Erster Test am bundesweiten Warntag

Wie Cell Broadcast Menschenleben rettet – und hätte retten können

ARCHIV - 06.07.2022, Bayern, Augsburg: ILLUSTRATION - Eine Frau tippt auf einem Smartphone. (zu dpa: «Netzbetreiber weisen Kunden per SMS auf Warnsystem Cell Broadcast hin») Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Über Cell Broadcast sollen künftig zuverlässig Wanrhinweise bei Katastrophen verschickt werden.

Hannover. Es ist 21.26 Uhr als in der japanischen Präfektur Kumamoto erstmals heftig die Erde bebt. 6,2 zeigt der Seismograph, Häuser stürzen ein, Waggons der Kyushu Railway Company entgleisen während einer Testfahrt. Einen Tag später sind die Auswirkungen noch schlimmer: Das Hauptbeben mit einer Stärke von 7 erschüttert die Region, rund 200.000 Haushalte sind ohne Strom, viele haben kein Trinkwasser.

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Neben Wohnhäusern werden beim großen Kumamoto-Beben auch zahlreiche Kulturgüter erheblich beschädigt. Beim weltbekannten Asō-Schrein stürzen die historische Gebetshalle und das 250 Jahre alte Turmtor ein. Auch zwei Häuser der Burg Kumamoto kollabieren wegen des Bebens, die Mauern der Burgruine Yatsushiro werden stark beschädigt. Insgesamt 8.667 Gebäude werden an diesem Tag vollständig, 34.643 teilweise zerstört. Zahlreiche Fernstraßen sind unpassierbar, viele sind auch von Erdrutschen blockiert. Tausende Anwohnerinnen und Anwohner suchen Zuflucht in Sporthallen und Hotels.

Cell Broadcast warnt künftig alle Menschen mit Smartphone via SMS

Wer in diesen Tagen eine SMS von seinem Netzbetreiber erhält, die über das sogenannte Cell Broadcast informiert, braucht sich nicht wundern.

So tragisch das Leid und all die Zerstörung an diesem 14. und 15. April 2016 auch sind: Die Zahl der Todesopfer beim schweren Kumamoto-Erdbeben ist – im Gegensatz zum Ausmaß der Tragödie – vergleichsweise gering. Beim Vorbeben kommen neun Menschen ums Leben, das Hauptbeben fordert 40 Todesopfer. Es hätte aber noch schlimmer kommen können – wäre da nicht das ausgeklügelte Notfallwarnsystem Japans, das an diesem Tag ausgezeichnet funktioniert.

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Japans Warnsystem ist Vorreiter

J-Alert heißt dieses System, das Bürgerinnen und Bürger seit 2007 auf den unterschiedlichsten Kanälen über Bedrohungen und Notfälle wie Erdbeben, Unwetter und andere Gefahren informiert. Seit 2013 ist es in Japan nahezu flächendeckend verfügbar. Mit EEW hat das Land zudem ein Erdbebenfrühwarnsystem. Die Japan Meteorological Agency gibt Warnungen heraus, wenn ein Erdbeben von mehreren Seisometern erkannt wird. In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche technische Verbesserungen vorgenommen, um die Trefferquote zu erhöhen.

Für die Warnmeldungen erhebt ein Netzwerk an Messegeräten Daten an Messstationen an Land und im Meer, weitergeleitet werden diese an traditionelle Kommunikationsmittel wie Radio und TV-Stationen, Behörden für die Lautsprecherwarnung und Anzeigetafeln in Bahnhöfen, aber auch direkt an Mobiltelefone – und das in fünf Sprachen. Cell Broadcast heißt diese Technik.

Während des Kumamoto-Erdbebens ist Cell Broadcast wohl mitverantwortlich, dass sich viele Menschen rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Je nach Abstand vom Epizentrum haben Betroffene wenige Sekunden bis eine Minute Zeit, um Schutz zu suchen. In Kumamoto flüchten viele Menschen ins Freie, suchen Schutz in ihren Autos oder in Schutzräumen. Viele der Überlebenden geben später an, per Mobiltelefon die erste Warnung erhalten zu haben.

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Warnsystem versagt bei Ahrtal-Katastrophe

Fünf Jahre später. Wieder ist es später Abend, wieder ereignet sich eine Tragödie historischen Ausmaßes. Diesmal ist der Schauplatz jedoch nicht das an Erdbeben gewöhnte Japan – diesmal ist es das beschauliche Ahrtal in Rheinland-Pfalz.

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Hier und in Teilen Nordrhein-Westfalens entlang der Erft steigt das Wasser am 14. Juli 2021 immer höher – zur großen Überraschung der Bewohnerinnen und Bewohner. Diese versuchen ihr Hab und Gut zu retten, flüchten erst in den zweiten Stock, später aufs Dach – viele schaffen nicht mal mehr das. Ganze Häuser werden in dieser Nacht unwiederbringlich zerstört, manche gar von den reißenden Fluten weggeschwemmt.

