Kehrt mit der Impfung die Normalität zurück? Ein Besuch im Pflegeheim

Von ihrer Nichte hat die 87-jährige Siegrid Dreßler in Pandemie-Zeiten ein Smartphone bekommen. Seitdem nutzt sie es regelmäßig.

Von ihrer Nichte hat die 87-jährige Siegrid Dreßler in Pandemie-Zeiten ein Smartphone bekommen. Seitdem nutzt sie es regelmäßig.

Hamburg/Hannover. Als Hanni Arnold-Schröder „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ anstimmt, ist es so, wie es früher auch immer beim gemeinsamen Singen war: Die einen sind textsicher und machen lautstark mit, die anderen bleiben leise im Hintergrund, und wieder andere wippen lediglich vergnügt mit den Füßen im Takt. Manche haben Schwierigkeiten, ihr Schmunzeln zu verbergen, bis sich die letzte Strophe ihrem Ende zuneigt.

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In der Bibliothek des Hartwig-Hesse-Hauses, eines Pflegeheims im Hamburger Elbvorort Rissen, kehrt für einen Moment Stille ein. „Ich habe seit Jahren nicht mehr gesungen“, sagt Bewohnerin Karin Hoffmann, die zur Linken der Gruppenbetreuerin Arnold-Schröder sitzt. Sie lacht –, und es klingt wie befreit.

Es geht ja längst nicht nur ums Singen. Es geht darum, wieder Mensch unter Menschen zu sein. Ohne Angst voreinander, ohne Scheu, dem Gegenüber zu schaden. Diejenigen, die als Erste isoliert wurden, sind nun auch die Ersten, deren Alltag etwas unbeschwerter wird.

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90 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner im Pflegeheim sind geimpft

Das gilt für die 91‑Jährige genauso wie für die übrigen zehn Seniorinnen in der Runde; sie alle haben lange nicht mehr miteinander gesungen. Wo in dieser Woche nur noch die Sicherheitsabstände im Stuhlkreis an die Corona-Pandemie erinnern, galten in den vergangenen andert­halb Jahren deutlich strengere Regeln im Pflegeheim. Jetzt aber hängt der Mundschutz beim Singen am Rollator.

Die Impfquote in der Einrichtung ist hoch: 90 Prozent der 114 Bewohnerinnen und Bewohner sind zweifach geimpft, geschützt gegen das Coronavirus. Damit sind die Seniorinnen und Senioren viel weiter als der Rest der Gesellschaft. Nur etwa 8 Prozent der Deutschen sind laut Robert Koch-Institut (RKI) vollständig geimpft, darunter alle Freiwilligen der Priorisierungs­gruppe 1, zu der vorwiegend über 80‑Jährige zählen. Ähnlich hohe Impfraten wie das Hartwig-Hesse-Haus haben daher auch viele andere Pflege­einrichtungen in Deutschland, etwa die Altenheime der Diakonie. „Wir gehen von rund 90 Prozent aus“, sagt Heike Prestin, Referatsleiterin für Altenhilfe, Pflege und Hospiz vom Bundesverband der Diakonie. Der Impfmarathon im Januar und Februar hat sich gelohnt, meint auch die Leiterin des Hamburger Pflegeheims, Anke Kruse.

Anke Kruse arbeitet seit 30 Jahren im Hamburger Hartwig-Hesse-Haus. Seit 2009 leitet sie die Einrichtung.

Anke Kruse arbeitet seit 30 Jahren im Hamburger Hartwig-Hesse-Haus. Seit 2009 leitet sie die Einrichtung.

Ähnlich hohe Impfquoten, unterschiedliche Regeln

Doch ein vergleichbarer Impffortschritt bedeutet nicht zwangsläufig vergleichbare Bestimmungen für Pflegeheime. Anfang April haben die Bundesländer angekündigt, Lockerungen für Durchgeimpfte und Genesene zu ermöglichen. Doch in jedem Land gelten andere Regeln – und die gliedern sich noch weiter in regionale Vorgaben. Ob die Bewohner gemeinsam essen oder singen dürfen, richtet sich somit meist nach den Inzidenzwerten und deren Interpretation durch die Politik vor Ort – unabhängig von der Impfquote eines Heims.

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In Hessen etwa gilt noch die Einrichtungs­schutzverordnung. Für die Pflegeheime des Frankfurter Verbands, des größten Trägers sozialer Einrichtungen in Frankfurt, bedeutet das weiter strenge Regeln – trotz einer Impfrate von mehr als 92 Prozent. „Zusammenkünfte und Gruppen­angebote, gemeinsames Essen, all das ist nicht möglich – oder nach wie vor nur mit massiven Einschränkungen“, sagt Vorstand Frédéric Lauscher.

