Neues Modell des Kultplayers vorgestellt

Warum Sonys Walkman scheiterte

Sony hat einen neuen Walkman herausgebracht. Statt Kassetten spielt dieser jedoch inzwischen Streamingdienste ab.

Sony hat einen neuen Walkman herausgebracht. Statt Kassetten spielt dieser jedoch inzwischen Streamingdienste ab.

Hannover. Es dürfte irgendwann in den Neunzigerjahren gewesen sein, da wurde mir erstmals ein Walkman von Sony in die Hand gedrückt. Auf einer langen Autofahrt mit der Familie in Richtung Sommerurlaub – abgespielt wurde die Hörspielfassung der Pippi-Langstrumpf-Filme, vielleicht war es aber auch Benjamin Blümchen. Meine Eltern, so meine Vermutung, hatten mir das Gerät damals nur überlassen, damit ich auf der Fahrt über die A7 nach Dänemark Ruhe gab. Aber es war der Anfang einer großen Liebe.

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Das Gerät hieß offiziell Sony WM-B12, Baujahr 1988. Es war eine bereits modifizierte Variante des Ursprungswalkmans von 1979. War das erste Modell (TPS-L2) noch eckig und klobig, so hatte der WM-B12 moderne Rundungen, eine quietschgrüne Kopfhörerbuchse auf schwarzem Plastik sowie eine „Metal On/Off“-Funktion, die (soweit ich mich erinnere) den Sound verändern konnte. Aus den Pippi-Langstrumpf und Benjamin-Blümchen-Kassetten wurden mit der Zeit Musikalben – oder eigene Aufnahmen der Radiocharts. Selbst meine erste Bravo Hits aus dem Jahre 1995 war keine CD, sondern noch eine Kassettenvariante.

Wegen seiner Dauernutzung war die Lebenszeit meines Walkman B12 begrenzt. Die Kopfhörerbuchse hatte irgendwann einen Wackelkontakt, sodass man das Kopfhörerkabel in eine ganz bestimmte Position klemmen musste, um überhaupt noch etwas hören zu können. Die Stop/Start/Spul-Tasten waren ausgeleiert, der Kassettenplayer leierte stark und fabrizierte ständig Bandsalat. Nach seinem Tod konnte ich noch mindestens zwei weitere Modelle dieser Art mein Eigen nennen, darunter auch einen Walkmannachbau des japanischen Unternehmens Aiwa, der deutlich weniger cool war. Aber er hatte Auto-Reverse – so musste man die Kassetten nicht mehr umdrehen.

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Lebensgefühl mehrerer Generationen

Erinnerungen wie diese dürften wohl viele Musikfans haben, die einen Walkman ihr Eigen nennen konnten. Das Kultgerät von Sony verbindet Generationen – und sein Einfluss endet längst nicht mit der Musikkassette. Während die Marke Walkman stets erhalten blieb, änderte sich über die Jahrzehnte immer wieder das Speichermedium: Jüngeren dürfte wohl eher der sogenannte Discman in Erinnerung sein, der erst später in Walkman umbenannt wurde. Zudem gab es Varianten mit Minidisc und schließlich sogar mp3- und Handyversionen.

Selbst heute wird der Walkman noch produziert. Erst in dieser Woche hat Sony ein neues Modell vorgestellt, das jedoch weder Kassetten noch CDs spielt – sondern mit dem Betriebssystem Android läuft und Musik streamen kann. Was genau man damit soll, ist nicht ganz klar: Die Musikfunktion hat heute jedes Smartphone – selbst auf den Hype um die mp3-Player in den frühen 2000er Jahren konnte Sony nie wirklich aufspringen.

Der Walkman steht zwar für das Lebensgefühl mehrerer Generationen, für einen ganz bedeutenden Abschnitt der Musikgeschichte. Allerdings hat er auch nie den Sprung ins Digitale geschafft – Sonys einstige Kultmarke spielt heute keine Rolle mehr. Wie konnte das eigentlich passieren?

Die Krise beginnt früh

Vieles deutet darauf hin, dass die Walkmankrise schon kurz nach seiner Markteinführung beginnt. Denn zu diesem Zeitpunkt gilt die Musikkassette – trotz ihrer großen Beliebtheit – längst als Auslaufmodell.

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Die Plastikschachtel mit Magnetband wird in den Sechzigerjahren von der Sony-Konkurrenz Philips entwickelt – noch bis in die späten Neunzigerjahre ist sie allgegenwärtig. Musikgeschäfte und Elektronikmärkte verkaufen noch lange Zeit Kassettenhörspiele für Kinder, in Supermärkten lagern direkt neben dem Bürobedarf ganze Stapel von Leerkassetten mit 60 oder 90 Minuten Spielzeit, ehe sie von den CD-Rohlingen verdrängt werden.

Der Kassettenwalkman wird in dieser Zeit mehr als 200 Millionen Mal verkauft – daran ändert auch das Aufkommen von CDs nichts. Kassetten sind vergleichsweise robust, man kann sie nicht zerkratzen und: sie eignen sich zur Aufnahme – das ist mit der CD zunächst nicht möglich.

