Virologe Drosten zu Corona-Zahlen: Wir befinden uns nicht im Blindflug

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin.

Der Chefvirologe der Berliner Charité, Christian Drosten, schätzt die Aussagekraft der aktuellen Corona-Zahlen weniger schlecht ein, als viele Expertinnen und Experten befürchten. Das sagte der 49‑Jährige am Dienstag in der neuen Folge des NDR-Podcasts „Coronavirus Update“. Grundsätzlich befänden wir uns nicht in einem Blindflug, sagt Drosten, auch wenn die Zahlen über die Feiertage unvollständig oder gar nicht gemeldet wurden. Denn ein Anstieg der Infektionslage sei auch bei den aktuellen Datenlücken erkennbar.

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Der Virologe schätzt die Verdopplungszeit der Fallzahlen in Deutschland derzeit auf vier Tage. „Entscheidend beim Starren auf die Zahlen“ sei allerdings, was man daraus ableite.

Dreifach-Impfung macht den Unterschied

So hätten sich Inzidenz und das Aufkommen schwerer Fälle auf Intensivstationen schon mit Ende der Delta-Welle im Dezember „zunehmend entkoppelt“. Das setzte sich auch mit Omikron fort. Grund dafür ist laut Drosten die Booster-Impfung. „Was richtig schützt gegen Omikron ist die Dreifach-Impfung“, sagte der Wissenschaftler von der Berliner Charité. Insgesamt haben sich in Deutschland laut Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) bereits 39,3 Prozent der Bevölkerung eine Auffrischimpfung geholt.

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Auch eine dänische Studie aus dem Dezember zeige, wie wichtig Booster-Impfungen seien. Erst die dritte Impfdosis senke demnach das Risiko, sich mit Omikron anzustecken, signifikant, erklärte Drosten. Die doppelte Impfung trage wahrscheinlich weniger zur Verbreitungskontrolle bei. „Da sind wir ziemlich ungeschützt gegen Omikron und die Dreifach-Impfung, die macht den Unterschied.“

Drosten erklärte im Podcast außerdem, dass die Omikron-Zahlen in Deutschland im Vergleich grundsätzlich langsamer steigen als etwa in England und Dänemark. Dort seien die Sterbezahlen schon während der Delta-Variante aufgrund der Booster-Impfungen so gesunken, dass man den Eindruck gewonnen habe, man müsse nichts mehr tun. „Dann kam Omikron in die Situation mit offenen Pubs und Schulen.“

„Bei uns war das anders. Die Intensivstationen wurden immer voller, und es gab regionale Beschlüsse in den Ländern, die wir durchaus vor einem Jahr noch als Lockdown bezeichnet hätten. So ist die Infektion stark reduziert worden. In diese Situation kam Omikron nach Deutschland“, erklärt Drosten. Und weiter: „Wir sind noch unter einem 50-Prozent-Omikron-Anteil in den Bundesländern.“

Angesichts der raschen Ausbreitung von Omikron prognostizierte der Virologe, die Variante werde nun zügig „das Geschäft übernehmen“ und Ende Januar auch in Deutschland dominieren.

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Dass in Deutschland im Gegensatz zu England und Dänemark noch immer Maßnahmen in Kraft sind, ist laut Drosten der Grund für die langsamer steigenden Omikron-Zahlen hierzulande.

Weiter Unsicherheiten bei Omikron

Allerdings gebe es weiterhin Unsicherheiten in Sachen Omikron, so Drosten, der dabei auf die unterschiedliche Altersverteilung bei Omikron und Delta verweist. Mit Delta infizieren sich junge und alte Menschen. Von Omikron sind eher „Menschen mittleren Alters“ betroffen, erklärt der Virologe.

Zudem zitiert Drosten aus einer Studie des Imperial College London. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass bei einer Omikron-Infektion das Risiko ins Krankenhaus zu müssen, insgesamt bis zu 30 Prozent geringer ist als bei einer Ansteckung mit der Delta-Variante. Bei Menschen mit Booster sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Hospitalisierung hingegen um 63 Prozent. „Was also richtig schützt gegen Omikron, ist eine Dreifach-Impfung“, bilanziert Drosten.

Angesichts von etwa drei Millionen Ungeimpften allein bei den über 60-Jährigen in Deutschland geht der Wissenschaftler dennoch davon aus, dass es in dieser Gruppe aufgrund der hohen Infektiosität von Omikron zwangsläufig Infektionen und Erkrankungen mit unterschiedlichen Verläufen geben wird. Zudem stammten die Daten aus Großbritannien aus einer frühen Phase der Welle. „Es wäre voreilig, aufgrund der Beobachtungen aus England zu sagen: Ist alles halb so schlimm“, erklärt der Virologe im Podcast.

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Der 49-Jährige appellierte außerdem an junge Menschen, die Omikron-Variante ernst zu nehmen. Auch ein milder Verlauf von Covid könne die Lunge mehr schädigen als etliche Zigaretten.

Infektionsgeschehen moderieren

Am Freitag wollen Kanzler Olaf Scholz (SPD) und die Ministerpräsidenten der Länder erstmals im neuen Jahr über den weiteren Corona-Kurs beraten. Dabei soll es auch um eine mögliche Änderung von Quarantäne-Regelungen gehen. Im Gespräch sind kürzere Zeiten insbesondere für Beschäftigte wichtiger Versorgungsbereiche, um zu viele Personalausfälle zu vermeiden. Drosten sagte, diese Verkürzung sei eine wichtige Überlegung. Bei einer großen Dynamik der Omikron-Welle werde man schließlich viele Arbeitskräfte verlieren, was „ein großer gesellschaftlicher Schaden“ wäre.

Mit Blick auf die nächsten Wochen und Monate sagte Drosten: „Wir werden ganz sicher auch eine steile Welle sehen, aber ich glaube, wir sind insgesamt auf einem Weg, so sagen wir mal Richtung Ostern, wo wir viele Möglichkeiten noch haben, viele Karten, die wir noch ziehen können.“ Man müsse das Infektionsgeschehen moderieren und an den richtigen Stellen nachsteuern, forderte er.

mit dpa

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