Durch mangelnde Gruppen­aktivitäten geht Lebensfreude verloren

Während Gruppen­aktivitäten wie Basteln oder Singen in Bundes­ländern wie Nordrhein-Westfalen oder Berlin seit Mitte März wieder möglich sind, verzichten Menschen in hessischen Pflege­heimen demnach weiter auf Aktivitäten, die „im Alter ohnehin begrenzt sind“. Dabei geht laut Lauscher oft das verloren, was sich die Menschen unbedingt bewahren wollen: Lebensfreude. „Wir versuchen da entgegenzuwirken“, sagt er. Doch das sei in der Praxis oft schwierig: „Wenn man sich nur in seinem Wohn­bereich bewegen und niemanden besuchen darf, sind das eben große Einschränkungen im Alltag.“

Der Verband versuche, Alternativen zu bieten. Doch mit kleineren Grüppchen zu arbeiten sei personal­intensiv. So kämen weniger Angebote bei den Pflege­bedürftigen an. „Die anhaltenden Einschränkungen nach den Impfungen verstehen weder die Pflege­kräfte, noch die Bewohnerinnen und Bewohner“, sagt Lauscher. Die unterschiedlichen Maßnahmen stoßen bei ihm auf Unverständnis.

„Warum meinen Landes­regierungen überhaupt, Pflegeheime noch so stark einschränken zu müssen?“, fragt Lauscher und hat gleich eine Antwort parat: „Es klagt halt keiner.“ Einer rechtlichen Prüfung hielten die hessischen Regeln seiner Meinung nach womöglich gar nicht stand. Doch wo kein Kläger, da kein Richter. Der Verbandsvorstand weiß selbst: „Diese Mühe nimmt in dem Alter niemand mehr auf sich.“ Also fügten sich die Menschen weiter ihrem Schicksal – und hofften, dass die Politik sie bald aus der auferlegten Einsamkeit entlässt. Viel Zeit bleibt nicht. „Die Leute haben ja keine 30 Jahre mehr vor sich.“

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Wer kann, versucht aus dieser schwierigen Zeit das Beste zu machen. Im Hartwig-Hesse-Haus ist das offenbar gelungen. Manchen scheint die Gelassenheit des Alters, die Fähigkeit, das Unabänderliche zu akzeptieren, zu helfen.

Der Luxus einer netten Geste

Die 91‑jährige Karin Hoffmann etwa wirkt nicht verbittert, wenn sie an ihr Leben in der Pandemie denkt: „Die einzige wirkliche Einschränkung für mich war, dass wir unser Essen aufs Zimmer kriegten.“ Immer allein essen, morgens, mittags, abends, das kann sehr langweilig sein. Was früher selbstverständlich war, wirkt nach dieser Zeit wie ein kleiner Luxus: die zuvorkommende Geste, mit der ihre Mitbewohnerin Siegrid Dreßler ihr eine Tasse Tee einschenkt.

Siegrid Dreßler und Karin Hoffmann sind Bewohnerinnen des Altersheims der Hartwig-Hesse-Stiftung in Hamburg-Rissen. Die beiden sind freundschaftlich verbunden.

Siegrid Dreßler und Karin Hoffmann sind Bewohnerinnen des Altersheims der Hartwig-Hesse-Stiftung in Hamburg-Rissen. Die beiden sind freundschaftlich verbunden.

Vieles versuchte das Heim zu kompensieren: Im Festsaal gab es Gymnastik­kurse, die Seniorinnen organisierten ihre eigenen Spiele­nachmittage – mit Scrabble und Abstand. Ein Angestellter ging regelmäßig zum Einkaufen: „Wir konnten ihm einen Zettel mitgeben, das hat bestens geklappt.“

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Je länger die beiden Damen bei Tee und Gebäck darüber nachdenken, was sie in der Pandemie vermissen, desto mehr kommt ihnen in den Sinn. „Ich war vorher viel unterwegs“, sagt Hoffmann. „Hatte auch ein Abonnement fürs Ballett.“ Im Pflegeheim selbst machte sich plötzlich bemerkbar, dass Alltäglichkeiten wegfielen. Die 87‑jährige Dreßler erinnert sich: „Fußpflege! Das war für viele ein Thema. Und Friseure fehlten auch.“ Eigentlich gibt es im Hartwig-Hesse-Haus einen eigenen Salon – doch auch der musste schließen. Einrichtungs­leiterin Anke Kruse bestätigt: „Als wir ihn wieder öffnen durften – das war echt ein Highlight.“ Schließlich sei ein gepflegtes Äußeres auch im Alter wichtig für das Wohlbefinden.

