„Es gibt nichts Vergleichbares“

Das Ende der Hausarbeiten? Was ChatGPT für Schule und Uni bedeutet

Ein Schüler macht in seinem Kinderzimmer Hausaufgaben. Schlafforscher plädieren für einen späteren Schulbeginn in den oberen Klassenstufen.

Selber schreiben oder schreiben lassen? Ein Schüler macht in seinem Kinderzimmer Hausaufgaben.

„Nein“, sagt Doris Weßels, Professorin für Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Kiel. „So etwas haben wir noch nicht erlebt. Es gibt nichts Vergleichbares.“ Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte, sagt sie, bekämen alle, die schreiben, mit dem Textroboter ChatGPT einen mächtigen, virtuellen und „extrem einfach zu bedienenden“ Partner an die Seite gestellt. Das verändert alle Branchen – und auch den Alltag in Schulen und Universitäten. Denn das System liefert Aufsätze, Referate und ganze Hausarbeiten per Mausklick. Und die Ergebnisse – das zeigen erste Versuche – sind von handgemachten Texten nicht zu unterscheiden.

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Schulen und Unis stehen vor einem mächtigen Problem

Und nun? Ist das das Ende der klassischen Hausarbeit für Studierende? Die Schulbehörde in New York hat den Schreibroboter bereits für alle Schülerinnen und Schüler blockiert. Sicher ist: KI-Systeme werden einen massiven Einfluss auch auf Forschung und Lehre haben. Und sind ein weiterer Angriff auf das Vertrauensverhältnis zwischen Lehrern und Schülern. In ersten Seminaren diskutieren Lehrende das Phänomen bereits.

Die Schlussfolgerung ist stets dieselbe: Da kommt etwas Mächtiges auf uns zu. Nach nur fünf Tagen hatten sich beim Ende des Jahres gestarteten ChatGPT bereits eine Million Menschen angemeldet. Netflix brauchte dafür zweieinhalb Jahre. Es ist, wie es in einem Bildungsfachartikel heißt, für das Prüfungswesen nicht weniger als eine „Katastrophe“. „Wir wussten schon vorher, dass die Büchse der Pandora geöffnet wurde“, heißt es da. „Aber nun erlaubt sie uns immer tiefere Einblicke in ihre Abgründe.“

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„Wir müssen als Menschen die digitale Führerschaft übernehmen“: Prof. Dr. Doris Weßels, Wirtschaftsinformatikerin an der Fachhochschule Kiel.

„Wir müssen als Menschen die digitale Führerschaft übernehmen“: Prof. Dr. Doris Weßels, Wirtschaftsinformatikerin an der Fachhochschule Kiel.

Was also tun, wenn Schüler und Schülerinnen Chatroboter benutzen? Weßels rät Lehrenden zu einem ersten Schnelltest, indem sie ihre Aufgabenstellung vorab selbst bei ChatGPT prüfen: „Wenn das System auf den ersten Klick eine flüssige, vorbildlich gute, faktengetreue Antwort liefert, hat es keinen Sinn, Studierenden genau diese Frage zu stellen. Dann kann ich die Hausaufgabe streichen“, sagt sie. „Das bringt nichts.“

Auch sie fordert eine Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Texte. Überhaupt wird KI zweifellos das klassische Lehrsystem von „Drill and Test“ verändern, also von Lernen und Abfragen. Pädagoginnen und Pädagogen werden neue, originellere Methoden finden müssen, um den Kenntnisstand der Schüler zu ermitteln – zum Beispiel mit Transferaufgaben. Dabei wird ein erlernter Lösungsweg auf ein konkretes Kreativprojekt übertragen. Da ist ChatGPT (noch) keine große Hilfe. Denkbar sind auch mehr Präsenzklausuren oder mehr mündliche Prüfungen.

„Eine Verbotskultur wäre nicht klug“

KI sei eine massive Prüfung für die menschliche Kultur, sagt Weßels. „Wir müssen als Menschen die digitale Führerschaft übernehmen. Ich fürchte aber, dass da wieder eine deutsche Verbotskultur entsteht. Und zwar nur, weil wir mit dem Problem nicht umgehen können. Das wäre nicht klug.“ Die Verführungskraft der Maschinen sei extrem groß. „Gerade hat eine Kollegin über eine schlecht geschriebene, sehr fehlerhafte Abschlussarbeit geklagt. Sie sagte im Scherz: ‚Hätte diese Studentin doch bloß ChatGPT benutzt...‘“

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