Endokrinologe im Interview: Warum Vitamin D „kein Wundermittel“ ist

Risikogruppen wie Bewohner von Pflege- und Altenheimen sollten auf Vitamin-D-Supplemente zurückgreifen.

Graz. Dass sich das „Sonnenhormon“ Vitamin D positiv auf die Gesundheit auswirkt, ist schon seit Jahren bekannt. Allerdings leiden immer mehr Menschen unter einem Vitamin-D-Mangel, weiß Stefan Pilz von der Medizinischen Universität Graz. Der Endokrinologe gibt im RND-Interview Tipps, wie man dem Mangel entgegenwirken kann, und klärt auf, ob Vitamin D wirklich vor Covid-19 schützt.

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Herr Professor Pilz, seit nunmehr drei Monaten verharrt Deutschland im Lockdown. Doch nicht nur deshalb sind die meisten Bürger in den vergangenen Wochen zu Hause geblieben, sondern auch wegen des unbeständigen, meist trüben Wetters. Wie wirken sich all diese Umstände auf unseren Vitamin-D-Haushalt aus?

Wir wissen, dass gerade im Winter Tiefststände beim Vitamin-D-Spiegel erreicht werden. Das hängt mit jahreszeitlichen Schwankungen der Sonneneinstrahlung zusammen. Denn 80 bis 90 Prozent des Vitamins bildet unser Körper in der Haut mithilfe von Sonnenlicht – genauer gesagt, UVB-Strahlung. Im Sommer, wenn wir uns häufiger an der frischen Luft aufhalten und dem Sonnenlicht aussetzen, sind unsere Vitamin-D-Spiegel grundsätzlich höher als im Winter. Inwieweit jetzt der Lockdown einen Einfluss hat, kann man noch nicht endgültig beurteilen. Aber natürlich, wenn wir uns sehr viel in Innenräumen aufhalten und nur selten nach draußen gehen, produziert unser Körper weniger Vitamin D. Damit steigt das Risiko für einen Vitamin-D-Mangel. Problematisch kann es auch sein, wenn die Leute im Lockdown zunehmen. Denn je mehr Körpergewicht jemand hat, desto niedriger ist sein Vitamin-D-Spiegel, weil sich das Vitamin im Fettgewebe ablagert.

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Stefan Pilz leitet an der Medizinischen Universität Graz die Ambulanz für Endokrinologie.

Stefan Pilz leitet an der Medizinischen Universität Graz die Ambulanz für Endokrinologie.

Das heißt, ein Vitamin-D-Mangel ist eine Lifestyle-Erkrankung.

Genau. Wir verbringen weniger Zeit im Freien, neigen eher zu Gewichtsproblemen – das sind Faktoren, die einen Vitamin-D-Mangel begünstigen.

Warum ist ein gesunder Vitamin-D-Haushalt so wichtig?

Zunächst einmal ist wichtig, dass es sich bei Vitamin D um ein Steroidhormon handelt. Das heißt, wenn wir von einem Vitamin-D-Mangel sprechen, ist eigentlich ein Hormonmangel gemeint. Vitamin D wirkt – wie alle Hormone – im gesamten Körper, sodass ein Mangel weitreichende Auswirkungen haben kann. Zum Beispiel kann ein niedriger Vitamin-D-Spiegel die Mineralisierung unserer Knochen beeinträchtigen. Bei älteren Menschen können die Knochen beispielsweise erweichen. Aber dadurch, dass jede Körperzelle Rezeptoren für Vitamin D hat, wirkt es auch auf viele andere Organe.

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Und auf das Immunsystem.

Ja, auch Immunzellen haben Rezeptoren für Vitamin D. Es unterstützt beispielsweise die Makrophagen – also die Fresszellen – bei der Immunabwehr gegen Krankheitserreger und reguliert Entzündungsreaktionen im Körper.

Wie kann man einem Vitamin-D-Mangel vorbeugen?

Das beste Rezept ist, sich häufig im Freien aufzuhalten. Wenn wir uns in den Sommermonaten draußen aufhalten – 15 bis 20 Minuten in der Mittagszeit –, kann unser Körper gut Vitamin D bilden. Außerdem sollte man Übergewicht vermeiden und auf eine ausgewogene Ernährung achten. Allerdings reicht eine ausgewogene Ernährung allein nicht aus, um genug Vitamin D zu produzieren. Man kann auf die Sonneneinstrahlung nicht verzichten.

Wer sich im Sommer für 15 bis 20 Minuten in der Mittagszeit draußen aufhält, beugt einem Vitamin-D-Mangel vor.

Wer sich im Sommer für 15 bis 20 Minuten in der Mittagszeit draußen aufhält, beugt einem Vitamin-D-Mangel vor.

Großbritannien hat im vergangenen Jahr eine Vitamin-D-Offensive gestartet. Besonders gefährdete Personengruppen wie Pflegeheimbewohner haben täglich eine kostenlose Zehn-Mikrogramm-Dosis Vitamin D als Nahrungsergänzungsmittel erhalten. Inwiefern ist dieses Vorgehen sinnvoll?

