Corona-Impfungen für unter Zwölfjährige: Wie sinnvoll sind sie?

Kinder über zwölf Jahren können sich gegen Covid-19 impfen lassen. Jüngere müssen sich unterdessen noch gedulden.

Kinder über zwölf Jahren können sich gegen Covid-19 impfen lassen. Jüngere müssen sich unterdessen noch gedulden.

Um Corona-Infektionen und teils schweren Krankheitsverläufen vorzubeugen, können sich Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren gegen Covid-19 impfen lassen. Für unter 12-Jährige ist in Europa hingegen noch kein Impfstoff zugelassen. Sie können sich momentan nur mithilfe der AHA+L-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltag mit Maske und Lüften) vor dem Virus schützen. Ob dieser Schutz auf Dauer gegen die hochansteckende Delta-Variante ausreicht ist angesichts steigender Fallzahlen fraglich. Allein am Donnerstag lag die Sieben-Tage-Inzidenz in der Altersgruppe der Fünf- bis 14-Jährigen nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) bei 251,2, der höchste Wert bei den altersgruppenspezifischen Inzidenzen.

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Entsprechend hoffen Kindermedizinerinnen und Kindermediziner auf eine baldige Impfstoffzulassung. Die beiden Hersteller Biontech und Pfizer haben für ihr Vakzin für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren einen Zulassungsantrag bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur gestellt. Noch vor Weihnachten könnte diese eine Empfehlung abgeben.

Doch schon bei der Impfstoffzulassung für Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren im Frühjahr diskutierten Expertinnen und Experten über das Nutzen-Risiko-Verhältnis und die Sinnhaftigkeit der Corona-Impfungen. Damals gab es kaum Daten zur Sicherheit der Vakzine, weshalb die Ständige Impfkommission (Stiko) sie zunächst nur für Jüngere mit Vorerkrankungen empfohlen hatte. Mit ähnlichen Unsicherheiten dürfte das Expertengremium auch dieses Mal konfrontiert sein, da nur wenige Tausend Kinder an den Impfstoffstudien teilgenommen haben. Eine verlässliche Aussage über seltene Nebenwirkungen lässt sich so kaum treffen.

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Gibt es zunächst nur eine Impfempfehlung für unter Zwölfjährige mit Vorerkrankungen?

„Die Erfahrung der letzten Monate zeigt, dass es wahrscheinlich zunächst nur eine Empfehlung für chronisch kranke Kinder in diesem Alter geben wird und für Kinder mit chronisch kranken Familienmitgliedern“, sagte Jakob Maske, Bundespressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Das ist aber nur meine persönliche Einschätzung.“

Für die Kinder und Jugendlichen über zwölf Jahren hatte die Stiko erst später eine generelle Impfempfehlung ausgesprochen, als genügend Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit der Impfstoffe vorlagen. Ob es bei den Vakzinen für die unter Zwölfjährigen genauso ablaufen wird, bleibt abzuwarten.

Auch Prof. Hans-Iko Huppertz hält dieses Vorgehen nicht für ausgeschlossen: „Es könnte sein, dass es dieses Mal genauso läuft“, sagte er im Gespräch mit dem RND. Der Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin wies ferner darauf hin, dass es auch zur Wirksamkeit des Corona-Impfstoffs von Biontech/Pfizer bei Kindern unter zwölf Jahren noch Unsicherheiten gebe. „Es liegt bislang nur eine Pressemitteilung der Unternehmen mit den Ergebnissen aus den klinischen Studien vor“, merkte er an. „Die Daten haben noch kein Peer-Review-Verfahren durchlaufen, deshalb muss man sie noch kritisch und zurückhaltend betrachten.“

Kindermediziner: Keine überraschenden, schweren Nebenwirkungen zu erwarten

Der Mediziner ist jedoch zuversichtlich, dass der Nutzen des Vakzins am Ende überwiegen wird. Weil die Dosis, die die Kinder erhalten, geringer ist als bei den Erwachsenen, sei es sogar möglich, dass der Impfstoff weniger reaktogen ist, also weniger Nebenwirkungen verursacht. Diese dürften sich zudem nicht allzu sehr von denen, die bei den bisherigen Impfungen unter Kindern und Jugendlichen aufgetreten sind, unterscheiden. „Es ist nicht zu erwarten, dass plötzlich ganz andere schwerwiegende Nebenwirkungen auftreten.“

