Gesund essen: Auf den Geschmack kommen

Gesund essen – schon von klein auf: Eltern versuchen oft vergebens, Kindern Obst und Gemüse schmackhaft zu machen.

Gesund essen – schon von klein auf: Eltern versuchen oft vergebens, Kindern Obst und Gemüse schmackhaft zu machen.

Berlin. Kinder schmecken schon im Mutterleib. Wie stark ist der kulinarische Einfluss der werdenden Mutter auf das spätere Leben?

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Linda von Glahn: Die Geschmacksentwicklung beginnt tatsächlich im Mutterleib. Etwa ab der achten Schwangerschaftswoche entwickeln sich erste Geschmacksrezeptoren. So “kostet” das Ungeborene über das Fruchtwasser schon das Essen der Mutter und lernt typische Speisen und Geschmäcker kennen, die zu Hause gegessen werden. Es werden so auch erste Vorlieben geprägt – auch für bestimmte Obst- und Gemüsesorten.

Matthias Riedl: Genau, ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen. Kinder werden im Mutterleib gebaut und dafür braucht es hochwertige Bausteine. Um es etwas drastisch zu formulieren: Nur aus Pommes entsteht kein gutes Gehirn. Auch das Risiko für Diabetes oder Übergewicht im späteren Leben wird durch falsche Ernährung in der Schwangerschaft erhöht. Das Gleiche gilt natürlich für die ersten beiden Lebensjahre. Primaten lernen in dieser Zeit, welche 100 Pflanzen sie essen können und welche 100 sie töten würden. Und das lernen sie von der Mutter. Bei uns Menschen ist das nicht anders. Auch wir legen in dieser Zeit die Grundlage für eine gesunde Ernährung, vor allem weil Babys sehr sensibel für die Annahme von Geschmacksrichtungen sind. Alle Menschen, die Eltern werden wollen, sollten sich deshalb mit gesunder Ernährung auseinandersetzen.

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Schimpfen, verzweifeln oder gar damit argumentieren, dass dieses Gemüse besonders gesund sei, all das kann man sich sparen.

Matthias Riedl,

Ernährungsmediziner

Beim Beikoststart hat man es endgültig in der Hand und “kocht” für das Kind. Muss ich immer selbst kochen oder sind auch Gläschen in Ordnung?

Linda von Glahn: Selbst den Brei zuzubereiten hat viele Vorteile. Wenn ich einen Möhrenbrei selbst koche, verändert sich der Geschmack jedes Mal ein bisschen. Das Gläschen aus dem Regal hat dagegen einen immer gleichen Geschmack. Außerdem kann ich mein Kind schon früh an der Zubereitung teilhaben lassen. Es kann an den Möhren nuckeln, riecht und sieht das Kochen. Das Kind lernt so Essen mit allen Sinnen kennen. Eine gute Variante ist auch altersgerechtes Fingerfood – zum Beispiel gedünstete Gemüsesticks oder gekochte Nudeln. Damit kann das Kind nach Herzenslust herumspielen und das Essen der Großen kennenlernen. Gleichzeitig würde ich Gläschen nicht verteufeln. Auch wenn nicht alle Inhalte nötig sind, liefern die Basisgläschen eine sichere Qualität. Im stressigen Familienalltag kann die Nahrung aus dem Gläschen – im flexiblen Gebrauch neben dem Selbstkochen – manchmal hilfreich sein.

Matthias Riedl: Das Zeitargument höre ich auch öfter. Man kann Brei doch super vorkochen und einfrieren. Die Babybreie aus dem Supermarkt sind oft viel zu süß und enthalten unnötige Inhalte. Man will halt Baby und Mama glücklich machen und dafür sorgen, dass das Gläschen brav ausgelöffelt wird. Aus meiner Sicht prägt es das Kind in eine falsche Richtung. Darum lautet meine klare Empfehlung: Möglichst viel selbst kochen und Breigläschen eher als Ausnahme.

Linda von Glahn ist Ökotrophologin, Fachberaterin für Säuglings- und Kinderernährung, Ernährungsberaterin, zweifache Mutter und Referentin im Bildungsprogramm der Sarah-Wiener-Stiftung.

