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Unter uns Göttinger Oberstaatsanwalt sammelt sprachliche Fehlleistungen
Thema Specials Unter uns Göttinger Oberstaatsanwalt sammelt sprachliche Fehlleistungen
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20:35 13.01.2014
Von Jürgen Gückel
Blütenlese aus dem juristischen Alltag: Oberstaatsanwalt Wilfried Ahrens hat auf mehr als 700 Seiten juristische Stilblüten gesammelt. Quelle: Vetter
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Göttingen

Wann immer Wilfried Ahrens eine Akte in die Hände bekommt, beginnt für ihn eine Blütenlese. Seine Fundstücke füllen mehr als 700 Seiten in fünf Bänden der auf verwöhnten Juristen-Humor spezialisierten Beckschen Reihe. „Der Polizist rettete sich durch einen Seitensprung – neue juristische Stilblüten“, so der jüngste Titel.

Es ist Jahre her, da nervte die Braunschweiger Polizei eine Beschwerdeführerin, die sich immer wieder über den Beamten Pombecker beklagte. Es hat lange gedauert, bis ein Polizeiobermeister (POM) namens Becker gefunden war. Deshalb hätte sich Wilfried Ahrens seinen Karrierewunsch Oberstaatsanwalt (Osta) sicher auch noch einmal überlegt, wenn er nicht Ahrens, sondern Hase hieße.

Ja, der Aküfi (Abkürzungsfimmel) der Justiz oder gar des Gesetzgebers, er ist immer wieder ein Quell der Freude für die, die sprachliche Fehlleistungen zu schätzen wissen. Wilfried Ahrens, heute 62 Jahre alt, wusste das schon als Schüler. Auf dem Gymnasium in Alfeld, wenn der Deutschlehrer sich gewagte Satzkonstruktionen leistete, oder später als Repetitor im Jurastudium, wurde gern gelacht über jede gute Stilblüte, über jede krude Abkürzung oder jeden lustigen Verhörer.

„Alle haben gelacht, aber ich hab‘s aufgeschrieben“, erinnert sich Ahrens. Schließlich hatte er eine ganze Schublade voller Notizen. „Sachverhalt mit Lachgehalt“, hat er diese „Sternstunden sprachlicher Minderleistungen“ einmal genannt.

„Der Geschädigte liegt dem Vorgang bei“

Ein paar Kostproben gefällig?  Da wird in einem Urteil festgestellt, der Angeklagte habe „eine Liebesbeziehung, bis es zur Heirat kam“. Da stellt das Oberlandesgericht im Revisionsbeschluss fest, der Verurteilte habe eine „Beziehung zu seiner schwangeren Freundin, deren Tragfähigkeit sich erst noch beweisen muss“. Oder es findet sich in den Akten die Formulierung, es seien „Kinder leibeigen aus der Ehe hervorgegangen“.

Oft sind es schiefgegangene Versuche, gerade die so präzisen und unzweideutigen Formulierungen der Justiz anzuwenden, die zu den schönsten Stilblüten führen. Wenn etwa der Anwalt „von seinem Mandanten entbunden“ wird, dann ist die Formulierung zwar gut gemeint, aber nicht gut gelungen, und sie ist „unwahr, obwohl es einfach nicht zutrifft“.

Ebenfalls gut gemeint, ja im Geschäftsverkehr auch üblich, jedoch dem Ernst der Situation nicht immer angemessen und folglich ein Sammelobjekt für Ahrens sind Formulierungen wie diese: „Die gelieferte Ware bleibt bis zur Bezahlung Eigentum des Lieferanten.“ Was daran lustig sein soll? Der Satz steht in der Rechnung eines Bestatters, der eine Leiche in die Rechtsmedizin gebracht hat.

Ebenso zu neuem Leben in Ahrens’ Sammlung finden Pleonasmen wie der: Die Polizei fand eine „leblose Frauenleiche“. Doppeldeutigkeiten sind noch schöner, etwa die „Pfundsache, ein Hammer“.

Und dann das weite Feld der Verhörer, artig übertragen vom Schreibdienst der Gerichte, Staatsanwaltschaften und Polizeidienststellen: „Der Angeklagte erscheint in Bekleidung seiner Frau“ oder er „trägt die Kisten des Verfahrens“ – das sind Freudsche Fehlleistungen, die den „leidenden Oberstaatsanwalt“ dort treffen, „wo es am meisten scherzt“.

„Anwalt wurde von seinem Mandanten entbunden“

Wie kam es nun dazu, dass der Jurist im Landesdienst diese Fehlleistungen seiner Kollegen in nunmehr fünf Büchern „nach außen transpieriert“ hat? Schuld daran war ein Tag der offenen Tür. Nein, nicht im Knast, sondern im Gericht. Als das Landgericht 1998 seine Arbeit vorstellte und sich dabei einmal von der heiteren Seite zeigen wollte, wurde Ahrens gebeten, etwas vorzutragen. Das hatte er im privaten Kreis häufig getan, nun also erstmals öffentlich.

Die Folge waren ein Interview im NDR und im Jahr 2000 dann das erste Buch beim Verlag Beck. Inzwischen arbeitet der Göttinger an seinem sechsten Band. Damit es noch mehr werden, helfen Kollegen mit. Aus ganz Deutschland erhält der Göttinger Post von Juristen, die selber auf Lustiges gestoßen sind. Das meiste aber findet er mit routiniertem Blick noch selber.

Das Geheimnis der Hefte: Ahrens reiht nicht Gag an Gag. Er verbindet seine Fundstücke mit launigen Worten, hält sich einerseits an den Originaltext, versucht andererseits einen ironischen Gegensatz zwischen Stilblüte und Einleitung herzustellen. Für Frau und Tochter ist er dann abends, wenn er am Rahmen für seine schiefen Sprachbilder feilt, oft unansprechbar.

Zufriedenheit durch Fundstücke

Andererseits macht ihn nichts zufriedener als ein fein gefasstes Fundstück. So berichtet er etwa von der „missionarischen Aufgabe“ der Polizei, wenn es heißt, der Verdächtige habe „nach Bekehrung“ ausgesagt – Belehrung war gemeint.

Solcherart bekehrt – pardon – belehrt, so sollte man meinen, könnten die, aus deren Feder der stilistische Unfug stammt, auf den Finder sauer sein. Nein, sagt Ahrens, Kritik habe es noch nicht gegeben. Stattdessen von höchster Stelle der Justiz Anerkennung als „Botschafter einer humorvollen Justiz“.

Da wird er mal zu Vorträgen an verschiedene Landgerichte eingeladen, da tritt er beim Festakt des Bonner Rechtsjournals auf, oder er schmückt die Absolventenfeiern juristischer Fakultäten.

„Der Angeklagte trägt die Kisten des Verfahrens“

Dass ihm das Spaß macht, bewies er jüngst bei der Göttinger Polizei, als er mit Sprach-Comedy ein „Lach-Mahl“ aufwertete – das zweite Literatur-Festessen für Gäste der Polizeiinspektion.

Da drehte Ahrens so richtig auf und zeigte auch kommödiantisches Talent, wenn er sich etwa darüber beklagte, dass seine Bücher nie von Marcel Reich-Ranicki besprochen wurden, um dann gleich im Tonfall des verstorbenen Literaturkritikers auf seine „Zusammenrottung verbaler Verbrechen“ zu schimpfen.

Und welches Fundstück begeistert den passionierten Stilblütensammler nach all den Jahren selbst am meisten? Es ist die Verteidigungsrede eines Gattenmörders: „Herr Richter, bedenken Sie, dass ich Witwer bin. Und das von eigener Hand.“