„Dissoziative Identitätsstörung“

Gespaltene Persönlichkeit: Gibt es das wirklich?

Szene aus dem Film „Fight Club“ von 1999: Edward Norton und Brad Pitt spielen zwei verschiedene Persönlichkeitsanteile eines Menschen.

Szene aus dem Film „Fight Club“ von 1999: Edward Norton und Brad Pitt spielen zwei verschiedene Persönlichkeitsanteile eines Menschen.

Im Kultfilm „Fight Club“ spielt Edward Norton einen nüchternen Büromenschen, der von seinem Leben gelangweilt ist. Dann macht er die Bekanntschaft des furchtlosen Tyler (Brad Pitt), der sich gerne prügelt und ihn auf Abwege bringt. Die Hauptcharaktere könnten unterschiedlicher kaum sein. Doch am Ende des Films stellt sich heraus: Beide sind in Wirklichkeit eine Person – sie verkörpern zwei Teile einer gespaltenen Identität. „Fight Club“ ist längst nicht der einzige Film, der die „gespaltene Persönlichkeit“ zum Thema macht. Die Darstellung ist dabei meist nicht sehr realistisch. Doch das Krankheitsbild gibt es wirklich. Wenn ein Mensch früh ein schweres Trauma erlebt hat, kann es tatsächlich geschehen, dass sich seine Persönlichkeit in verschiedene Teile aufspaltet.

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Der früher gebräuchliche Begriff „multiple Persönlichkeitsstörung“ gilt dabei inzwischen als veraltet. Im internationalen ICD-Katalog für medizinische Diagnosen wird das Krankheitsbild als „Dissoziative Identitätsstörung“ gelistet. In der Definition ist nicht von verschiedenen Persönlichkeiten die Rede, sondern von mindestens zwei verschiedenen „Persönlichkeitszuständen“ einer Person. Bei einem Wechsel zwischen den Persönlichkeitszuständen verändern sich demnach die Wahrnehmung und das Identitätserleben, wobei auch ein Gedächtnisverlust auftreten kann.

Das heißt: Betroffene nehmen sich selbst als jeweils andere Persönlichkeit wahr und verhalten sich auch anders. Und die Erinnerung an eine Handlung kann getrübt oder nicht mehr vorhanden sein, wenn diese in einem anderen Persönlichkeitszustand ausgeführt wurde.

Linda Koos ist psychologische Psychotherapeutin in der Klinik am Waldschlößchen in Dresden. Die Fachklinik für psychosomatische Medizin bietet eine Therapiegruppe speziell für Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) an, Koos sieht täglich vier oder fünf von ihnen. Eine DIS kann sich laut Koos entwickeln, wenn jemand früh schwersten und wiederholten Erfahrungen von Gewalt ausgesetzt war. Viele von Koos‘ Patienten und Patientinnen waren jahrelang Opfer sexuellen Missbrauchs in pädophilen Täterkreisen.

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Persönlichkeitsspaltung ist Schutzfunktion

Die Dissoziation, eine Abspaltung von Wahrnehmen und Bewusstsein von einem als unerträglich empfundenen Hier und Jetzt werde in vielen Fällen bei traumatischen Erfahrungen beobachtet. „Grundsätzlich ist das Gehirn aller Menschen in der Lage, zu dissoziieren“, sagt Koos. Bei Menschen mit einer DIS hat sich dieser Zustand manifestiert. Kinder seien besonders anfällig, da die Identität vor dem sechsten Lebensjahr noch nicht vollständig ausgebildet sei. Wie Koos erklärt, ist die Spaltung der Persönlichkeit eine Schutzfunktion: „Das Leid wird auf mehrere Schultern verteilt, um zu überleben“.

Den Persönlichkeitszuständen bei einer DIS lasse sich oft ein anderes Alter zuordnen. Eine Frau von 50 Jahren könne zum Identitätserleben eines 17-jährigen Jugendlichen oder eines Kindes wechseln. Die Erinnerung an die Missbrauchserfahrung in der Kindheit kann dann bei dem jüngeren Teil der Persönlichkeit vorhanden und bei dem älteren unterdrückt sein. Wie häufig ein Wechsel des Zustandes stattfindet, sei jeweils unterschiedlich. Auch die Trennung zwischen den Persönlichkeitszuständen könne unterschiedlich stark ausfallen. „In einigen Fällen gibt es eine Art Co-Bewusstsein, das heißt, die Persönlichkeitszustände stehen im Austausch miteinander und die Betroffenen wissen in jedem Zustand, dass es sie gibt. In anderen Fällen sind sie völlig abgespalten – so sehr, dass Handlungen in einem Persönlichkeitszustand ausgeführt werden von einem anderen nicht oder nur unvollständig erinnert werden.“

Krankheitsbild war lange umstritten

Oft werden den Persönlichkeitszuständen auch Namen zugeordnet. Dabei kann es sich um Namen handeln, die die Täter bei ihren Misshandlungen gewählt haben. So würden Täter sogar versuchen, Persönlichkeitsspaltung bei ihren Opfern bewusst herbeizuführen, sagt Koos. Denn Opfer mit gespaltener Identität haben nur bruchstückhafte Erinnerungen. Es ist später schwierig, über das Geschehene auszusagen und vor Gericht als Zeugen ernst genommen zu werden.