Linda von Glahn ist Ökotrophologin, Fachberaterin für Säuglings- und Kinderernährung, Ernährungsberaterin, zweifache Mutter und Referentin im Bildungsprogramm der Sarah-Wiener-Stiftung.

Wichtig ist es, die Kinder in Rituale einzubinden

Anfangs ist das Essen der Großen noch spannend, alles wird gegessen – Brokkoli, Paprika, Erbsen, Lachs. Irgendwann verfliegt diese Begeisterung und es bilden sich Vorlieben heraus – Nudeln mit Tomatensoße zum Beispiel. Wie normal ist der tägliche Wunsch nach Nudeln?

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Matthias Riedl: Das ist eine ganz normale Phase. Deshalb können sich alle Eltern entspannen. Schimpfen, verzweifeln oder gar damit argumentieren, dass dieses Gemüse besonders gesund sei, all das kann man sich sparen. Das führt nur dazu, dass das Kind ganz bestimmt nichts davon probieren will. Viel wichtiger ist es, die Kinder in Rituale einzubinden – gemeinsam essen, gemeinsam das Essen zubereiten – und immer wieder Rohkost auf den Tisch zu stellen und auch das raussortierte Gemüse der Kinder mitzuessen. Mit einem entspannten und wertschätzenden Verhalten geht die Phase des wählerischen Essens von selbst vorbei. Schimpfen oder gar zum Essen zwingen kann dagegen sogar zu Essstörungen führen.

Linda von Glahn: Oft hilft es Eltern, wenn sie sich klarmachen, dass diese natürliche Skepsis gegenüber allem Neuen ein uralter Schutzmechanismus ist. Das Kind wird im Laufe der Zeit selbstständig und entdeckt seine Umgebung auf eigene Faust. Dabei soll es nicht alles in den Mund nehmen und essen, was seinen Weg kreuzt. Das könnte gefährlich sein. Deshalb setzen Kinder eher auf Bewährtes – und heute sind das eben Nudeln mit Tomatensoße oder Kartoffelbrei. Auch um eine Mangelernährung muss man sich selten Sorgen machen. Bei genauerer Betrachtung essen die Kinder oft mehr Obst und Gemüse, als die Eltern glauben.

Wie wecke ich Neugier auf neue Gerichte und Gemüsesorten?

Linda von Glahn: Der beste Weg ist Anbieten und Vorleben. Gemüse wie Paprika oder Kohlrabi könnte man zum Beispiel regelmäßig zum Abendbrot auf den Tisch stellen und selbst davon essen. Das Kind entscheidet dann selbst, ob es auch davon probieren möchte. Auch die “Darreichung” spielt eine Rolle. Zum Beispiel macht Rohkost mehr Spaß als gekochtes Gemüse. Es knackt schön beim Reinbeißen, außerdem kann man damit schön spielen. Auch die Kombination mit Lieblingsspeisen – also Kartoffeln oder Nudeln – kann hilfreich sein.

Matthias Riedl: Genau, spielerisch und ohne Zwang ist der richtige Weg. Und manchmal müssen wir dabei auch über unseren eigenen Schatten springen und selbst neue Gemüsesorten ausprobieren. Nur so ermöglichen wir den Kindern, die ganze Bandbreite von Gemüse kennenzulernen. Das ist immens wichtig. Immerhin sollte Gemüse ungefähr die Hälfte unseres täglichen Essens ausmachen.

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Gerade ältere Kinder haben das Recht ­darauf, selbst einen neuen Geschmack für sich zu entdecken und sich dazu eine Meinung zu bilden.

Linda von Glahn,

Ökotrophologin

Wie stark darf ich Kinder beim Essen austricksen?

Matthias Riedl: Es gibt die Flavour-to-Flavour-Methode. Dabei mischt man einfach andere Geschmäcker unter einen bekannten Geschmack, ein bisschen Sellerie in den Kartoffelbrei zum Beispiel. So lernen auch Kinder neue Geschmäcker kennen. Natürlich kann ich auch Gemüse so klein schneiden, dass die Kinder es gar nicht mehr “sehen” und es unbemerkt essen. Allerdings sollte man zu solchen Tricks eher in den ersten beiden Lebensjahren greifen und so die Geschmacksprägung anregen. Später halte ich das Austricksen für kontraproduktiv.

