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Unter uns Über dem Nordpol das halbe Jahrhundert vollendet
Thema Specials Unter uns Über dem Nordpol das halbe Jahrhundert vollendet
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Bewältigt Lebenskrisen auf ihre ganz spezielle Art: Brigitte Dette-Lafère.
Bewältigt Lebenskrisen auf ihre ganz spezielle Art: Brigitte Dette-Lafère. Quelle: BB
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Dass Brigitte Dette-Lafère gerne auf Reisen geht, ist beim Betreten ihrer Wohnung in Göttingen zu erahnen: Sie lebt in einem kleinen, vollgestellten Ein-Zimmer-Appartement, dekoriert mit Reiseliteratur und Fotografien. Die Neigung zu Survivalstrapazen ist der 62-Jährigen aber nicht anzusehen – sie ist eher der damenhafte Typ. Schlanke Gestalt, sonnengebräunter Teint, das blonde Haar zurückgesteckt, Gesicht und Fingernägel akkurat geschminkt, die Kleidung Ton in Ton abgestimmt, und natürlich passt auch das Schuhwerk zum Gesamtkunstwerk: „Ohne Makeup und hohe Absätze sieht man mich eigentlich nie“. Die Betonung liegt auf „eigentlich“. Denn es gibt auch Situationen, wo sich Dette-Lafère ohne Zögern mit der kosmetischen Minimalausstattung begnügt. Als sie aus Anlass ihres 50. Geburtstages vor 12 Jahren bei 54 Grad unter Null mit einem Fallschirm über dem Nordpol absprang, ruhten die Stöckelschuhe im Koffer, und auch der Lippenstift blieb bis zum Moment des Zielfotos in einer Tasche der winterlichen Kluft verborgen.
DDR-Kindheit
Vorangegangen waren dem die DDR-Kindheit in den 50er Jahren („das war keine leichte Zeit“), ein Arbeitsleben als Chemiefachlaborantin, Stenotypistin und Bibliothekarin, gefolgt von einem Technik-Fernstudium mit 34 Jahren und Berufstätigkeit in leitender Funktion, einer Ehe, die nach der Wende in die Brüche ging und Arbeitslosigkeit mit 49 Jahren. Großes Leid traf ihre Familie: Mutter, Schwester und Bruder verunglückten tödlich. Für Dette-Lafère der Auslöser, ein ganz spezielles Krisen-Bewältigungsprogramm zu entwickeln: „Ich kann nur wenig weinen, aber ich muss immer etwas tun.“ Sie beginnt ein „Fitness-Power-Training“ zur Ablenkung, joggt kilometerweit durch die Landschaft. Und bereitet sich damit auf den seit langem erträumten Absprung über dem Packeis vor, um den sie sich bereits beworben hat. Während eines Besuches bei ihrer Tochter, die sich beruflich nach Göttingen orientiert hat, macht sie beim Weihnachtsfest 1993 die Planungen ihrer Familie für den bevorstehenden runden Geburtstag zunichte: „Ich möchte lieber zum Nordpol….“ Zehn Tage später findet sie die Zusage im Briefkasten ihres Zuhauses. Über einen Kredit finanziert sie Sprungtraining und Reise. An der organisierten Aktion nehmen 80 Springer aus aller Welt teil – 14 tragen Verletzungen davon, weil sie bei 3,5 Windstärken gegen eine acht Meter hohe Eiswand prallen.
In Göttingen lernt die Fünfzigjährige ihren zweiten Ehemann kennen. Die Beziehung endet nach sieben Jahren in Trauer: Er stirbt an Krebs. Seitdem arbeitet sie aktiv im Vorstand des Fördervereins für Palliativpatienten des Universitätsklinikums mit. Wieder folgt eine intensive Trainingsphase, unter anderem mit wiederholten Brockenaufstiegen, verbunden mit der Planung einer neuen Herausforderung. Ihr Mann selbst hatte vor seinem Tod das Ziel empfohlen: Den Ehrgeiz seiner Ehefrau, nach dem Fallschirmsprung über dem Nordpol nun auch den Südpol von der Luft aus zu erobern, lenkte er in erdnähere Bahnen und riet zum Besteigen des Kilimandscharos.
2004 findet die Göttingerin dafür eine Mitstreiterin in der eigenen Familie. Ihre marathonerfahrene Tochter begleitet die 61-jährige Mutter nach Afrika. 97 Kilometer in vier Tagen, einen Aufstieg in 5895 Meter Höhe gilt es zu bewältigen. Dette-Lafère hat Probleme mit der Gruppendisziplin, „ich war gut und schnell trainiert und nicht darauf geeicht, langsam in der Gruppe zu gehen“.
Ein wenig höhenkrank
Sie übersteht Migräneattacken („zu wenig getrunken!“) und die Höhenkrankheit: „Ein paar Aussetzer hatte ich schon. Irgendwann wollte ich nur noch auf einem Stein sitzen und schlafen.“ Und die Erste will sie schließlich auch nicht mehr unbedingt sein. Dennoch: Dette-Lafère und Tochter erreichen nicht nur das Touristen-Ziel Gilmans Point in 5680 Metern Höhe, sondern bewältigen den gesamten Aufstieg zum Uhuru Peak. Um dort Lohn für die Strapazen zu finden: „In der Morgenröte wurde der Berg erst schön.“
Mit dem Kilimandscharo ist Dette-Lafères Reiselust noch nicht gestillt. Mehrere Auslands- und Inlandstouren unternimmt die Hobby-Geologin jährlich. Und ein ganz großes Ziel hat sie dicht vor Augen: Im Oktober ruft wieder ein Berg. Den Mount Everest im Himalaya will die Göttingerin bis zum Basislager in 6000 Metern Höhe besteigen. Mit einigen Freunden von der Kilimandscharo-Tour – und natürlich einem Lippenstift für das Gipfelfoto in der Jackentasche.

Von Katharina Klocke

Folge vom 18. August 2005