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Das Störungsbild der DIS war lange Zeit umstritten. Kritiker behaupteten, dass Therapeuten ihren Patientinnen und Patienten die Störung eingeredet hätten. Oder, dass die Zustände bewusst gespielt seien, und nicht wirklich erlebt würden. Inzwischen gibt es einige Untersuchungen, die zeigen, dass in den verschiedenen Persönlichkeitszuständen tatsächlich andere neuronale Netzwerke aktiv sind.

Ein Team von Forschenden des King‘s College London hatte in einer Studie die Hirnaktivität von Patienten und Patientinnen mit der Diagnose DIS in verschiedenen Persönlichkeitszuständen gemessen. Eine Kontrollgruppe aus phantasiebegabten Menschen wurde ebenfalls mit einem Hirnscan untersucht und dabei gebeten, einen anderen Persönlichkeitszustand mithilfe ihrer Vorstellungskraft zu simulieren.

DIS lässt sich nicht simulieren

Bei den Teilnehmenden der Kontrollgruppe, die lediglich simulierten, unterschied sich das Aktivitätsmuster im Gehirn von dem der Teilnehmenden mit DIS-Diagnose. Sobald sie versuchten, sich in einen anderen Persönlichkeitszustand zu begeben, waren Regionen aktiviert, die für bildliche Vorstellungskraft und das Hineinversetzen in die Gefühle anderer zuständig sind. Bei den DIS-Patientinnen und Patienten wurden hingegen solche Regionen aktiviert, die für die Verarbeitung von echten Lebensereignissen zuständig waren.

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Laut Therapeutin Koos gibt es aber tatsächlich auch „falsch positive Diagnosen“ – Patienten, die von der Krankheit gehört haben und sich bewusst so verhalten, als seien sie betroffen. Ein wichtiger Unterschied zu echten DIS-Betroffenen: Diese würden die dissoziativen Zustände normalerweise nicht zur Schau tragen und fielen deshalb im Alltag gar nicht immer als psychisch Kranke auf: „Menschen mit einer dissoziativen Identitätsstörung schämen sich oft dafür und versuchen, diese zu verbergen. Dabei zeigen sie oft eine hohe Anpassungsfähigkeit.“ Auch sei die Störung unterschiedlich stark ausgeprägt. „Manche haben starke kontrollierende Anteile der Persönlichkeit“, sagt Koos.

Umgekehrt werde eine echte DIS nicht immer gleich erkannt. Vielen Betroffenen sei zuvor ein anderes Krankheitsbild diagnostiziert worden, ehe sie in eine spezialisierte Einrichtung kommen. Weil auch DIS-Patienten und -Patientinnen Wahrnehmungsstörungen haben und Stimmen hören, würde bei vielen von ihnen zunächst eine Schizophrenie vermutet. Sie würden dann mit Neuroleptika behandelt, antipsychotischen Medikamenten, die aber bei einer DIS nicht helfen.

Betroffene brauchen ein Leben lang Therapie

Medikamente können zwar auch bei einer DIS unterstützend eingesetzt werden, vor allem angstlösende oder schlaffördernde Mittel. Die medikamentöse Behandlung sei aber nicht der Haupttherapiezweck. Stattdessen arbeitet Koos mit Verfahren der Traumatherapie. Und sie arbeitet gemeinsam mit den Patienten daran, die verschiedenen inneren Zustände in Einklang zu bringen. Ist zum Beispiel ein Teil der Persönlichkeit ein traumatisiertes Kind geblieben, dann helfen die Behandelnden dem Patienten oder der Patientin dabei, diesen Teil in das Hier und Jetzt zu holen, um die innere Spaltung aufzuheben.

Menschen mit einer DIS leiden außerdem meist an weiteren Krankheiten, die behandelt werden müssen, wie Ess-, Zwangs- oder Angststörungen. Teil des Therapiekonzepts sind daher unter anderem auch Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen sowie das Lernen von Selbstfürsorge. Die Traumatherapie dauert im Waldschlößchen in Dresden zehn bis 12 Wochen. Abgeschlossen sei die Behandlung der DIS damit aber nicht. „Diese Menschen brauchen meist ein Leben lang Therapie“, sagt Koos.

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Von den Filmen, in denen das Thema DIS aufgegriffen wird, hat auch Koos einige gesehen. Im Psychothriller „Split“ sei zum Beispiel die therapeutische Arbeit gut dargestellt, findet sie. Was Koos nicht gefällt – in den Filmen sind Menschen mit DIS oft gefährlich und werden zu Mördern: „Sie haben meist diesen starken monströsen Anteil“, sagt Koos. Mit der Realität habe das aber rein gar nichts zu tun, solche monströsen Anteile gebe es nicht: „Ich arbeite seit Jahren mit Betroffenen. Als bedrohlich oder beängstigend habe ich aber noch keinen von ihnen empfunden.“

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