Linda von Glahn: Ich bin auch kein Freund von “Betrug”. Kindern sollte man eigentlich nicht irgendein Gemüse unterjubeln oder sie zum Probieren zwingen. Gerade ältere Kinder haben das Recht darauf, selbst einen neuen Geschmack für sich zu entdecken und sich dazu eine Meinung zu bilden. Dazu müssen Kinder immer wieder mit den Lebensmitteln in Kontakt kommen. Essen appetitlich – aber immer als Lebensmittel erkennbar – anzurichten hilft, denn auch bei Kindern “isst das Auge mit”. Für Essanfänger ist es toll, Lebensmittel mit allen Sinnen entdecken zu können. Auch mit Essen zu spielen, zu matschen, sollte daher erlaubt sein, denn auch so – mit Händen, Augen, Nase – lernen Kinder essen.

Dr. Matthias Riedl ist Ernährungsmediziner, Diabetologe, Buchautor sowie ärztlicher Leiter und Gründer des Medicum Hamburg. Das Medicum betreut mit Ernährungsberatern, Psychotherapeuten, Diabetologen, Ernährungsmedizinern, Internisten, Kardiologen und Sportpädagogen alle Krankheitsbilder, die durch falsche Ernährung entstanden sind oder sich durch spezielle Kostformen therapieren lassen.

Dr. Matthias Riedl ist Ernährungsmediziner, Diabetologe, Buchautor sowie ärztlicher Leiter und Gründer des Medicum Hamburg. Das Medicum betreut mit Ernährungsberatern, Psychotherapeuten, Diabetologen, Ernährungsmedizinern, Internisten, Kardiologen und Sportpädagogen alle Krankheitsbilder, die durch falsche Ernährung entstanden sind oder sich durch spezielle Kostformen therapieren lassen.

Schon kleinere Kinder am Kochen beteiligen

Welche Rolle spielt dabei gemeinsames Kochen?

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Linda von Glahn: Eine immens wichtige. Möhren oder Bananen klein schneiden, Brokkoli waschen, Teig kneten – es gibt viele Möglichkeiten, auch schon kleinere Kinder am Kochen zu beteiligen. Das ist eine ganz tolle Erfahrung. Die Kinder können so Lebensmittel ganz anders kennenlernen und ausprobieren. Die Lust, die Gerichte danach zu probieren, kommt oft von ganz allein. Das Kochen beginnt übrigens schon lange vor der Küche. Man kann sich auch mit den Kindern hinsetzen und eine Einkaufsliste schreiben, dann in den Laden oder auf den Markt gehen. Auch das trägt zur Erfahrung “Kochen” bei und erweitert den Lebensmittelhorizont. Im hektischen Alltag sorgen auch schon das gemeinsame Zupfen des Basilikums für die Nudeln, ein bisschen Abschmecken oder das Schneiden der Gurken für das Abendbrot für schöne Kochmomente. Ganz wichtig ist, dass Eltern den Kindern genug Zeit und Platz für das Ausprobieren lassen. Kochen mit Kindern braucht vor allem auch Geduld und Vertrauen und muss deshalb nicht jeden Tag stattfinden.

Wie wichtig ist gemeinsames Essen?

Linda von Glahn: Das Abendessen wird immer stärker zum wichtigsten Zusammentreffen der Familie im Alltag. Alle sitzen zusammen am Tisch, essen etwas und reden über ihren Tag. Außerdem gibt dem Kind ein immer gleicher Zeitpunkt des gemeinsamen Essens Sicherheit. Es kann sich auf das Ritual verlassen und muss sich vorher kein Essen sichern, sondern kann in Ruhe spielen. Man sollte aber aufpassen, dass man das Abendbrot als Ritual nicht überfrachtet. Deshalb sollte man in entspannter Atmosphäre essen, Streitthemen wie Noten oder Ärgernisse auf der Arbeit dafür besser auf später vertagen und allen ihr eigenes Tempo und den individuellen Hunger beim Essen zugestehen.

Matthias Riedl: Das stimmt – das Essen und die gemeinsame Zeit sollten im Fokus stehen. Übrigens bietet sich dabei auch die Chance für die Eltern, ein Vorbild für ihr Kind zu sein – indem sie zum Beispiel Gemüse essen oder den Geschmack von Essen thematisieren. Das weckt die Neugier und das Kind erlebt die Wichtigkeit und die Wertschätzung von Ernährung hautnah.

