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Unter uns Ulrike Stratton im Truck quer durch die USA
Thema Specials Unter uns Ulrike Stratton im Truck quer durch die USA
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15:16 28.05.2014
Hat eine Menge erlebt: Ulrike Stratton hat in den USA einen Sattelschlepper gefahren und im Casino gearbeitet. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Sie hat die brennend heiße texanische Wüste durchquert. Ist auf der Route 66 gefahren. Hat sich mit ihrem 40-Tonner durch die Häuserschluchten Chicagos gequält und den berüchtigten Donner-Pass in der Sierra Nevada bezwungen. „Ein wenig Romantik war schon dabei“, sagt Ulrike Stratton, „aber auch viel Zeitdruck und immer wieder erdrückende Einsamkeit.“

Zum Sattelschlepperfahren kam sie mit damals 44 Jahren, weil sie ihren Job als Arbeiterin in einer Gießerei verloren hatte. Also nahm sie einen Kredit über 7500 Dollar auf und absolvierte die 154-stündige Ausbildung zur Truckerin. Lernte unter anderem rückwärtsfahren („sehr schwer“), andocken, Straßenrecht, erste Hilfe und Gefahrguttransport.

Dann ging es auf die Straße. Den ersten Monat zusammen mit einem erfahrenen Trucker, danach allein oder – bei Teamfahrten, bei denen der Truck pausenlos in Betrieb war – mit ihrem damaligen Ehemann Richard.

Staubsauger von Ohio nach Nevada, Farbe von Chicago nach Memphis, Kellog’s Cornflakes von Gary, Indiana, nach Baltimore.„Es gibt fast nichts, was ich nicht transportiert hätte“, blickt die geborene Gütersloherin zurück.

Ein normales Leben führen Trucker nicht

Viel hat sie erlebt, noch mehr gesehen: Blechknäuel auf dem Highway und daneben mit Tüchern abgedeckte Leichen, Schwärme von sogenannten „lot lizards“, Rastplatz-Schwalben, die Richard sogar ansprachen, „als wir Hand in Hand über den Parkplatz gingen“. Und die riesigen Truck-Stops mit Geschäften, Restaurants, Hotels und Kinos, die eine Stadt für sich sind.

„Die USA sind landschaftlich wunderschön“, sagt Stratton, „aber wenn man durch die unendlichen Weiten des Westens fährt, durch Wyoming oder Nebraska, muss man aufpassen, nicht am Steuer einzuschlafen.“ Die Höchstgeschwindigkeit ihres Trucks war auf 63 Meilen (101 Kilometer) die Stunde gedrosselt.

Bleifuß kam also selbst dann nicht in Frage, wenn sie eine Eilfracht hatte. „Einmal lautete unser Auftrag, Computer von Texas nach New Jersey zu bringen, und zwar innerhalb von 48 Stunden, sonst hätte unser Arbeitgeber eine Konventionalstrafe zahlen müssen“, erinnert sie sich. Richard und sie schafften es, „aber ohne zu duschen oder eine richtige Mahlzeit zu uns zu nehmen“.

Ein normales Leben führen Trucker nicht. „Zwei, drei Tage hat man frei, danach geht’s wieder wochenlang auf Tour“, berichtet Stratton. Viele ihrer Kollegen lebten in ihren Fahrzeugen, hatten noch nicht mal eine Wohnung, dafür in jeder größeren Stadt eine Freundin. Die Kameradschaft sei ausgeprägt: „Trucker sind eine verschworene Gemeinschaft.“

„Eine Art Leibeigene“

Nach zwei Jahren musste sie den Job an den Nagel hängen, weil die 9-Gang-Knüppelschaltung ihre Knie kaputt machte. Die 58-Jährige überlegt kurz, blickt dann versonnen: „Wäre die Arthritis nicht gewesen – der Highway wäre wohl heute noch mein Zuhause.“

Der Highway war in vielerlei Hinsicht Strattons Freund – das Casino in North Carolina war es nicht. Die Mutter zweier Söhne (32/29), die beide in den USA leben, arbeitete dort als Gaming Host, eine Art Gästebetreuerin. Ihre Aufgabe: Fragen beantworten, Wechselgeld rausgeben, Jackpots bis 200 Dollar auszahlen, Reparaturen an den einarmigen Banditen vornehmen. „Ein abscheulicher Job“, sagt sie.

Zum einen, weil die Mitarbeiter „eine Art Leibeigene“ des Casinos gewesen seien: „Im Vertrag war das Aussehen genau geregelt, beispielsweise, dass Ohrringe nicht größer als ein 25-Cent-Stück sein durften.“ Wenn die Angestellten ein Trinkgeld bekamen, mussten sie die Leitstelle anpiepen.

Sicherheitsleute beobachteten sie dann durch Deckenkameras auf dem Gang zur Sammelstelle, wo sie das Geld abgaben, selbst wenn es sich nur um 50 Cents handelte. Was Stratton zum anderen nicht mochte, war, was die Gier aus den Spielern machte: „Sie saßen wie besessen vor ihren Automaten.

„Es war Wahnsinn“

Einige gingen noch nicht mal auf Toilette, wenn sie eine Glückssträhne hatten, sondern machten sich in die Hose. Und wenn sie sich nicht freuten, wenn sie eine hohe Summe gewannen, war klar, dass sie regelmäßig spielten und dementsprechend häufig gewannen, aber eben noch häufiger verloren.“ 

Im Casino gehe das Gefühl von Raum und Zeit verloren, berichtet Stratton. Es gebe keine Fenster, keine Uhren und – weil das Casino an 365 Tagen im Jahr 24 Stunden lang geöffnet ist – keine Schlösser an den Eingangstüren.

Die Spieler tragen ihre Münzen in Eimerchen mit sich herum, an jeder Ecke befindet sich ein Geldautomat. So wanderten zu Stoßzeiten eine Million Dollar in die Schlitze der Spielautomaten – pro Stunde.

„Es war Wahnsinn“, blickt Stratton zurück, „ich bin froh, dort nicht mehr arbeiten zu müssen.“ Heute lebt sie als Rentnerin in einer Zwei-Zimmer-Wohnung am Egelsberg, hat einen Minijob als Kellnerin im Südstadt-Café.

Auf ihre Zeit in den USA blickt die dreifache Großmutter mit gemischten Gefühlen zurück: „Es ist ein faszinierendes Land, in dem ein lockeres Lebensgefühl herrscht.“ Aber eben auch ein Land, in dem es fast keine soziale Absicherung gibt: „Die Armen vegetieren dort unter Bedingungen, die sich hierzulande niemand vorstellen kann.“

Von Hauke Rudolph