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Unter uns „Schreiben Sie nicht so viel über Trauungen“
Thema Specials Unter uns „Schreiben Sie nicht so viel über Trauungen“
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Begleitet die Menschen von der Wiege bis zur Bahre: der Mündener Standesbeamte Hans Jürgen Kempel.
Begleitet die Menschen von der Wiege bis zur Bahre: der Mündener Standesbeamte Hans Jürgen Kempel. Quelle: BB
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Tun Sie mir den Gefallen und schreiben Sie nicht so viel über Trauungen. Die machen gerade einmal ein Drittel unserer Arbeit aus“, bittet der Mündener Standesbeamte Hans Jürgen Kempel. Jetzt im Mai liegt der Anteil allerdings höher. Da jagt eine Hochzeit die nächste. Über das ganze Jahr verteilt, überwiegen jedoch andere Aufgaben. „Wir Standesbeamte begleiten die Menschen von der Wiege bis zur Bahre“, erläutert der 55-Jährige.

Sogar schon mit dem Nasciturus, dem Ungeborenen, hat Kempel zu tun, wenn Männer vor der Geburt des Kindes die Vaterschaft anerkennen. „Kinder sind heute kein Grund mehr zu heiraten“, hat der Beamte beobachtet. Im vergangenen Jahr waren in Münden bei insgesamt 311 Geburten 79 Eltern unverheiratet. In 67 Fällen erkannten Männer die Vaterschaft an.

„Nicht immer eitel Freude“

„Geburten sind nicht immer eitel Freude“, weiß Kempel. Einmal meldete eine Mutter die Geburt ihres Kindes. Das war am Vorabend bereits gestorben. Solche Schicksalsschläge lassen den Beamten auch nach 35 Berufsjahren nicht unberührt. Er nahm die junge Frau spontan in den Arm. Sie ist ihm für diese Geste des Mitgefühls noch heute dankbar. Ein Standesbeamter befasst sich mit manchen Menschen auch dann noch, wenn diese schon lange nicht mehr auf der Erde weilen. So suchte Kempel einmal die Akte eines um 1880 geborenen Mündeners heraus, der nach Fernost ausgewandert war und eine Japanerin geheiratet hatte. Der Sohn war mit 82 Jahren nach Münden gekommen, um bei Kempel nach seinen Wurzeln zu suchen.

„Ahnenforschung kann sehr bewegend sein“, hat der Standesbeamte erfahren. So nahm eine 1945 geborene Niederländerin zu ihm Kontakt auf. Sie war als Einzelkind bei ihrer Mutter aufgewachsen. Fragen nach dem Vater waren immer abschlägig beantwortet worden. Nach dem Tod der Mutter entdeckte die Frau Liebesbriefe eines deutschen Wehrmachtssoldaten aus Münden. „Ihr Vater ist mittlerweile tot“, teilte Kempel der Niederländerin mit, „aber Sie haben zwölf Halbgeschwister.“

Mit dem Ausland hat Kempel immer häufiger zu tun. Fast jedes fünfte Kind, das im vergangenen Jahr in Münden geboren wurde, hat wenigstens einen ausländischen Elternteil. Bei den Trauungen lag der Ausländeranteil bei 15 Prozent, bei den Sterbefällen bei zwei Prozent. Um Unterlagen zu überprüfen oder um Kollegen zu informieren, sendet Kempel, der Englisch und Französisch spricht, E-Mails nach Izmir, Damaskus oder Neu-Delhi.

Um sich auf russischen Dokumenten zurecht zu finden, hat er sich die kyrillischen Buchstaben angeeignet. „Schwierig wird es beim arabischen Alphabet“, räumt er ein.

Von Michael Caspar

Folge vom 2. Juni 2006