Wie hartnäckig muss man dabei sein? Oder anders gefragt, wie oft muss ich Paprika auf den Tisch stellen, bis mein Kind sich eine Meinung dazu gebildet hat?

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Matthias Riedl: Eltern brauchen einen langen Atem. 20- oder 30-mal muss man bestimmt Paprika und Co. auf den Tisch stellen oder auf die Butterstulle legen, bis das Kind sich dazu ein Urteil gebildet hat.

Linda von Glahn: Auch bei diesem Prozess ist die Vorbildfunktion sehr wichtig. Eltern sollten Gemüse nicht nur auf den Tisch stellen, sondern es auch selbst essen. Umso leichter fällt das natürlich mit Dingen, die die Eltern selbst lecker finden. Leider verlieren viele Erwachsene auf dem Weg oft die Geduld. Entweder geben sie ganz auf oder erzeugen zu großen Druck. Beides ist kontraproduktiv. Kinder brauchen einfach immer wieder Kontakt mit dem Lebensmittel, um sich mit dem Geschmack vertraut zu machen. Und dabei sollten sie auch die Chance bekommen, Gemüse zwar zu probieren, es aber auch für “nicht lecker” zu befinden.

Essen stärker in den Fokus rücken

Warum essen Kinder in der Kita gefühlt alles und zu Hause nur ausgewählte Sachen? Und gibt es einen Trick, den wir uns als Eltern abschauen könnten?

Linda von Glahn: Ich höre es immer wieder, dass Eltern versuchen, die Rezepte aus der Kita nachzukochen. Meistens ziemlich erfolglos. Dass Kinder in der Kita ganz andere Dinge essen als zu Hause, hat vor allem mit der Gruppe und dem Alltag dort zu tun. Sie orientieren sich ganz stark an ihren Erzieherinnen und den Altersgenossen und ahmen ihr Verhalten nach. Dazu gehört auch das Essen. Deshalb haben die Pädagoginnen wie die Eltern eine große Vorbildfunktion. In einer Fortbildung erzählte eine Pädagogin, dass in ihrer Kita wochenlang die Kartoffeln und Nudeln zurückgingen. Am Ende stellte sich heraus, dass eine Kollegin gerade auf einer Low-Carb-Diät war und sämtliche Kinder der Gruppe ihr Essverhalten imitierten.

Matthias Riedl: Das sehe ich ähnlich. In der Kita können sicher nicht (mehr) alle Versäumnisse aus dem Elternhaus ausgeglichen werden. Trotzdem haben die Pädagoginnen dort eine große Verantwortung. Sie müssen für ein gesundes Essen für die Kinder sorgen, sowohl zu den Hauptmahlzeiten als auch zu den Snackzeiten. Auch hier brauchen die Kinder eine möglichst vielfältige Auswahl an Obst, Gemüse oder Vollkornbrot. Gibt es aber am Nachmittag regelmäßig Süßigkeiten, entsteht schnell ein Gewohnheitsritual daraus. Plötzlich verlangen die Kinder immer nachmittags nach Süßigkeiten, und das ist absolut kontraproduktiv für eine gesunde Ernährung. Deshalb finde ich es wichtig, dass in Kindergärten Essen stärker in den Fokus rückt und auch dort gemeinsam mit den Kindern gekocht wird und immer neue Gemüsesorten probiert werden.

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Wie viel Sünde beim Essen ist erlaubt?

Linda von Glahn: Ich denke, generelle Verbote sind der falsche Weg. Auch Kinder haben das Recht, einen guten Umgang mit Süßigkeiten, Limonaden oder Fast Food zu lernen. Deshalb sollten Eltern sich Regeln oder feste Plätze im Alltag dafür überlegen – im besten Fall gemeinsam mit den Kindern. Regeln geben ihnen Sicherheit, und sie müssen nicht ständig um Süßigkeiten und Co. betteln. Das ist für alle Seiten unangenehm.

Matthias Riedl: Das sehe ich ähnlich. Süßigkeiten brauchen Regeln und Anlässe. Natürlich kann man niemandem Limonade, Schokolade oder Fast Food gänzlich verbieten. Aber es sollte eben in Maßen, am besten sogar die Ausnahme bleiben.

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