Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Wätzolds Woche Kinderlose Einfalt
Thema Specials Wätzolds Woche Kinderlose Einfalt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 10.08.2019
Diese Woche . Quelle: Christina Hinzmann
Anzeige
Göttingen

Diese Woche stand ich in einem Schreibwarengeschäft und wurde langsam panisch, denn das DIN A4 Schreibheft mit Lineatur 3 gab es nur ohne Rand. Ich brauchte es aber mit Rand. Beziehungsweise meine Tochter braucht es mit Rand; und zwar gleich zwei davon für die dritte Klasse. Vier DIN A4 Mathehefte Nr. 26 mit Rand, zwei Zeichenblöcke (DIN A3 und 4 – je mindestens 120g), eine Sammelmappe A3 und eine durchsichtige Sammelmappe A4 mit Gummizug hatte ich schon im Korb, doch nun drohte ich, am fehlenden Rand des Heftes mit Lineatur 3 zu scheitern. Da ich es eilig hatte (Stifte, Pinsel, Kleber und die ganzen Sachen für Klasse Acht brauchte ich ja auch noch, ganz zu schweigen von den Büchern und Arbeitsheften für beide Klassen), nahm ich einfach Lineatur 3 ohne Rand und beschloss, den Rand selbst reinzumalen. Kann den Lehrern doch eigentlich egal sein, außerdem ist in der Hermann-Nohl-Schule sowieso bekannt, dass der Vater meiner Tochter leicht einen an der Waffel hat.

Kinder sind ein echter Luxus

Für alle Hefte und Bücher habe ich dann ungefähr 150 Euro bezahlt, dazu kommen noch 60 Euro Materialgeld und die 463 Euro für das obligatorische iPad an der IGS – dessen Nutzen mir nicht einleuchten mag – und natürlich die 190 Euro für die Klassenfahrt ins Weserbergland. Ja, Kinder sind ein echter Luxus und nicht von ungefähr ein Armutsrisiko in Deutschland. Und wer jetzt meint, dass es doch genau dafür Kindergeld gibt, dem ist anscheinend nicht klar, dass das ja weitgehend für die Hortbetreuung direkt wieder eingezogen wird. Viel besser (und wahrscheinlich nicht mal teurer) wäre es natürlich, das Kindergeld abzuschaffen und stattdessen Bildung, Betreuung, ÖPNV und die soziale und kulturelle Infrastruktur für Kinder komplett kostenfrei zu stellen (inklusive DIN A4 Schreibheft mit Lineatur 3 und Rand); zumal diejenigen, die das Kindergeld am nötigsten hätten, keins kriegen, Multimillionäre hingegen schon. Aber das wäre ja ein großer familienpolitischer Wurf und ist somit natürlich ausgeschlossen im Land des kleinsten gemeinsamen Nenners.

Silberstreif am Horizont

Doch diese Woche tat sich ein Silberstreif am Horizont auf, denn Carsten Linnemann von der CDU hat mir mit dem Satz „Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen“ den Weg aus dem ruinösen Schulanschaffungs-dilemma gewiesen. Linnemann hat als kinderloser Volkswirtschaftler zwar von Pädagogik und Spracherwerb ungefähr soviel Ahnung wie ich von der Bestimmung derivitärer Produktionsfaktoren, trotzdem stimme ich ihm uneingeschränkt zu und hoffe, dass er sich damit durchsetzt. Ich trainiere meine Kleine jedenfalls schon mal darauf, auf Lehrerfragen grundsätzlich mit „Bahnhof“ zu antworten.

Den Autor erreichen Sie unter redaktion@goettinger-
tageblatt.de

Von Lars Wätzold

Kolumnist Lars Wätzold hat sich in dieser Woche mit Fahrten und Reisen mit Bus und Bahn beschäftigt – zwei der letzten Abenteuer unserer Tage.

06.08.2019

Zum Glück ist Tageblatt-Kolumnist kein Bundestagsabgeordneter, findet er selbst. Denn dann hätte er seinen Urlaub auf den Kanaren wegen Annegret Kramp-Karrenbauer abbrechen müssen.

27.07.2019

Lars Wätzold beschäftigt sich in seiner Kolumne diesmal mit drei Themen. Unter anderem zieht er dabei einen Vergleich zwischen Windeln und Hundekotbeuteln.

13.07.2019