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Wätzolds Woche Klimatische Verirrung
Thema Specials Wätzolds Woche Klimatische Verirrung
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18:00 10.05.2019
Die Acker-Besetzung der Aktivisten gegen den Bau des Logistikzentrums macht auf Lars Wätzold mehr Eindruck als leises Tanzen für das Klima. Quelle: Riese
Göttingen

Obwohl der Mai ja vom Wetter her bisher nicht wonnig, sondern eher zum Wimmern ist, ist die allgemeine Erderwärmung offenbar schon so weit fortgeschritten, dass nicht nur die Polkappen schmelzen, sondern auch einige Göttinger Gehirne. Das dachte ich, als ich den Vorbericht zur heutigen „Silent Climate Parade“ las. Denn was da laut Veranstalter passiert, ist schon enorm: Unter dem Motto „Tanz mal drüber nach“ wird ein Demonstrationszug lautlos durch die Innenstadt tanzen, wobei jeder Demonstrant einen Kopfhörer trägt und dabei zwischen drei Musikstilen auswählen kann. „Man sieht uns tanzen, aber man hört uns nicht“, so die Veranstalter und das scheint mir dann auch schon der einzige positiver Aspekt dieser bizarren Veranstaltung zu sein.

Sinn des Ganzen soll sein, „auf tanzende Weise auf die Notwendigkeit von Klimaschutzaufmerksam zu machen“. In Wirklichkeit macht, wer da mitläuft, allerdings vor allem darauf aufmerksam, dass er einen an der Waffel hat. Und was hören die dann wohl? „Mein Freund der Baum ist tot“? Meine Sorge ist, dass hoffentlich auch alle Passanten den Grund der Verrenkungen begreifen; nicht dass da noch jemand den Arzt ruft, weil er denkt, es handelt sich um einen kollektiven epileptischen Anfall. Und ich frage mich, warum der Göttinger Klimaschutzverein als Mitveranstalter dieses Unsinns auftritt und das niedersächsische Sozialministerium den Quatsch sogar finanziell unterstützt? Will man hier eine zahme Alternative zur deutlich subversiveren Fridays-for-Future-Bewegung heranzüchten? Und auf welche Aktivitäten müssen wir uns nun noch einstellen? Rumhängen für den Regenwald? Chips essen gegen Überfischung?

Deutlich seriöser und vernünftiger erscheinen mir hingegen die Besetzer des Ackers, auf dem der Bau des Logistikzentrum bei Neu-Eichenberg geplant ist. Dort soll bekanntlich einer der fruchtbarsten Böden Deutschlands für immer zerstört werden, weil eine Kommune ihr Kostbarstes dem schnellen Reibach opfert. Unsere Kinder zahlen dann die Zeche. Aber zum Glück kriegen die das erst mal gar nicht mit, denn sie tanzen ja mit Kopfhörern zu drei verschiedenen Musikstilen durch die Innenstadt.

Sie erreichen den Autor per E-Mail an: redaktion@goettinger-tageblatt.de

Von Lars Wätzold

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