Die Menschen in den Flutgebieten sind auf all das nicht vorbereitet. Warnungen bleiben aus, öffentlich-rechtliche Sender verschlafen das Ereignis zum Teil komplett, Warnapps wie Katwarn oder Nina verschicken Meldungen entweder zu spät oder bleiben wegen Kommunikationsproblemen gleich ganz stumm. Später funktioniert das Mobilfunknetz wegen beschädigter Sendemasten gar nicht mehr. Während des Hochwassers am 14. und 15. Juli 2021 sterben in NRW und Rheinland-Pfalz mehr als 180 Menschen.

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Premiere für Cell Broadcast in Deutschland

Für Deutschland ist die Hochwasserkatastrophe ein Weckruf – in vielerlei Hinsicht. Nach dem Ereignis wird ausgiebig darüber diskutiert, wie viele Menschenleben wohl gerettet hätten werden könnten, hätte das Warnsystem funktioniert und hätten die Betroffenen umgehend über ihre Mobiltelefone von den sich anbahnenden Fluten erfahren. Besonders tragisch ist das, weil sich Hochwasser deutlich besser voraussagen lassen als etwa Erdbeben.

Die Politik beschließt noch im Sommer 2021, von Ländern wie Japan zu lernen. Ein bereits gegründetes Gemeinsames Kompetenzzentrum Bevölkerungsschutz soll künftig ähnlich arbeiten wie das Terrorabwehrzentrum von Bund und Ländern in Berlin und dafür sorgen, dass Warnungen auch da ankommen, wo sie ankommen sollen.

Und noch etwas ist neu: Künftig sollen Warnhinweise auch über das System Cell Broadcast direkt an Mobiltelefone verschickt werden. Telekommunikationsprovider haben noch bis Februar 2023 Zeit, das Warnsystem technisch umzusetzen. Am Donnerstag soll das System erstmals beim bundesweiten Warntag getestet werden.

Keine Apps nötig

Das System Cell Broadcast hat eine Besonderheit: Anders als bei Warnapps wie Nina oder Katwarn muss der Smartphonenutzer oder die -nutzerin vorab keine Apps auf seinem oder ihrem Gerät installieren – die Warnhinweise werden automatisch auf die Bildschirme geschickt, bei Smartphones in Form einer übersehbaren Push-Mitteilung, untermalt von einem lauten Piepton. Versendet werden die Nachrichten von den Mobilfunkkonzernen auf Anweisung der zuständigen Behörden. Geschickt werden die Meldungen an alle Menschen, die sich innerhalb einer Funkzelle im entsprechenden Gefahrenbereich aufhalten.

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Technisch funktioniert das in etwa wie der Versand einer SMS – mit dem Unterschied, dass diese nur an einen Empfänger geschickt werden. Cell Broadcast hingegen kann unzählige Empfänger gleichzeitig erreichen. Unterstützt werden Nachrichten mit Zeichen und Buchstaben, sodass auch Weblinks versendet werden können – das Mitschicken von Bildern jedoch ist nicht möglich. Mobilfunknummern werden für den Dienst nicht benötigt, der Service ist datenschutztechnisch unbedenklich: Daten des Empfängers werden gar nicht erst übermittelt. Das schont auch die Netzkapazitäten: Selbst bei überlasteten Mobilfunknetzen sollen Cell-Broadcast-Mitteilungen einwandfrei übertragen werden können.

Ungewöhnlich an der Technologie ist vor allem, dass sie dieser Tage oft als Neuheit verkauft wird – dies aber keineswegs ist. Erstmals getestet wird das System bereits in den späten Neunzigerjahren, einige Jahre später beginnen erste Länder, den Dienst für Warnmitteilungen einzusetzen, darunter neben Japan auch Kanada, die USA, Australien, Neuseeland oder Südkorea. In Europa setzen mitunter Frankreich, Griechenland, die Niederlande, Litauen, Rumänien und die Türkei auf Cell Broadcast.

Nina und Katwarn statt Cell Broadcast

Deutschland hingegen verzichtet auf den Dienst. Stattdessen setzt die Politik lieber auf Warnapps – genau genommen sind es drei: Nina, Katwarn und Biwapp. Welche App für welche Region die richtige ist, müssen Bürgerinnen und Bürger selbst herausfinden. Immerhin: Irgendwann tauschen zumindest einige der Apps ihre Warnhinweise untereinander aus.

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Es kommt wie es kommen muss: Der bundesweite Warntag am 10. September 2020 geht gehörig schief – kaum eine Nutzerin oder ein Nutzer erhält eine Pushmitteilung auf ihrem oder seinem Mobilgerät.

Expertinnen und Experten kritisieren das mehrfach, schon lange vor der Flutkatastrophe im Ahrtal. Zum einen ist das Installieren der Apps freiwillig. Zum anderen sei das System schlichtweg nicht geeignet, wenn etwa das Mobilfunknetz überlastet ist, heißt es. Immer lauter werden die Rufe auch nach Cell Broadcast – eine Funktion, die von den Mobilfunkbetreibern aus Kostengründen jedoch meist deaktiviert wurde, schließlich gibt es dafür ja auch keine Verpflichtung.

