Impfstoffexperte Sander über den Corona-Herbst

„Man kann leider noch keine vollständige Entwarnung geben“

Im Herbst und Winter könnte die Belastung in den Kliniken wieder deutlich zunehmen.

Im Herbst und Winter könnte die Belastung in den Kliniken wieder deutlich zunehmen.

Herr Sander, Sie sind Mitglied des Corona-Expertenrats und beraten die Bundesregierung zum Umgang mit der Pandemie. Nun gibt es einen Corona-Fahrplan für Herbst und Winter, der im neuen Infektionsschutzgesetz verankert werden soll. Wie zufrieden sind Sie mit der erarbeiteten Strategie?

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Ich möchte das nicht bewerten. Es ist klar, dass es am Ende auch ein Resultat von politischen Kompromissen ist. Kompromisse liegen bekannterweise in der Mitte. Was man festhalten kann, ist: Wir wissen inzwischen, dass das Tragen von Masken in Innenräumen Infektionen reduziert und meines Erachtens gibt es dafür auch eine hohe Akzeptanz, insbesondere in Zeiten, in denen es eine hohe Infektionstätigkeit gibt. Die Länder können notfalls zusätzliche Maßnahmen ergreifen. Aus Sicht der Wissenschaft und der Bürgerinnen und Bürger wünschenswert wäre eine klare Einheitlichkeit bei den Corona-Regeln.

Prof. Leif Erik Sander ist Leiter der Forschungsgruppe für Infektionsimmunologie und Impfstoff-Forschung an der Berliner Charité und Mitglied des Corona-Expertenrats der Bundesregierung.

Prof. Leif Erik Sander ist Leiter der Forschungsgruppe für Infektionsimmunologie und Impfstoff-Forschung an der Berliner Charité und Mitglied des Corona-Expertenrats der Bundesregierung.

Also kommen wir mit dem Fahrplan gut durch den Herbst und Winter?

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Auch das lasse ich unkommentiert. Zumal eine Prognose schwierig ist. Worauf ich aber doch zumindest einmal hinweisen möchte: Wir könnten durchaus in eine Situation kommen, in der effektive Maßnahmen zur Infektionskontrolle notwendig werden könnten. Im Verlauf der Pandemie haben sich immer wieder Situationen ergeben, die unerwartet waren.

Wir haben in unserer letzten Stellungnahme des Corona-Expertenrats drei Szenarien beschrieben, wie es mit der Pandemie weitergehen könnte. Keines dieser Szenarien können wir derzeit ausschließen. Im schlimmsten Fall kann unsere kritische Infrastruktur im Herbst und Winter noch einmal stark belastet werden und ein großer Personalmangel entstehen, durch einen hohen Krankenstand. Und dann muss man sich fragen: Welche Maßnahmen kann man ergreifen, um in so einer Situation gegenzusteuern? Also ich glaube, man kann leider noch keine vollständige Entwarnung geben. Wer das tut, verschließt die Augen davor, was passieren könnte. Prävention, Therapie und gute Datenerhebung bleiben weiterhin wichtig.

Die Corona-Maßnahmen flankieren soll eine Impfkampagne. Hoffnungsträger sind vor allem die Viertimpfungen, mit denen es zurzeit jedoch nur schleppend vorangeht. Welchen Vorteil bietet eine vierte Impfung?

Eine vierte Impfung kann das Risiko für schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle durch Covid-19 noch einmal reduzieren. Das zeigen Daten aus Israel. Besonders profitieren ältere Menschen und vulnerable Gruppen von dem zweiten Booster. Diese Menschen haben grundsätzlich ein höheres Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken und zu versterben. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt eine vierte Impfung für alle über 70-Jährigen, die Studie legt nahe, dass schon über 60-Jährige davon profitieren. Ab welchem Alter ein konkreter Benefit vorhanden ist, darüber lässt sich diskutieren.

Es gab vor Kurzem eine Veröffentlichung, die gezeigt hat, dass eine vierte Impfung auch bei jüngeren Menschen die Wahrscheinlichkeit für Infektionen kurzfristig deutlich reduziert. Dabei ist aber davon auszugehen, dass dieser Effekt nicht sehr langanhaltend sein dürfte. Aber eine vierte Impfung hat scheinbar bei allen Menschen einen positiven, schützenden Effekt. Aber der Schutz vor schweren Erkrankungen und Todesfällen ist vor allem für die Älteren gegeben.

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Und warum profitieren Jüngere nicht so sehr von einem zweiten Booster?

