Corona-Experten zum Ende der Maskenpflicht: „Vorschnell und wissenschaftlich nicht begründet“

Ein Schild mit der Aufschrift „Hier gilt Maskenpflicht“ hängt in der Fußgängerzone in Bonn.

Ein Schild mit der Aufschrift „Hier gilt Maskenpflicht“ hängt in der Fußgängerzone in Bonn.

Es ist ein kleines Stück Stoff, das in Deutschland (wieder einmal) eine große Debatte anstößt. Die Rede ist vom Mund-Nasen-Schutz. Bundesjustizministerin Christine Lambrecht forderte die Länder auf, zu überprüfen, „ob und wo eine Maskenpflicht noch verhältnismäßig ist“. Hintergrund sind die Corona-Fallzahlen, die in den vergangenen Wochen kontinuierlich zurückgegangen sind. Am Montagmorgen registrierte das Robert Koch-Institut 549 Corona-Neuinfektionen, die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz betrug 16,6. Für Lambrecht ein Grund, die Maskenpflicht zu überdenken.

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Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hält eine schrittweise Aufhebung der Maskenpflicht für denkbar. „Bei den fallenden Inzidenzen sollten wir gestuft vorgehen: In einem ersten Schritt kann die Maskenpflicht draußen grundsätzlich entfallen“, sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. In Regionen, die sehr niedrige Inzidenzen und eine hohe Impfquote aufweisen, könne die Maskenpflicht nach und nach auch in Innenräumen entfallen. „Als Empfehlung bleibt in jedem Fall eine einfache Regel: im Zweifel mit Maske – besonders beim Reisen und bei Treffen in Innenräumen. Mehr Sicherheit gibt es nur, wenn alle Anwesenden entweder geimpft oder regelmäßig getestet sind.“

Was sagt die Wissenschaft zur Aufhebung der Maskenpflicht?

In der Wissenschaft herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass die Maskenpflicht im Freien durchaus aufgehoben werden kann. „Auf Distanz sollte dennoch weiter geachtet werden“, mahnte Prof. Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. „Auch Tests, vor allem bei möglichen Großveranstaltungen, erscheinen weiter sinnvoll.“

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Die Maskenpflicht aber grundsätzlich abzuschaffen, auch in den Innenräumen, sei noch zu riskant. „Masken sollten unbedingt in Schulen oder im öffentlichen Personennahverkehr weiterhin Vorschrift bleiben“, sagte Prof. Ulf Dittmer, Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Essen. Dafür plädiert auch Epidemiologe Zeeb. Denn in geschlossenen Räumen sei das Ansteckungsrisiko höher als im Freien.

„Die Wahrscheinlichkeit, in Innenräumen auf einen Infizierten zu treffen, bleibt mit und ohne Maskenpflicht gleich“, gab Christof Asbach, Präsident der Gesellschaft für Aerosolforschung, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) zu bedenken. „Das Risiko, sich anzustecken, ist ohne Maske natürlich höher.“ Auch nach Einschätzung von Prof. Eva Grill, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, ist es weiterhin wichtig, drinnen einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. „Masken sind ein einfacher und wirksamer Schutz, vor allem in Innenräumen“, sagte sie der dpa. „Es geht hier auch um den Schutz vor ansteckenderen neuen Varianten des Virus.“

Gemeint sind die von der Weltgesundheitsorganisation als „besorgniserregend“ eingestuften Coronavirus-Varianten Alpha (B.1.1.7), Beta (B.1.351), Gamma (P.1) und Delta (B.1.617.2), die auch in Deutschland nachgewiesen wurden. Vor allem die Virusvariante Delta ist in den vergangenen Wochen in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, weil sie nach ersten Erkenntnissen deutlich ansteckender ist als der ursprüngliche Sars-CoV-2-Typ und auch die Wirksamkeit der Impfstoffe beeinflussen könnte. „Wir wissen, dass sich die neuen Virusvarianten wie Alpha und Delta sehr effizient über Aerosole verbreiten können“, sagte Virologe Dittmer. „Diese Gefahr könnten wir durch den Mund-Nasen-Schutz deutlich verringern, solange noch viele Menschen ungeimpft oder nur einmal geimpft sind. Die Abschaffung der Maskenpflicht ist deshalb vorschnell und wissenschaftlich nicht begründet.“

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Ich glaube, wir sollten auf den Herbst warten.

