Corona-Mutation bei Nerzen: „Es wird immer Lücken geben, die das Virus für sich nutzt“

Bei Nerzen in Dänemark wurde eine Mutation des Coronavirus Sars-CoV-2 festgestellt.

Bei Nerzen in Dänemark wurde eine Mutation des Coronavirus Sars-CoV-2 festgestellt.

Herr Professor Mettenleiter, was macht die bei Nerzen entdeckte Mutation des Coronavirus so besonders?

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Mutationen sind nichts Außergewöhnliches. Sie passieren ständig. Ohne Mutationen gäbe es keine Evolution – und damit auch nicht uns Menschen. Also sind Mutationen ein grundlegendes, biologisches Phänomen. Was das Ganze jetzt besonders macht, ist die Tatsache, dass zwar bereits Mutationen von Sars-CoV-2 gefunden wurden, aber noch nicht in diesem Cluster. Das heißt, jetzt stellt sich die Frage: Inwiefern wirken sich diese Mutationen in dieser Kombination auf die biologischen Eigenschaften des Virus aus? Und: Wie wirken sie sich auf eine mögliche Inaktivierung des Erregers durch eine Immunantwort aus?

Warum sind gerade Nerze von diesen Virusmutationen betroffen?

Dass Maderartige empfänglich für Sars-CoV-2 sind, wissen wir schon seit längerer Zeit. Wir haben in unserem Institut unter anderem Studien an Frettchen durchgeführt, die eng verwandt sind mit Nerzen und ebenfalls anfällig für das Virus waren. Es sind inzwischen aus sechs Ländern Infektionen von Nerzen nachgewiesen und berichtet worden: aus den Niederlanden, Dänemark, Spanien, Italien, den Vereinigten Staaten von Amerika und Schweden. Ob ein Organismus empfänglich für solche Erreger ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Entscheidend ist dabei vor allem, ob entsprechende Rezeptoren an den Zellen vorhanden sind, an die sich das Virus binden kann. Das scheint bei Nerzen und Frettchen der Fall zu sein. Aber auch zum Beispiel die Reaktion des Immunsystems auf Infektionen und die Vermehrungsrate des Erregers sind Einflussfaktoren.

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Prof. Thomas Mettenleiter ist Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit.

Prof. Thomas Mettenleiter ist Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit.

Inwiefern spielt dabei auch eine Rolle, dass die betroffenen Nerze in Dänemark in Gefangenschaft leben?

Das spielt vor allem bei der Virusverbreitung eine Rolle. Sobald viele für den Erreger empfängliche Tiere auf engem Raum untergebracht sind – wie es bei Nerzfarmen der Fall ist –, kann das Virus sehr schnell von einem Tier zum anderen übertragen werden. Es kann sich der gesamte Bestand infizieren, was am Ende zu einer hohen Erregerlast in den Beständen führen kann.

Wie macht sich Sars-CoV-2 bei Nerzen bemerkbar?

Die ersten mit Sars-CoV-2 infizierten Bestände in den Niederlanden sind aufgefallen wegen einer moderat erhöhten Mortalität. Sprich, es sind mehr Tiere als gewöhnlich gestorben. Das muss aber nicht immer der Fall sein. Es gab auch Bestände, wo das Virus nachgewiesen wurde, ohne dass es zu klinischen Erscheinungen gekommen ist. Das heißt, es gibt wie beim Menschen asymptomatische und schwere Infektionsverläufe.

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Die Virusmutation soll inzwischen sogar auf mehrere Menschen übertragen worden sein. Wie gefährlich ist der Cluster-5-Virustyp?

Es ist sehr wahrscheinlich, dass es ursprünglich eine Übertragung von Sars-CoV-2 vom Menschen auf die Nerze gegeben hat. Jetzt erleben wir den umgekehrten Weg: Das Virus wird von den Nerzen auf die Menschen übertragen. Auch das ist nicht neu. Die Frage ist: Hat diese Virusvariante beim Menschen andere biologische Eigenschaften? Das heißt: Ist sie besser vermehrbar? Breitet sie sich schneller aus? Darauf gibt es momentan aber keine Hinweise.

Trotzdem hat die dänische Regierung gleich mit Einschränkungen des öffentlichen Lebens reagiert. Der öffentliche Nahverkehr wird eingestellt, Lokale sowie Sporthallen, Schwimmbäder und Fitnessstudios müssen schließen.

Man kann natürlich nicht ausschließen, dass die Virusvariante doch andere Eigenschaften beim Menschen aufweist. Deshalb sind das jetzt präventive Maßnahmen, die die dänischen Behörden getroffen haben, um die Ausbreitung dieser neuen Variante zu verlangsamen beziehungsweise zu stoppen. Je früher diese Maßnahmen in Kraft treten, desto größer ist natürlich die Chance, die Ausbreitung der Virusvariante zu stoppen.

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Außerdem hat die dänische Regierung angeordnet, alle Nerze zu töten – also mehrere Millionen Tiere. Hätte es nicht noch alternative Vorgehensweisen gegeben?

Am Anfang ist noch versucht worden, die Tötung der Tiere zu verhindern. Man hat versucht, durch erhöhte Bio-Sicherheitsmaßnahmen die Ausbreitung des Erregers zu unterbinden und andere Tierbestände zu schützen. Das hat aber weder in den Niederlanden, noch in Dänemark funktioniert. Es gab immer mehr Infektionsketten und infizierte Bestände.

Natürlich lassen sich solche Bestände nicht hermetisch absichern.

Professor Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Löffler-Instituts

Was sind Bio-Sicherheitsmaßnahmen?

Das sind Maßnahmen, die verhindern sollen, dass ein Erreger von einem Bestand zum nächsten übertragen wird. Da spielen dann Hygiene- und Desinfektionsmaßnahmen eine wichtige Rolle. Aber natürlich lassen sich solche Bestände nicht hermetisch absichern. Das bedeutet, es wird immer Lücken geben, die das Virus für sich nutzt. Deswegen kommt es eben zu ausgedehnten Infektionsketten, sodass Dänemark zu dem Entschluss gekommen ist, die Bestände zu töten.

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Aber nur weil man die Tiere tötet, ist das Risiko ja nicht aus der Welt geschafft. Denn noch gibt es viele Menschen, die sich mit Sars-CoV-2 infizieren. Das heißt, sobald neue Nerze in den Farmen gezüchtet werden, besteht wieder das Risiko, dass die Menschen die Tiere infizieren.

Das stimmt. Solange der Infektionsdruck aus der menschlichen Population so hoch ist, ist damit weiterhin zu rechnen. Allerdings sollen in Dänemark nicht wieder sofort neue Tiere in die geräumten Bestände kommen, sondern man möchte jetzt erst einmal abwarten. Und wir hoffen natürlich, dass die Pandemie in der menschlichen Population bald beherrschbar wird und der Infektionsdruck damit nicht mehr so hoch ist.

Gibt es noch andere Tiere, die besonders empfänglich für Sars-CoV-2 sind?

Ebenfalls für Sars-CoV-2 empfänglich sind Pelztiere wie Frettchen und Marderhunde sowie Goldhamster. Auch Hunde und Katzen sind anfällig für das Virus. Sars-Cov-2 ist eben ein zoonotischer Erreger, der aus dem Tierreich kommt. Höchstwahrscheinlich stammt das Coronavirus von Fledermäusen, wurde dann auf den Menschen übertragen und wird jetzt auch vom Menschen an Tiere weitergegeben. Das ist eine Situation, die wir sehr genau beobachten.


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