Einen Nachteil hat die herkömmliche Kompaktkassette aber: Sie klingt nicht sonderlich gut. Dass irgendwann ein digitaler Nachfolger folgen wird, ist nur eine Frage der Zeit.

Die Nachfolgerkassette scheitert

Einen Versuch startet schon im Jahre 1983, und damit vier Jahre nach Markteinführung des Walkman, die internationale DAT-Konferenz. Sie berät und entwickelt das Digital Audio Tape, kurz DAT. Im Gegensatz zur herkömmlichen Kassette besteht es aus einem digitalen Audio-Magnetband, seine Klangqualität ist frei von Leiern und Rauschen und entspricht im Wesentlichen der einer Audio-CD. Auch Sony erkennt den Trend – und bringt mit dem DAT-Walkman ein kompaktes Gerät heraus, das nicht nur digitale Kassetten abspielen, sondern auch aufnehmen kann.

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Ein Kassenschlager wird das Gerät allerdings nicht – ebenso wenig wie das DAT. Der herkömmlichen Analogkassette kann das Format, wohl auch wegen seines hohen Preises, nicht das Wasser reichen. DAT verschwindet schneller aus dem privaten Hifi-Bereich als es gekommen war – allenfalls bei Profis, also etwa in Tonstudios, kann das Format sich durchsetzen.

Keine schlechten Aussichten für Sony, sollte man meinen – denn der japanische Konzern hat glücklicherweise eine Alternative in der Hinterhand. Sie nennt sich Mini-Disc, kann 74 Minuten Musik in CD-ähnlicher Qualität speichern – und ist dabei auch noch deutlich kleiner als eine CD oder eine Kassette und auch als das DAT.

Die Minidisc ist nicht die Zukunft

1992 erscheint mit dem MZ-1 der erste MD-Walkman. Zunächst noch recht klobig, werden die Nachfolgemodelle später deutlich handlicher und kompakter und sehen stark nach Zukunft aus. Auch werden für die Minidisc diverse Neuerungen eingeführt, darunter auch eine Longplay-Funktion, was es ermöglicht, noch deutlich mehr Musik zu speichern.

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Der neueste Schrei ist in den 2000er Jahren die NetMD. Damit lassen sich über eine Software namens „OpenMGJukeBox“ und einen USB-Anschluss Musikdateien direkt vom Computer auf den MD-Walkman übertragen – im Prinzip so, wie man es später von mp3-Playern kennt.

Immerhin 22 Millionen Minidisc-Walkmans verkauft Sony bis zur Einstellung der Reihe im Jahr 2011. Das Gerät bleibt aber trotzdem nicht mehr als ein Randphänomen: In Japan ist die Minidisc zwar ähnlich verbreitet wie hierzulande die CD – zum weltweiten Hype wie der Kassettenwalkman wird der Minidisc-Player allerdings nie. Und als die mp3 schließlich populär wird, ist dies der Todesstoß für das Format – und den Walkman selbst.

Das Sterben der Audio-Aufnahme

Das liegt allein schon daran, dass die mp3 an der Grundidee des Walkmans kratzt. Ein tragbares Musikgerät, in das sich abspielbare Medien einlegen lassen, die sich drehen, ist fortan eine Technik von gestern. Das mp3-Format, das ab Ende der Neunzigerjahre populär wird, erlaubt Musikplayer mit eingebautem Flashspeicher, die noch viel kleiner und handlicher sind als es der Walkman je hätte sein können. Es braucht nicht mehr ein Gerät und ein Speichermedium – das Gerät ist bereits das Speichermedium.

Zugleich verlieren aufnahmefähige Geräte urplötzlich an Bedeutung. Über Jahre hinweg werden Audiokassetten im Privatbereich dafür genutzt, Musik von anderen Quellen mitzuschneiden – vorzugsweise vom Radio. Manch einer sitzt stundenlang vor dem Radiogerät, um rechtzeitig seinen Lieblingssong zu erwischen – ehe der Moderator doch wieder in den Song quatscht.

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Mit der selbstgebrannten CD, aber erst recht mit der mp3 und den ersten illegalen Tauschbörsen, ist dieser abenteuerliche Umweg nicht mehr nötig. Jeder hat plötzlich Zugang zu einem riesigen, kostenlosen Katalog von Musik. Die Piraterie treibt in ihren ersten Jahren nicht nur die Musikindustrie in den Ruin – sondern entzieht auch Kassette, DAT oder Minidisc jegliche Existenzgrundlage.

Sonys Sonderweg

Sony allerdings gelingt es nie, auf den mp3-Zug aufzuspringen. Oder anders gesagt: Man will es gar nicht. Das Unternehmen sieht die Zukunft nicht in dem vom Fraunhofer Institut entwickelten mp3-Format, sondern in seinem von der Minidisc bekannten eigenen Audio-Format ATRAC – wohl auch deshalb, weil man viel Geld in die Entwicklung steckte und sich hohe Lizenzgebühren dafür erhofft. Das Problem: Kaum ein Hersteller will das Format nutzen – ganz ähnlich wie die Konsumentinnen und Konsumenten.