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Zu den bekannten, sehr seltenen Nebenwirkungen der mRNA-Impfstoffe, mit denen sich die Jüngsten gegen Covid-19 impfen lassen können, zählen Myokarditis (Herzmuskelentzündung) und Perikarditis (Herzbeutelentzündung). Am häufigsten wurden diese Erkrankungen nach der zweiten Impfung beobachtet, wobei insbesondere junge Männer und Jungen im Alter von zwölf bis 17 Jahren betroffen waren, berichtet das Paul-Ehrlich-Institut in seinem aktuellen Sicherheitsbericht zu den Corona-Impfstoffen. „Das Risiko, eine Myokarditis oder Perikarditis zu entwickeln, ist jedoch bei einer Corona-Infektion deutlich höher als bei einer Impfung“, sagte Huppertz.

Nur wenige Kinder erkranken schwer an Covid-19

Dennoch haben Kinder und Jugendliche insgesamt nur ein geringes Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken. Gerade einmal 0,5 Prozent der aktuell auf den Intensivstationen behandelten Corona-Patientinnen und -Patienten ist zwischen Null und 17 Jahre alt, wie Daten der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) zeigen. Wenn sich Kinder mit Sars-CoV-2 infizieren, dann erkranken sie meist nur leicht oder asymptomatisch.

Allerdings können auch junge Menschen zum Teil unter Long Covid leiden – also Spätfolgen, die noch monatelang nach einer Corona-Infektion vorhanden sind. Wie häufig sie derartige Langzeitleiden entwickeln ist noch nicht genau geklärt. Prof. Tobias Tenenbaum, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, verwies im RND-Interview von Ende August auf Studien, wonach zehn bis 15 Prozent der untersuchten Kinder noch bis zu drei Monate nach der Infektion unter andauernden Symptomen litten.

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Neue Erkenntnisse zu Long Covid bei Kindern und Jugendlichen lieferte jüngst eine Studie des Universitätsklinikums Dresden. „In Bezug auf alle betrachteten Symptome und Erkrankungen lag die Häufigkeit neu dokumentierter Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen mit Covid-19 um circa 30 Prozent höher als bei Kindern ohne Covid-19-Diagnose“, teilte das Klinikum mit. Noch drei Monate nach der Infektion berichteten die jungen Betroffenen von Symptomen wie Unwohlsein, rasche Erschöpfung, Husten, Schmerzen im Hals- und Brustbereich sowie Angststörungen und Depressionen. Die Ergebnisse müssen noch von unabhängigen Expertinnen und Experten überprüft werden.

Impfquote beeinflusst Infektionsgeschehen kaum

Für Kinderinfektiologe Tenenbaum stellt die Impfung für Kinder primär einen individuellen Schutz dar. „Das heißt, sie sorgt dafür, dass die Wahrscheinlichkeit, schwer an Covid-19 zu erkranken, erheblich reduziert wird.“ Dadurch werde gleichzeitig ein psychologischer Druck abgebaut. „Am Ende ist eine Impfung aber eine Entscheidung, die die Familien selbst treffen müssen. Wenn sich die Kinder nicht impfen lassen wollen, muss das auch akzeptiert werden.“

Zur Kontrolle des Infektionsgeschehens dürfte die Impfquote der unter Zwölfjährigen in jedem Fall nur wenig beitragen. „Die Fünf- bis Elfjährigen machen nur einen kleinen Teil der Bevölkerung aus, daher würde die Durchimpfung dieser Altersgruppe auch nur einen kleinen Effekt auf die Herdenimmunität haben“, erläuterte Maske. Seiner Ansicht nach sei es wichtiger, eine hohe Durchimpfungsquote bei den Erwachsenen (18- bis 59-Jährigen) zu erzielen. Denn dort „klafft weiterhin eine knapp 30-prozentige Lücke“.

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