Prof. Uwe G. Liebert,

Virologe

In Großbritannien hatte die Mutante Delta beispielsweise zu einem deutlichen Anstieg der Fallzahlen geführt. „Dies bestätigt die Notwendigkeit weiterhin nur schrittweiser und vorsichtiger Lockerungen bei gleichzeitig hohem Impftempo und Aufrechterhaltung der Impfmotivation auch für die zweite Impfung“, sagte Epidemiologe Zeeb. „Mit einer vierten Welle muss man leider auch bei uns rechnen. Es geht darum, diese so gering ausgeprägt wie möglich zu halten.“

Angesichts einer möglichen vierten Corona-Welle rät auch der Leipziger Virologe Prof. Uwe G. Liebert dazu, weiterhin an einer Maskenpflicht in Innenräumen festzuhalten. „Ich glaube, wir sollten auf den Herbst warten“, sagte er. „Bis dahin werden hoffentlich die Infektionszahlen weiter zurückgehen – und wenn dann doch wider Erwarten eine vierte Welle ausbleiben sollte, kann man eine generelle Aufhebung der Maskenpflicht noch einmal neu bewerten.“

Wie wirksam sind Masken bei der Verhinderung von Infektionen?

Mehrere Studien konnten inzwischen zeigen, dass das Tragen von Masken wirksam Infektionen mit dem Coronavirus verhindern kann. Laut einer von der Weltgesundheitsorganisation in Auftrag gegebenen Metaanalyse reduziert ein Mund-Nasen-Schutz das relative Infektionsrisiko um rund 80 Prozent. Die Untersuchungsergebnisse der McMaster-Universität im kanadischen Hamilton sind Anfang Juni 2020 im Fachmagazin „The Lancet“ erschienen. „Wenn das Basisansteckungsrisiko bei etwa 50 Prozent liegt, wie es etwa für Chorproben beschrieben wurde, dann verringert es sich, wenn ich eine Maske trage, auf 10 Prozent“, erklärte Studienautor Prof. Holger Schünemann im Gespräch mit der „Pharmazeutischen Zeitung“. „Wir beziehen uns auf Daten für den einfachen chirurgischen Mundschutz, wie man ihn überall kaufen kann.“

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Zu einem ähnlichen Ergebnis war eine Studie aus Japan im Oktober vergangenen Jahres gekommen. Darin heißt es, dass Masken die Virusbelastung beim Gegenüber um 70 Prozent senken. „Unsere Forschungen haben ergeben, dass sowohl Baumwollmasken wie auch chirurgische Masken und N95-Masken vor der Übertragung des Sars-CoV-2-Virus durch Tröpfcheninfektion oder Aerosole schützen“, schrieb das Forscherteam um Yoshihiro Kawaoka und Hiroshi Ueki vom Institut für Medizinische Wissenschaft der Universität Tokio.

Einen hundertprozentigen Schutz können die Masken jedoch nicht bieten. Denn Aerosole – also winzige, luftgetragene, potenziell mit Viren beladene Partikel – können zu einem Großteil an den Maskenrändern vorbeigehen. Allerdings verhindern die Masken, dass andere Personen den eigenen Atemluftstrom direkt und hoch konzentriert abbekommen. Und: „Normalerweise enthält nur ein geringer Anteil der von Menschen ausgeatmeten Tröpfchen und Aerosolpartikel Viren“, weiß Yafang Cheng, Leiterin einer Minerva-Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Chemie. „Meist ist die Virenkonzentration in der Luft so gering, dass selbst einfache chirurgische Masken die Verbreitung von Covid-19 sehr wirksam eindämmen.“

Cheng hatte mit Forschenden des Max-Planck-Instituts für Chemie, der Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und der Charité-Universitätsmedizin Berlin untersucht, wie Masken das individuelle Ansteckungsrisiko für Covid-19 reduzieren können. Ihre Ergebnisse hatten sie Ende Mai dieses Jahres im Fachmagazin „Science“ publiziert. Dabei wiesen die Forscherinnen und Forscher darauf hin, dass in Bereichen mit hoher Viruskonzentration wie Krankenhäusern jedoch weiterhin Masken mit einer höheren Wirksamkeit wie FFP2-Masken erforderlich seien.

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