Das bringt auch den einst so beliebten Walkman in die Bredouille: Die ersten Flash-Speicher-Modelle des Kultgeräts unterstützen schlichtweg kein mp3-Format, sondern ausschließlich Sonys ATRAC. Die Musikdateien müssen mit einer Software namens Sonicstage auf das Gerät geladen werden, die nicht nur mittelmäßig funktioniert, sondern auch Apple-Computer und das Linux-Betriebssystem ausschließt. Zwar kann der Walkman schon in den 2000er Jahren mit futuristischen Funktionen wie etwa dem Noise Cancelling glänzen – die komplizierte Bedienung und die Einschränkungen verscheuchen jedoch auch die letzten treuen Nutzerinnen und Nutzer.

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Sony gibt irgendwann auf. Neuere Modelle des Speicherwalkmanns unterstützen später auch mp3-Dateien und das Übertragen von Musikfiles per Drag-and-Drop – doch da ist es längst zu spät. Der iPod von Apple hat mit seiner sehr viel einfacheren Bedienung, seinem modernen Design und kultigen Werbeclips längst die Marktführung übernommen. Das Lebensgefühl, das einst der Walkman verbreitete, hat nun ein Produkt von Apple inne.

Mehrere Versuche, dies zu ändern, scheitern kläglich. Mehrfach kündigt Sony einen „iPod-Killer“ an, man sei fest entschlossen „wieder die Nummer eins zu werden“. Mitunter versucht man das mit merkwürdigen Special-Editions des mp3-Walkmans – etwa dem „Bean“, der aussieht wie eine pinke Bohne. Das Produkt verkauft sich so schlecht, dass es kurz nach seiner Markteinführung wieder eingestellt wird.

Vom Kassettenspieler zum Walkmanhandy

Ich selbst dürfte wohl einer der wenigen Musikfans sein, bei dem der Walkman noch ein bisschen länger allgegenwärtig blieb. Nach Kassettenplayer, Discman und MD-Player (sie waren allesamt in meinem Besitz) bringt Sony Ericsson 2005 ein Handy mit dem Namen W550i heraus. Es ist ein klobiger kleiner Klotz, mit 1,3 Megapixel-Kamera und 265 Megabyte integriertem Speicher, dessen Gehäuse sich drehen lässt.

Das wirklich Spannende an dem Gerät ist aber das W im Namen. Das W550i ist ein offizielles Walkmanhandy, wird mit speziellen In-Ear-Kopfhörern geliefert und hat selbstverständlich eine mp3-Funktion, die fortan alle Hits der 2000er Jahre zuverlässig abspielt. Sogar Bluetooth hat das Gerät: Ich erinnere mich, wie wir nach unseren ersten Diskothekenausflügen andauern die Handys aneinandergehalten haben, um untereinander mp3-Dateien zu übertragen und auszutauschen – ein absurd langwieriger Prozess.

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Auch wenn ich mit diesem Walkmanhandy im Freundeskreis der einzige bin – die Modelle sind seinerzeit sogar recht erfolgreich: 2007 verkündet Sony Ericsson, man habe insgesamt 26,5 Millionen Geräte dieser Art weltweit verkauft. Damit ist das Unternehmen zumindest zeitweise Markführer bei den Musikhandys. Dummerweise ist 2007 aber auch das Jahr, in dem Steve Jobs das erste iPhone vorstellt – und diesen Erfolg einmal mehr zunichte macht.

Ein Walkman mit Android: Braucht man das?

Überlebt hat die Marke Walkman dennoch. Mit dem NW-A306 hat Sony in dieser Woche einen Android-Player vorgestellt, der Musik von Streamingdiensten abspielen kann – also etwa Spotify oder Apple Music. Ausgestattet ist er mit Wifi, Bluetooth, Touchscreen und Tasten zur Musiksteuerung. Nur telefonieren kann er nicht.

Wer genau den Walkman kaufen soll, beantwortet Sony selbst in einer Pressemitteilung. Zielgruppe des Gerätes sollen wohl anspruchsvolle Musikhörerinnen und Musikhörer sein, die Wert auf hohe Klangqualität legen. Der neue Walkman hat nämlich eine Funktion, die die Tonqualität von komprimierten Musikdateien verbessert, die damit an CD-Qualität heranreichen soll. Das Feature heißt DSEE Ultimate, das steht für Digital Sound Enhancement Engine.

Ob das wirklich nötig ist? Unklar. Selbst auf iPhones ist es inzwischen möglich, Musik im sogenannten Apple-Lossless-Format abzuspielen, was ebenfalls als verlustfrei gilt. Bei Käuferinnen und Käufern des neuen Android-Walkmans dürfte es sich also vor allem um Liebhaber mit Superohren handeln – oder treue Fans des Kultgeräts, die einfach noch mal auf der Retrowelle schwimmen wollen.

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Übrigens: 400 Euro soll der neue Walkman kosten. Die Erstfassung des Ursprungswalkmans ging seinerzeit für 498 D-Mark über die Ladentheken.

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