Studiendaten aus Australien und Amerika

Bis zu 40 Prozent aller Fälle vermeidbar? Demenzrisiko hängt von der Nachbarschaft ab

Eine Demenz beeinträchtigt das Leben eines Menschen in vielfältiger Weise: Erkrankte und Angehörige sollten nicht ausgeschlossen werden, sondern Teil der Gesellschaft bleiben.

Das Risiko, demenziell zu erkranken, ist für Bewohnerinnen und Bewohner ärmerer Wohnviertel höher.

Ob wir im Alter an Demenz erkranken, hängt auch davon ab, wo wir leben. Das hat eine Studie ergeben. Eine Gruppe australischer und amerikanischer Forschender hatte untersucht, wie sich der Wohnort auf das Risiko von demenziellen Erkrankungen auswirkt.

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Für die Studie wurden zwischen Ende 2016 und dem Frühjahr 2020 Daten von 4656 Studien­teil­neh­men­den aus verschiedenen Wohngegenden in Australien ausgewertet. Die Probanden und Probandinnen waren zwischen 40 und 70 Jahre alt und drei Viertel von ihnen waren Frauen: Frauen haben ein etwas höheres Risiko, an Demenz zu erkranken, als Männer. Die Forschenden bestimmten mit anerkannten Testverfahren das medizinische Risiko der Probanden und Probandinnen, in den nächsten Jahren an Demenz zu erkranken, und testeten deren Gedächtnisleistung. Dann verglichen sie die Ergebnisse der Teilnehmenden aus reichen Wohngegenden mit denen der Teilnehmenden aus armen Wohngegenden.

Es zeigte sich: Je reicher die Nachbarschaft war, in der eine Person lebte, desto geringer war ihr medizinisches Risiko, innerhalb der nächsten Jahre demenziell zu erkranken. Zudem schnitten die Bewohner und Bewohnerinnen reicher Gegenden im Durchschnitt besser bei den Gedächtnistests ab. Die Ergebnisse passen den Forschenden zufolge zu denen anderer Veröffentlichungen. So hätten schon frühere Studien gezeigt, dass ein Wohnsitz in sozioökonomisch schwächeren Nachbarschaften bei älteren Menschen mit schlechteren kognitiven Fähigkeiten einhergeht.

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Luftverschmutzung beeinträchtigt kognitive Fähigkeiten

Tatsächlich hatte eine Untersuchung aus den USA ergeben, dass das Alzheimerrisiko in besonders armen Wohngegenden mehr als doppelt so hoch war, wie in reichen. In einer anderen Studie war bei US-Amerikanern und US-Amerikanerinnen mit Alzheimerdemenz ein größerer Verlust an Hirnmasse in den betroffenen Hirnregionen zu beobachten, wenn sie in besonders armen Wohngegenden lebten. In einer britischen Untersuchung hingegen wurde zwar ein höheres Demenzrisiko festgestellt, wenn eine Person selber einkommensschwach war, aber nicht dann, wenn sie nur in einer armen Nachbarschaft zu Hause war.

Die Autorinnen und Autoren der australischen Studie weisen darauf hin, dass die Menschen in den ärmeren Wohngegenden statistisch gesehen einen höheren BMI hatten, körperlich weniger aktiv waren, öfter einen erhöhten Cholesterinspiegel und Bluthochdruck hatten. Solche körperlichen Faktoren stehen unmittelbar in Zusammenhang mit einem höheren Demenzrisiko. Die schlechteren Gedächtnisleistungen in den ärmeren Wohngegenden hingen der Studie zufolge aber nicht mit diesen Faktoren zusammen.

Es gebe neben den klassischen Demenzrisikofaktoren eine Reihe weiterer Gründe, die den Zusammenhang zwischen Wohngegend und kognitiver Leistung im Alter erklären könnten, so die Experten und Expertinnen. Dazu gehörten ein schlechterer Zugang zur Gesundheitsversorgung und zu Bildung, weniger Freizeitangebote und soziale Unterstützung, weniger Orte zum Spazierengehen, eine unsichere Lebenssituation und mehr Luftverschmutzung und Lärm in den ärmeren Gegenden. All das könnte das Risiko für Demenz beeinflussen. So hatte zum Beispiel eine Studie britischer Forschender gezeigt, dass in Gegenden mit stärkerer Luftverschmutzung öfter demenzielle Erkrankungen auftreten. Und eine Untersuchung aus China hatte ergeben, dass sich starke Luftverschmutzung schon bei Kindern ab 10 Jahren und Erwachsenen negativ auf die kognitiven Fähigkeiten auswirken kann.

Umweltgifte erhöhen Demenzrisiko

Auch das Bundesumweltamt (UBA) weist darauf hin, dass Umweltschadstoffe bei der Entstehung von Alterserkrankungen wie Demenz und Morbus Parkinson eine Rolle spielen. Umweltschadstoffe könnten „direkt auf das Gehirn wirken oder andere Organe oder Hormone beeinflussen, die für neurologische Funktionen verantwortlich sind“, heißt es auf der Seite des UBA. Schadstoffe, die mit solchen Krankheiten in Zusammenhang gebracht werden, seien unter anderem Schwermetalle wie Blei und Quecksilber, Aluminium, Lösungsmittel, Pestizide, Feinstaub in der Umgebungsluft und hormonell wirkende Substanzen wie Bisphenol A. Ärmere Wohngegenden befinden sich nicht nur öfter in der Nähe größerer Straßen, sondern auch oft in der näheren Umgebung von Industrieanlagen – weshalb dort von einer tendenziell stärkeren Umweltbelastung auszugehen ist. Auch das Bundesumweltamt betont, dass Menschen mit geringem Einkommen und niedriger Bildung oft höheren Umweltbelastungen ausgesetzt sind als sozial bessergestellte Menschen.

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Die Verfasser und Verfasserinnen der australischen Studie betonen außerdem noch die Rolle von Stress: Sozioökonomisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen seien im Alltag meist einem höheren Stresslevel ausgesetzt, was den Alterungsprozess beschleunigen könne. Dabei sei bekannt, dass das Stresshormon Cortisol „neurotoxisch“ wirke, also das Nervensystem angreifen kann, und dass Cortisol das Demenzrisiko erhöhen könne.

Die australischen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen schreiben in ihrer Studie, bis zu 40 Prozent aller Fälle von Demenz seien möglicherweise vermeidbar. Programme zur Vorbeugung von Demenz müssten aber künftig das ungleiche Risiko in armen und reicheren Wohnvierteln berücksichtigen, um die Zunahme demenzieller Erkrankungen einzudämmen.

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