Pushmitteilung und Sirenenton

Wie genau Cell Broadcast aussieht, lässt sich in den Länden beobachten, die das System schon lange einsetzen. Wenn etwa in den USA die Erde bebt, dann spielt das Smartphone – entweder kurz vorher oder mindestens gleichzeitig – einen unüberhorbar lauten Warnton ab, der einer Sirene gleicht. Zugleich erscheint auf dem Display eine Pushmitteilung, die – je nach Smartphone-Betriebssystem – auch mit einem Warnsymbol markiert ist.

Eine Cell-Broadcast-Erdbebenwarnung in Kalifornien.

Eine Cell-Broadcast-Erdbebenwarnung in Kalifornien.

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Auch zu anderen Anlässen werden in den USA solche Mitteilungen verschickt – etwa wenn in Kalifornien das Stromnnetz aufgrund der Hitze überlastet ist. Dann werden Bürgerinnen und Bürger dazu aufgefordert, Energie zu sparen. Auch Fahndungsaufrufe der Polizei werden über Cell Broadcast an die Bürgerinnen und Bürger versendet.

Wegen der Hitze sollen Bürgerinnen und Bürger Energie sparen. Eine Cell-Broadcast-Meldung in den USA.

Wegen der Hitze sollen Bürgerinnen und Bürger Energie sparen. Eine Cell-Broadcast-Meldung in den USA.

Warnungen retten Tausende Menschenleben

In Indien warnten automatisch verschickte SMS 2019 2,6 Millionen Menschen vor dem Zyklon Fani – und retteten damit womöglich Tausende Menschenleben. Portugal setzt automatische Handywarnungen ein, um Bürgerinnen und Bürger vor Waldbränden zu warnen – ein Szenario, das auch in Deutschland immer akuter wird.

In Neuseeland funktioniert Cell Broadcast so gut, dass bei einem Test im November 2019 87 Prozent der Bevölkerung das Warnsignal auf dem Handy erhalten haben. Bei unseren Nachbarn in den Niederlanden sind es sogar 94 Prozent – bei einem Test im Juni 2020 wurden 14,2 Millionen Menschen per Cell Broadcast erreicht.

Der sogenannte NL-Alarm warnt zuverlässig bei Großbränden, Terroranschlägen, Epidemien oder unerwarteten Stürmen. Nur eines muss gewährleitet sein, damit die Warnhinweise auch wirklich beim Empfänger ankommen: Das Handy muss angeschaltet sein.

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Proben für den Ernstfall: Bundesweiter Warntag am 8. Dezember

Beim ersten bundesweiten Warntag gab es 2020 gravierende technische Probleme. Der nächste wurde abgesagt. Nun soll dieses Mal alles besser funktionieren.

Auf die Einstellungen kommt es an

Dass am bundesweiten Warntag Deutschland tatsächlich alle Mobiltelefone der Deutschen klingeln werden, gilt als unwahrscheinlich. Zum einen laufen viele Smartphones noch mit veralteter Software, sodass sie Cell Broadcast möglicherweise nicht unterstützen. Zudem haben Nutzerinnen und Nutzer die Möglichkeit, die Funktion in den Handyeinstellungen abzuschalten. Möglicherweise ist Cell Broadcast auf einigen Geräten nicht einmal standardmäßig eingeschaltet.

Beim iPhone etwa lässt sich das überprüfen, indem man in den Geräteeinstellungen den Reiter „Mitteilungen“ öffnet und ganz nach unten scrollt. Hier lassen sich unter dem Punkt „Cell Broadcast Alerts“ noch weitere Einstellungen vornehmen – etwa, ob man nur bei extremer Gefahr oder auch bei normaler Gefahr gewarnt werden will. Testwarnungen sind in der Regel standardmäßig deaktiviert und müssten manuell eingeschaltet werden – das würde dann auch für den bundesweiten Warntag gelten.

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Bei Android-Telefonen ist das Einschalten der Cell-Broadcast-Funktion nicht einheitlich geregelt. In den meisten Fällen lassen sich die Einstellungen ändern, indem man in der App Nachrichten auf die drei Pünktchen drückt und „Einstellungen“ wählt. Bei einigen Geräten gibt es dann den Eintrag „Notfallbenachrichtungen“, bei anderen findet sich der Punkt unter „erweitert“ und „weitere Einstellungen“. Kompatibel sind Geräte mit Android 11 oder höher.

Die Mobilfunkanbieter bereiten ihre Kundinnen und Kunden dieser Tage auf den anstehenden Warntag am Donnerstag vor. Mobilfunknutzerinnen und -nutzer bekommen E-Mails oder SMS, in denen der bundesweite Test angekündigt wird. Ob Cell Broadcast dann wirklich zuverlässig warnt, wird sich zeigen – schlimmstenfalls bei der nächsten Flutkatastrophe.

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