch das Stadtradio. Der Sender feiert sein 15-jähriges Bestehen.

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Im Rahmen des Entschuldungsprogramms plant die Stadtverwaltung auch ungewöhnliche Schritte. So soll versucht werden, dass das nichtkommerzielle Stadtradio, das derzeit jährlich rund 323 000 Euro aus Gebühren- und Steuergeldern erhält, künftig werben darf.

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