In der Pandemie legten sich Seniorinnen und Senioren Smart­phones zu

Zum Wohlbefinden trug auch bei, dass sich die Seniorinnen und Senioren – wie das ganze Land – für ausgiebige Spaziergänge begeisterten. Karin Hoffmann weiß, wie gut es ihr geht: „Wir haben einen herrlichen Garten mit wunderbaren Rosen und Rasen­flächen.“ Diese Möglichkeiten wecken sportlichen Kampf­geist. „Also ich hab immer meine Runden gezählt“, betont Siegrid Dreßler und ergänzt stolz: „Und hab’ festgestellt, dass ich dann etliche Kilometer am Tag gelaufen bin.“ Ihre Mitbewohnerin legt den Kopf leicht schräg und rechnet nach: „Eine ganze Runde, mit allen Nebenwegen und Ausbuchtungen, ist immerhin anderthalb Kilometer lang. Wenn Sie dann dreimal so eine Runde gehen … da kommt schon etwas zusammen.“

Die beiden Damen wissen jedenfalls genau, wie viel sie täglich unterwegs waren – sie nutzen die Schritt­zähler ihrer Smart­phones. Auch das hat die Pandemie gebracht: „Teilweise sind die Bewohnerinnen und Bewohner jetzt schon richtige Profis geworden“, beobachtet Heimleiterin Kruse. Immerhin seien Whatsapp, Anrufe und Video­telefonie lange Zeit die einzige Möglichkeit gewesen, Kontakt mit der Welt außerhalb zu halten.

Morgendliche Konversationsrunde im Altersheim der Hartwig-Hesse-Stiftung in Hamburg-Rissen.

Eine morgendliche Konversations- und Gesangsrunde im Altersheim der Hartwig-Hesse-Stiftung in Hamburg-Rissen. In der Einrichtung sind Gruppenaktivitäten wieder möglich.

Diakonie-Expertin hält Lockerungen für zu früh: „Pflegeheime sind keine Inseln“

Nun haben Hoffmann und Dreßler wieder mehr Optionen – dank der Impfung. Doch verschwindet damit auch die Sorge vor einer Infektion? „Trotz Impfung haben alle eigentlich immer noch Abstand gehalten und die Maske getragen“, sagt Hoffmann. „Es lief so weiter wie vorher auch.“ Das sieht ihre Mitbewohnerin anders: „Aber Frau Hoffmann, wenn ich zum Beispiel zum Arzt muss und ein öffentliches Verkehrs­mittel benutze, fühle ich mich schon sicherer.“ Allzu viele Sorgen wolle Siegrid Dreßler sich ohnehin nicht machen. „Es ist, wie es ist, ich kann es nicht ändern.“

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Eine Einstellung, die gerade in diesen Tagen nicht schadet. Doch wo noch strengere Regeln gelten, fällt es vielen schwer, so zu denken. „Die Stimmung in den diakonischen Einrichtungen ist ungeduldig“, sagt Prestin. „Viele möchten zur Normalität zurückkehren.“ Trotzdem spricht sich die Diakonie-Referats­leiterin vorläufig für die strengeren Regeln aus. „Pflegeheime sind keine Inseln“, sagt sie. „Wir brauchen zuerst eine ernst zu nehmende Impf­quote in ganz Deutschland.“

Geimpft, aber infektiös: Schutz auch für Besucherinnen und Besucher

Denn wer schon eine Spritze gegen Covid-19 bekommen hat, ist zwar schon ganz gut geschützt. Eine geringe Wahrscheinlichkeit für eine Infektion mit dem Coronavirus bleibt nach aktuellen Studien aber. „Deshalb ist es nicht vernünftig, die Einrichtungen jetzt aufzumachen, sondern auch darauf zu achten, dass man Besucherinnen und Besucher weiter schützt“, meint Prestin.

Das Kanzleramt plant, deutschlandweit einheitliche Regeln für Geimpfte zu finden. Nur: Die Alten- und Pflegeheime sind in den Plänen nicht eingeschlossen. Da bleibt es bei der Zweiklassen­gesellschaft: Bei den einen wird wieder gemeinsam gesungen und gegessen – anderen bleiben die kleinen Freiheiten weiter vorenthalten. Auch wenn vielen von ihnen nicht mehr allzu viel Zeit bleibt, diese Freiheiten zu genießen.

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