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Es ist auf jeden Fall sinnvoll. Denn in praktisch allen Ländern erreicht ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung die empfohlenen Vitamin-D-Richtwerte nicht. Die Frage ist: Wie füllt man diese Lücke zwischen dem, was empfohlen wird, und dem Status quo? In den USA oder Finnland wird Vitamin D beispielsweise Nahrungsmitteln zugesetzt. In Ländern, wo dies nicht gemacht wird, ist die Gabe von Vitamin-D-Supplementen eine kostengünstige Alternative.

Wer einen guten Vitamin-D-Spiegel hat, braucht keine Supplemente zusätzlich einzunehmen.

Wann ist es denn grundsätzlich sinnvoll, auf Vitamin-D-Supplemente zurückzugreifen?

Zum einen gibt es eine allgemeine, weltweit geltende Empfehlung, dass Säuglinge und Neugeborene bis zum ersten Lebensjahr Vitamin D als Nahrungsergänzung erhalten sollten. Das dient der Rachitis-Prophylaxe. Rachitis ist eine Störung des Knochenstoffwechsels, die im Kindesalter auftritt und zu einer Demineralisierung der Knochen führt. Zum anderen gibt es Risikogruppen wie Bewohner von Pflege- und Altenheimen, bei denen wir wissen, dass sie oftmals unter einem Vitamin-D-Mangel leiden. Da ist es sinnvoll, Vitamin-D-Supplemente zu geben. Empfohlen werden in Deutschland 800 I. E. – das sind umgerechnet 20 Mikrogramm. Wer aber einen guten Vitamin-D-Spiegel hat, braucht keine Supplemente zusätzlich einzunehmen.

20 Mikrogramm sind empfohlen. Was würde passieren, wenn dieser Wert überschritten wird?

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Man muss dazu sagen, eine Überdosierung ist extrem selten. Zum Vergleich: Durch die Sonne können wir 10.000 bis 20.000 I. E. Vitamin D pro Tag – also 250 bis 500 Mikrogramm – selbst produzieren. Hätten wir Bedenken bei 800 I. E., müssten wir den Menschen auch verbieten, im Sommer in die Sonne zu gehen. Wenn ich wenig Vitamin D im Blut habe, und ich nehme eine kleine Dosis ein, steigt der Vitamin-D-Spiegel sehr stark an. Ist der Vitamin-D-Spiegel schon höher, und ich nehme dieselbe Dosis ein, ist der Anstieg geringer. Das heißt, wenn der Körper genug Vitamin D hat, wird es nicht mehr so stark aktiviert. Bei einer Vitamin-D-Intoxizität würde der Blut-Calcium-Spiegel hingegen so stark steigen, dass Beschwerden wie Übelkeit, Dehydration und Nierenschäden auftreten. Aber das ist eine absolute Rarität.

Vitamin D als Nahrungsergänzungsmittel stand in den vergangenen Wochen auch immer wieder im Zusammenhang mit Covid-19 in den Schlagzeilen. Mal heißt es, Vitamin D beugt Covid-19 vor, dann heißt es wieder, Vitamin D hat keinen Effekt auf Covid-19. Was stimmt denn jetzt?

Wie alles im Leben ist es nicht schwarz oder weiß. Was wir schon vor Covid-19 wussten, war, dass die präventive Gabe von Vitamin D hochsignifikant das Auftreten von Atemwegsinfekten reduzieren kann. Das zeigte sich in placebokontrollierten Studien. Die Studien, die jetzt den Zusammenhang zwischen Vitamin D und Covid-19 thematisieren, zeigen uns Folgendes: Wer einen Vitamin-D-Mangel hat, hat gleichzeitig ein höheres Risiko, an Covid-19 zu erkranken und einen schweren Krankheitsverlauf zu entwickeln. Das ist aber noch kein Beweis dafür, dass es einen kausalen Zusammenhang gibt. Wir können also noch keine endgültige Antwort auf die Frage geben, ob die Einnahme von Vitamin-D-Supplementen dazu führt, dass man seltener an Covid-19 erkrankt. Es gibt interessante Studien aus England oder Spanien, die Hinweise liefern, dass Vitamin D einen Effekt auf Covid-19 haben könnte, aber bei der Interpretation dieser Untersuchungen ist Vorsicht geboten.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist Vitamin D aber in jedem Fall eher ein präventives Mittel. Das heißt, wenn ich schon erkrankt bin, hilft Vitamin D nicht mehr.

Wir wissen jedenfalls, dass es präventiv akute Atemwegsinfekte verhindert, ja. Wenn man Vitamin D einnimmt, obwohl man schon erkrankt ist, könnte es womöglich schon zu spät sein. Klar ist: Vitamin D ist kein Wundermittel, aber ein kleiner Baustein unserer Gesundheit. Wenn wir ausreichend davon haben, sind wir besser gegen verschiedene Erkrankungen aufgestellt – auch gegen Covid-19.

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