Landesfunkhaus Kiel

NDR-Prüfbericht: Scharfe Kritik an Führungskräften

Einige Führungskräfte des Landesfunkhauses des NDR in Kiel sehen sich teils schweren Vorwürfen ausgesetzt.

Einige Führungskräfte des Landesfunkhauses des NDR in Kiel sehen sich teils schweren Vorwürfen ausgesetzt.

Kiel. Keine Belege für „politische Filter“, aber sehr umstrittene Führungskräfte: Der NDR hat einen eigenen Bericht zur internen Aufarbeitung der Vorwürfe gegen das Landesfunkhaus Schleswig-Holstein veröffentlicht. Darin wird deutlich, wie sehr der Haussegen beim NDR in Kiel schiefhängt – insbesondere im Bereich Politik und Recherche. Das geht sogar so weit, dass ein kompletter Neuaufbau des Ressorts empfohlen wird.

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Die interne Prüfung hatte NDR-Intendant Joachim Knuth in Auftrag gegeben. Carsten Löding und Thomas Berbner, beide NDR-Journalisten, präsentierten am späten Dienstagvormittag die Ergebnisse der Belegschaft bei einer Sitzung in Kiel.

NDR Kiel: Entscheidungen über Berichte wurden nur in kleinem Kreis vorgenommen

Auf insgesamt 43 Seiten gehen sie unter anderem dem schweren Vorwurf eines „politischen Filters“ im Landesfunkhaus nach. Dafür hätten sie keine Belege gefunden, schreiben Löding und Berbner. Allerdings heißt es in dem Papier auch: „Wir sehen einzelne tagesaktuelle Entscheidungen kritisch, aber für einen solch massiven Vorwurf müsste die Berichterstattung des Landesfunkhauses über einen längeren Zeitraum systematisch ausgewertet werden.“

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An anderer Stelle werden sie deutlicher: So gibt es scharfe Kritik am Arbeitsklima und der „sehr hierarchischen“ Führungsstruktur im Funkhaus. Entscheidungen über politische Themen seien offenbar häufig nur in einem engen Kreis getroffen wurden, heißt es in dem Bericht. Abnahmen von Beiträgen aus der Redaktion Politik und Recherche wurden demnach zudem meistens von der Leiterin der Politikredaktion, Julia Stein, vorgenommen. „Senderedakteure fühlten sich dadurch häufiger übergangen und in ihrer Kritik an der Ausgestaltung des Beitrags nicht ernst genommen.“

NDR Kiel: Bericht empfiehlt Neuaufbau des Ressorts Politik und Recherche

Das Arbeitsklima im Landesfunkhaus sei in Teilen von „mangelnder Kommunikation und fehlendem Vertrauen geprägt“. Chefredakteur Norbert Lorentzen habe nicht wenige in der Redaktion mit einem „scharfen, konfrontativen Umgang“ abgeschreckt. Es gebe zahlreiche Berichte, in denen sein Stil als „kalt und überzogen“ bezeichnet werde.

Das Fazit: „Klassische Mechanismen redaktioneller Selbstkontrolle waren durch die spezielle Situation in Kiel de facto außer Kraft gesetzt.“ Für das Ressort Politik und Recherche lautet die Empfehlung: „Wenn das Landesfunkhaus auch weiterhin Wert auf eine Einheit investigativ recherchierender Journalisten legt, wird man diesen Bereich neu aufbauen müssen.“

NDR-Untersuchung: Interview mit Grote hätte geführt werden müssen

Auch einzelne Vorwürfe nimmt der NDR-Bericht unter die Lupe. So geht es unter anderem um angebliche Einflussnahme von Funkhausvorgesetzten auf eine Recherche über sogenannte Verschickungskinder des Roten Kreuzes und ein abgesagtes Interview mit dem ehemaligen Landesinnenminister Hans-Joachim Grote vor rund zwei Jahren.

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Das klare Ergebnis der internen Untersuchung: Das Interview mit Grote hätte geführt werden müssen, um zu den Hintergründen des Rücktritts von Grote weitere Erkenntnisse zu gewinnen. Dass Stein und Lorentzen das Interview nicht wollten, stelle aber keinen Beleg für eine politisch motivierte Einflussnahme dar. Es sei vielmehr eine "nur schwer nachvollziehbare Entscheidung in der journalistischen Einschätzung der Relevanz eines Themas", heißt es in dem Bericht.

Bei der Recherche zu Verschickungskindern und der Rolle des DRK soll es keine journalistisch unbegründeten Eingriffe durch die Redaktionsleitung gegeben haben. "Bei dieser Recherche gab es viele Defizite, aber die jetzt öffentlich erhobenen Vorwürfe gehen am Sachverhalt vorbei", wird Löding in einer Pressemitteilung des NDR zitiert. In dem Fall sei eine Recherche schief gegangen, "aber weder sollte das DRK geschützt werden noch sollte Recherchematerial weitergegeben werden."

100 Mitarbeiter entzogen Führungsspitze das Vertrauen

In dem NDR-Bericht kommen auch Funkhausdirektor Volker Thormälen, Julia Stein und Norbert Lorentzen mehrfach zu Wort. Sie bestreiten eine politische Einflussnahme und äußern ihr Bedauern ob der Vorwürfe eines schlechten Arbeitsklimas.

Derzeit weilt Thormälen im unbezahlten Urlaub, Lorentzen und Stein hatten darum gebeten, von ihren bisherigen Aufgaben im Landesfunkhaus Schleswig-Holstein entbunden zu werden. Dass die drei auf ihre alten Positionen zurückkehren, erscheint unwahrscheinlich: Zuletzt hatten rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Führungsspitze ihr Vertrauen entzogen.

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Der NDR-eigene Prüfbericht ist unabhängig von der noch ausstehenden externen Aufarbeitung des Sachverhalts. Der NDR-Landesrundfunkrat hatte dazu eine Wirtschaftskanzlei beauftragt. Das Ergebnis soll voraussichtlich in einigen Wochen vorliegen.

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