Jüngere Menschen erkranken grundsätzlich seltener schwer an Covid-19. Mit drei Impfungen sind die meisten vor schwerer Erkrankung hervorragend geschützt. Der zusätzliche Benefit, den eine vierte Impfung bringen würde, wäre zwar messbar. Aber der zusätzliche Schutz vor schwerer Erkrankung ist nicht so stark ausgeprägt wie bei Älteren und Vorerkrankten. Das liegt nicht daran, dass die Impfung nicht wirkt, sondern dass sie mit drei Impfungen schon einen sehr guten Schutz haben. Der Schutz vor Infektionen ist wiederum transient (nicht dauerhaft, Anm. d. Red.) – genauso wie bei den anderen Impfungen. Auch bei den Älteren lässt er mit der Zeit nach.

Das heißt, eine vierte Impfung für alle ist keine Option.

Es ist möglich, allen eine vierte Impfung anzubieten. Die Empfehlung der Stiko ist nicht bindend. Wenn man in bestimmten Bereichen Infektionen reduzieren will, dann hilft eine vierte Impfung. Wobei man da eben berücksichtigen muss, dass der Schutz nach gewisser Zeit wieder nachlässt. Besser schützt der zweite Booster vor schweren Erkrankungen und Todesfällen. Deshalb ist die Empfehlung, dass sich alle, die ein erhöhtes Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken und zu versterben, ein viertes Mal impfen lassen sollen, richtig.

Wem empfehlen Sie zurzeit eine vierte Impfung?

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Ich schließe mich der Empfehlung der Stiko an. Also für alle über 70-Jährigen, Bewohnerinnen und Bewohner sowie Beschäftigten in Pflegeeinrichtungen, und Menschen mit Immunschwäche ist eine vierte Impfung aktuell ratsam. Aber auch ein 60-Jähriger oder eine 58-Jährige kann von einem zweiten Booster profitieren. Denn auch in diesen Altersgruppen gibt es Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen und Konstellationen, die ein erhöhtes Risiko für schwere Covid-19-Erkrankungen mit sich führen. Also man kann, finde ich, problemlos auch jüngere Menschen impfen, wenn der Wunsch besteht. Es ist nicht so, dass sie überhaupt keinen Benefit daraus ziehen, aber er ist eben größer im Alter. Das heißt, jüngere Menschen können sich trotzdem ein zweites Mal boostern lassen, davon würde ich nicht abraten.

Oder sollten Jüngere auf die an Omikron-angepassten Impfstoffe warten, die laut Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) im Herbst zur Verfügung stehen sollen?

Ich finde, das ist prinzipiell ein nachvollziehbarer Gedanke. Den Älteren würde ich es definitiv nicht empfehlen. Sie sollten sich lieber jetzt impfen lassen, denn der Infektionsdruck in der Bevölkerung ist nach wie vor hoch. Es kommt weiterhin vor, dass Menschen schwer an Covid-19 erkranken. Und das Risiko kann man noch mal mit einer vierten Impfung minimieren – egal, ob mit den angepassten oder den jetzt vorhandenen Vakzinen. Dabei sollte auch berücksichtigt werden, dass es viele Geimpfte gibt, die sich zusätzlich mit dem Coronavirus infiziert haben. Angenommen, man ist dreimal geimpft und hat sich im Sommer mit Omikron infiziert, dann kann man die Infektion wie eine Impfung mitzählen.

Für bestimmte Risikogruppen glaube ich, dass es tatsächlich so sein kann, dass man regelmäßige Impfungen empfehlen wird.

Ist schon bekannt, wie wirksam die angepassten Impfstoffe vor Covid-19 schützen?

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Es gibt Vorveröffentlichungen und Datensätze, die Biontech/Pfizer und Moderna bei der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA eingereicht haben. Nach meinem Dafürhalten werden die angepassten Impfstoffe gute, neutralisierende Antikörper aktivieren. Das hat sich in den Studien der Impfstoffhersteller gezeigt. Die Antikörper kann man auch mit der herkömmlichen vierten Impfung aktivieren, aber bei den angepassten Vakzinen werden sie noch einmal etwas verstärkt und verbreitert. Daraus resultierend wird sich auch ein besserer Schutz ergeben. Aber mit genauen Zahlen lässt sich das noch nicht beziffern. Dazu gibt es momentan keine Daten.

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Und braucht es jetzt regelmäßig weitere Auffrischungsimpfungen? Müssen wir uns auf eine fünfte, sechste, siebte, vielleicht sogar achte Impfung einstellen?

Für jüngere Menschen sehe ich das so nicht kommen. Für bestimmte Risikogruppen glaube ich, dass es tatsächlich so sein kann, dass man regelmäßige Impfungen empfehlen wird. Natürlich müsste man auch stattgefundene Infektionen als Immunbooster mitzählen. Idealerweise haben wir aber zukünftig Impfstoffe, die auf die Schleimhäute gegeben werden, in Form eines Nasensprays zum Beispiel. So könnte bestenfalls eine Schleimhautimmunität aufgebaut werden. Zudem wäre ein Nasenspray viel einfacher und angenehmer anzuwenden. Also das wäre wahrscheinlich die beste Strategie gegen Covid-19.

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