Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Wätzolds Woche Facebook für Tote
Thema Specials Wätzolds Woche Facebook für Tote
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:44 26.02.2016
Quelle: Hinzmann
Anzeige
Göttingen

Nun wurde die Vorlage der Stadtverwaltung politisch beschlossen, QR-Codes erweiternd oder ersetzend zu den üblichen Inschriften auf Grabsteinen zuzulassen. Also Markierungen, die ich mit dem Smartphone oder Tablet scanne, um dann weitere Informationen auf den Bildschirm zu bekommen. Über mir völlig fremde Tote wohlgemerkt. Das ist befremdlich, weil real.

Aber es passt gut in unsere Zeit, in der Hinz und Kunz persönliche Belanglosigkeiten in sozialen Netzwerken veröffentlichen. Der Zeitgeist ist nämlich ein eitler, die Bedeutung der eigenen Person wird maßlos überschätzt und so bestimmt die Anzahl der "Likes" Status und Ansehen. Warum sollte man also damit aufhören, nur weil man tot ist?

Da kann man doch einfach weiter "Likes" sammeln. Wenn die analoge Hülle hin ist, gibt es immer noch das digitale Dasein, das weiterhin verkündet, was niemand wissen muss. Das ist Leben 2.0! Und wenn man keine Person mit gesellschaftlichen Verdiensten war (neben deren Gräbern Informationen zur Person ja durchaus sinnvoll sein können), dann steht da halt das - auch bei Leuten mit Herzschlag - übliche Blabla drin.

Bisher ist ein Friedhof noch einer der wenigen besinnlichen Orte, an denen die Besucher nicht ununterbrochen auf ihre Smartphones stieren. Das kann sich in Göttingen nun ändern, dann hält die Handypest auch hier Einzug. Ich weiß nicht, ob das schon pietätlos ist. Mit Andacht hat dieses Facebook für Tote jedenfalls nichts zu tun. Ein Friedhofsbesuch ist nämlich eigentlich eine sehr persönliche Angelegenheit und keine öffentliche Zurschaustellung.

Die Kirchenvertreter Selter und Schwarze lehnen die Einführung der Codes ab. Selten habe ich mich als Atheist den beiden so nahe gefühlt, wie in diesem Fall.