„Mehr Mut angesagt“: Mediziner debattieren über Corona-Impfungen für Kinder und Jugendliche

Der Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer könnte bald für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen werden.

Der Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer könnte bald für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen werden.

Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder haben am vergangenen Donnerstag beschlossen, dass ab dem 7. Juni auch Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren mit dem Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft werden können. Die Europäische Arzneimittel-Agentur und die EU-Kommission haben inzwischen grünes Licht für das Vakzin gegeben.

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Wegen der geringen Datenlage hält die Ständige Impfkommission (Stiko) jedoch weiterhin daran fest, keine allgemeine Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche auszusprechen. Die Stiko habe in der Tat Probleme damit, alle Kinder zu impfen, nicht nur die Kinder mit Vorerkrankungen, sagte der Vorsitzende des Expertengremiums, Thomas Mertens, am Donnerstagabend dem SWR. „Dazu muss geklärt sein, welchen gesundheitlichen Nutzen die Kinder selber von einer Impfung haben.“ In den Zulassungsstudien seien nur 1100 Kinder geimpft worden, die lediglich zwei Monate nachbeobachtet worden seien. Es gebe einen Bedarf an zusätzlichen Daten, sagte Mertens. Wie immer werde die Stiko ihre Empfehlung anpassen, wenn entsprechende Daten vorlägen.

Ärztepräsident Reinhardt: Keinen Druck auf Eltern beim Impfen aufbauen

Unterstützung bekommt der Stiko-Chef von Ärztepräsident Klaus Reinhardt. „Die Datenlage zu Risiken und Nutzen einer möglichen Corona-Impfung bei Kindern und Jugendlichen ist derzeit noch so unzureichend, dass man keine Empfehlung abgeben kann“, sagte er der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ (Freitag). Gleichzeitig warnte Reinhardt: „Es sollte jetzt auch kein politischer und gesellschaftlicher Druck ausgeübt werden, Eltern zur Impfung ihrer Kinder zu drängen. Schon gar nicht darf die Teilnahme am Präsenzunterricht von einer Impfung abhängig gemacht werden. Dies wäre nichts anderes als eine Corona-Impfpflicht durch die Hintertür.“

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Auch Intensivmediziner sehen eine Impfung junger Menschen skeptisch, aber aus anderen Gründen: „Kinder erkranken häufig asymptomatisch oder im Verlauf harmlos und haben deshalb derzeit bei knappen Impfstoffkapazitäten keine dringliche Indikation für eine Impfung“, sagte der Generalsekretär der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Florian Hoffmann, den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Freitag). „Im Sinne der Intensivbettenkapazitäten haben erwachsene Patienten bei der Impfung also weiterhin höchste Priorität, da diese ein relevantes Risiko eines intensivpflichtigen Verlaufs haben.“

Infektiologe Wendtner: Corona-Impfstoffe „insgesamt sehr, sehr sicher“

Der Münchner Infektiologe Clemens Wendtner wirbt hingegen für die Corona-Impfungen von Kindern und Jugendlichen. „Ich glaube, da wäre ein bisschen mehr Mut angesagt“, sagte der Chefarzt der München Klinik Schwabing der „Augsburger Allgemeinen“ (Freitag). „Man hat gelernt, dass die neuen Varianten auch bei Kindern grassieren.“ Zudem gebe es auch bei Kindern schwere Erkrankungsbilder.

Der Münchner Chefarzt hatte Anfang 2020 die ersten Corona-Patienten in Deutschland behandelt. Er sagte, dass eine Impfkampagne für Kinder auch für den sicheren Unterricht an den Schulen sinnvoll sei. Die Impfstoffe seien „insgesamt sehr, sehr sicher“, betonte Wendtner. „Bei Kindern sollte man dann auf die Impfstoffe bauen, bei denen von sehr wenigen Komplikationen wie etwa Hirnvenenthrombosen berichtet wurde.“ Bei sehr jungen Kindern sollte es nach Ansicht des Chefarztes aber noch mehr Studiendaten geben, ehe eine Impfkampagne auch für diese Zielgruppe gestartet werde.

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Umfrage: Hälfte der Eltern würde Kinder gegen Corona impfen lassen

Rund die Hälfte der Familien in Deutschland will ihre Kinder voraussichtlich gegen das Coronavirus impfen lassen, sobald dies möglich ist. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der „Augsburger Allgemeinen“ (Freitag) hervor. Demnach sind 51 Prozent der Befragten, bei denen Kinder im Haushalt leben, für eine Impfung des Nachwuchses, 40 Prozent der Erziehungsberechtigten lehnen die Schutzimpfung für die Kinder dagegen derzeit ab. Der Rest äußerte sich unentschieden.

In der Umfrage wurde nicht nach dem Alter der Kinder differenziert, sondern grundsätzlich nach der Impfbereitschaft von Eltern gefragt. 37 Prozent der Befragten gaben an, ihre Kinder „auf jeden Fall“ impfen lassen zu wollen, weitere 14 Prozent antworteten mit „eher ja“. Ein Drittel erklärte, dies „auf keinen Fall“ zu tun. 47 Prozent der Frauen lehnen demnach eine Impfung für ihren Nachwuchs ab, bei den Männern sind es 35 Prozent.

Ein Unterschied zeigt sich auch zwischen Ost und West: Demnach überwiegt bei ostdeutschen Familien mit 53 Prozent die Ablehnung, im Westen will mit 54 Prozent die Mehrheit die eigenen Kinder impfen lassen.

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RND/dpa/lb

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