Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Wätzolds Woche Eine baumhafte Idee
Thema Specials Wätzolds Woche Eine baumhafte Idee
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 23.11.2019
Für jedes Kind einen Baum – das fordern die Jungen Liberalen Göttingen. (Symbolbild) Quelle: dpa
Anzeige
Göttingen

Da soll doch noch mal jemand sagen, die Jungen Liberalen stünden für soziale Kälte, lehnten die 68er-Bewegung ab und der Klimawandel gehe ihr am neoliberalen Pöter vorbei. Nix da! Die JuLis gehen dieser Tage nämlich mit einer Idee an die Öffentlichkeit, beziehungsweise in den Göttinger Stadt- und Bovendener Gemeinderat, die sich anhört, als wäre sie das Brainstormergebnis eines Meditationswochenendes von klimabewegten Althippies zur Weltrettung.

Der FDP-Nachwuchs möchte nämlich, dass den Eltern jedes Neugeborenen ein Baum geschenkt wird. „Mit den Neugeborenenbäumen wollen wir den Kindern einen persönlichen Begleiter mit auf ihren Lebensweg geben und gleichzeitig einen Beitrag zum Klimaschutz leisten“ erklärt der Kreisvorsitzende Julius Graack und wir staunen ungläubig angesichts dieser geradezu spirituellen Initiative. Welche Baumsorte dafür infrage kommt, um das Klima zu retten, sagen die JuLis allerdings nicht; vielleicht wollen sie das ja lieber Experten überlassen, weil sie selbst von der Sauerstoffmenge, die ein Baum produziert, soviel Ahnung haben, wie die Kommune 1 von der kalten Progression.

Lebensberater bei pubertären Problemen

Doch gegen diese sympathische Idee kann eigentlich niemand etwas haben, schließlich wollten schon die Puhdys „Alt wie ein Baum“ sein und dieser Traum kann nun endlich wahr werden. Und wenn ein Kind mal ein pubertäres Problem hat, das es mit den Eltern nicht besprechen will, dann kann es damit einfach zu seinem persönlichen Lebensbegleiter gehen; der kennt sich mit Frühlingserwachen sowieso viel besser aus als die zerknitterten Alten zuhause.

Allerdings hat die Sache in der Umsetzung auch einen Haken, nämlich in gebärfreudigen Gemeinden. Allein „in Bovenden gibt es jährlich 118 Geburten“, so das GT vom Dienstag (wie schaffen es die Bovendener bloß, jedes Jahr auf exakt diese Anzahl zu kommen?) und dann ist natürlich gar nicht genug Platz für alle Gebärbäume da. Außerdem dürfte es wohl kaum im Interesse der JuLis sein, wenn durch die Anpflanzungen die Ansiedlung eines Gewerbegebiets gefährdet wird.

Burn Out programmiert

Die Idee der Jungliberalen, dann stellvertretend für alle Neugeborenen nur einen Baum anzupflanzen, klingt allerdings wenig sinnvoll, denn das würde für diesen einen Baum ja eine unzumutbare Härte darstellen, schließlich kann der sich nicht um die Belange von 118 Kindern kümmern, da ist der Burn Out ja vorprogrammiert. Drum sollte man doch lieber überlegen, dann im Gegenzug für jeden Todesfall auf einer Ausgleichsfläche einen Baum zu fällen.

Sie erreichen den Autor per E-Mail an: redaktion@goettinger-tageblatt.de

Von Lars Wätzold

Lars Wätzold blickt in seiner Kolumne auf die Berichterstattung zu 30 Jahre Mauerfall zurück. Außerdem beschäftigt er sich mit der Liebe zum deutschen Volk.

16.11.2019

Tauberbischofsheim, ein Meniskusriss und die AfD: Unser Kolumnist Lars Wätzold hat keine leichte Woche hinter sich. Um nicht zu sagen: eine desaströse.

01.11.2019

Sie blockieren das Rathaus, reißen dem Literaturherbst-Geschäftsführer das Hemd vom Leib. Was genau wollte die Demonstranten erreichen? Über Sinn und Zweck der Blockade der geplanten Lesung des ehemaligen Innenministers Thomas de Maizière sinniert Tageblatt-Kolumnist Lars Wätzold.

26.10.2019