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Unter uns Weihnachten 12000 Kilometer von Zuhause
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Für 13 Monate in Santiago de Chile: Zivi Malte Kolb aus Göttingen.
Für 13 Monate in Santiago de Chile: Zivi Malte Kolb aus Göttingen. Quelle: EF
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Im offiziellen Amtsdeutsch heißt das, was Malte Kolb sich für die Zeit zwischen Abitur und Studium ausgesucht hat, „Anderer Dienst im Ausland“. Und selten war ein bürokratischer Fachausdruck so zutreffend: Denn der Einsatz des 20-Jährigen unterscheidet sich deutlich von den Wehr- und Ersatzdiensten seiner Altersgenossen. Für 13 Monate hat er dem heimischen Göttingen den Rücken gekehrt, um im 12000 Kilometer entfernten Santiago de Chile mit benachteiligten Kindern zu arbeiten.

Am 24. August hatte sich Malte ins Flugzeug nach Südamerika gesetzt – nach ausgiebiger Vorbereitung. Neben der Auswahl des Landes und der Suche nach einer geeigneten Zivildienststelle, sammelte er Informationen über das südamerikanische Land und sparte für den Auslandsaufenthalt. Mit seinen fünf Jahren Spanischunterricht in der Schule fühlt er sich außerdem sprachlich gerüstet – „zumindest für den Einstieg“.

Einige Tage vor seiner Abreise erklärte Malte in einem Interview noch mutig: „Ich traue mir das zu.“ Er sei durchaus risikobereit und neugierig auf Erfahrungen mit Menschen anderer Kulturen. Vier Monate später – pünktlich zu Weihnachten – schreibt er jetzt in einem Brief in die Heimat von seinen bisherigen Erfahrungen. Nach „beängstigenden“ ersten Wochen hat sich der Göttinger mittlerweile eingewöhnt, hat Freunde gefunden und kommt – auch sprachlich – ganz gut zurecht. „Auf jeden Fall gehe ich schon mal nicht mehr verloren.“ Und für mehr als „Ich bin der Malte aus Deutschland“ reiche es auch schon.

„Die positiven Momente“

Seine spärliche Unterkunft und der Kindergarten, in dem er sich um Zwei- bis Dreijährige kümmert, liegen in einem der ärmsten Viertel Santiagos. Seine Schützlinge stammen aus meist schwierigen Verhältnissen und haben Erfahrungen mit familiärer Gewalt gemacht. Häufig sei er der erste männliche Erwachsene, von dem sie Aufmerksamkeit und Liebe bekommen. „Für manche Kinder ist man wirklich fast eine Art Ersatzvater.“ Eine völlig neue Erfahrung für den 20-Jährigen, dessen Umgang mit Kindern sich bisher auf den Kontakt zu seinen zwei kleinen Brüdern beschränkte.

Die Belohnung für sein Engagement, bekommt er von seinen Schützlingen direkt zurück: „Es sind die positiven Momente, wenn man merkt, den Kinder etwas beigebracht zu haben – und wenn es nur die kleinsten Sachen sind.“ Um so mehr tue es ihm weh zu sehen, wenn das Kind, das man gerade als Belohnung auf dem Schoß hatte, anschließend von der Mutter geschlagen werde. „Man kommt dann eben doch an die Grenzen seiner Möglichkeiten“, gesteht er.

Trotz allem freue er sich auf die noch ausstehenden neun Monate. Und auch für die Zeit danach sind die Pläne schon geschmiedet. Ein Studienplatz für „Internationale Beziehungen“ an der Uni Dresden wartet auf ihn. Und nicht zuletzt dafür werden ihm die Erfahrungen nützen, die er während seines „Anderen Dienstes im Ausland“ sammeln konnte.

Von Markus Scharf

Folge vom 24. Dezember 2005