Wegen unzureichender Datenlage

Stiko empfiehlt nur Kleinkindern mit Vorerkrankungen eine Corona-Impfung

Ein Kinderarzt verabreicht einem Kleinkind eine Impfung.

Ein Kinderarzt verabreicht einem Kleinkind eine Impfung.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat erstmals eine Corona-Impfempfehlung für Kleinkinder ausgesprochen. Diese beschränkt sich auf Kinder im Alter zwischen sechs Monaten und fünf Jahren, die unter Vorerkrankungen wie Trisomie 21, chronischen Herz- und Lungenerkrankungen oder einer angeborenen Immunschwäche leiden. Sie haben dadurch ein erhöhtes Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken. Auch Frühgeburten zählen zu den gelisteten Risikofaktoren.

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Von einer generellen Impfempfehlung für Kleinkinder sieht das Expertengremium ab. „Aber wir hatten immer Öffnungsklauseln in den Empfehlungen“, stellte Martin Terhardt, Stiko-Mitglied und Kinder- und Jugendarzt in Berlin, am Mittwoch klar. „Wenn es Eltern gibt, die diese Impfung unbedingt möchten für ihre gesunden Kinder, gibt es für den betreuenden Arzt oder die betreuende Ärztin keinen Grund, nein zu sagen – auch aus juristischer Sicht.“

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Geimpft werden sollen Kleinkinder vorrangig mit dem Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer. Sie sollen drei Impfdosen mit je drei Mikrogramm im zeitlichen Abstand von mindestens drei bis acht Wochen erhalten. Kinder ab sechs Monaten, die sich bereits mit dem Coronavirus infiziert haben, sollen nur zwei Dosen verabreicht bekommen.

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Warum es keine Empfehlung für alle Kleinkinder gibt

Dass sich die Stiko gegen eine generelle Impfempfehlung für Kleinkinder entschieden hat, begründet sie mit einer unzureichenden Datenlage. „Aus den Zulassungsstudien wissen wir, dass die Verträglichkeit gut ist, sogar ein kleines bisschen besser als bei den anderen Altersgruppen“, sagte Terhardt. „Aber zu selteneren Ereignissen wissen wir naturgemäß aus den Zulassungsstudien noch nichts.“ Dafür sei die Zahl der Kleinkinder, die an den Studien teilgenommen hatten, zu klein gewesen. Berücksichtigt werden müsse auch, dass das Immunsystem von den Kindern noch nicht vollständig entwickelt ist. „Sie müssen wirklich noch mit anderen Augen betrachtet werden, weil sich das alles noch verändert.“

Auch seien schwere Krankheitsverläufe bei gesunden Kleinkindern „sehr selten“. Infektionen würden meist mild bis asymptomatisch verlaufen.

Risiko für PIMS gesunken

Ein weiteres Entscheidungskriterium der Stiko war das Risiko für Long Covid. Eine Studie der Technischen Universität Dresden hatte jüngst gezeigt, dass die Corona-Spätfolgen in allen Altersgruppen gleichermaßen auftreten können. Das heißt, auch Kinder und Jugendliche können langanhaltende Beschwerden wie Müdigkeit, Geruchs- und Geschmacksstörungen oder Kopfschmerzen entwickeln – wohl aber seltener als Erwachsene. Bei Kleinkindern sei das Long-Covid-Risiko jedoch schwer abzuschätzen, sagte Terhardt. Auch, weil sie bekannterweise Symptome nicht mündlich mitteilen oder, wie Erwachsene, Fragebögen zu ihren Beschwerden ausfüllen könnten.

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Eine wesentlich geringere Rolle spielt mittlerweile hingegen PIMS, das Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome. Das Entzündungssyndrom tritt im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion bei Jüngeren auf. Unter der aktuell dominierenden Virusvariante Omikron seien Fälle „deutlich zurückgegangen“, erklärte Kinderarzt Terhardt. „Und auch die Kinderkliniken wissen jetzt viel besser damit umzugehen.“

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Drittschutz durch Corona-Impfungen „relativiert“

Außerdem hat die Stiko ihre Impfempfehlung für die Fünf- bis Elfjährigen noch einmal aktualisiert. Darin hieß es bis zuletzt, dass auch Kindern, in deren Umfeld sich Kontaktpersonen mit hohem Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf befinden, eine Corona-Impfung empfohlen werde. Das habe man nun „relativiert“, sagte Stiko-Chef Thomas Mertens. „Einfach deshalb, weil die Daten doch deutlich zeigen, dass der Schutz vor Infektionen und damit letztlich auch der Schutz vor der Weitergabe des Virus zeitlich sehr begrenzt und auch nicht sicher ist.“

Das heißt: Kinder zu impfen, um damit Dritte vor schweren Krankheitsverläufen zu schützen, wird zu einer Einzelfallentscheidung. „Wir lassen das weiter offen, dass man im ärztlichen Gespräch entscheidet, ob man Kinder, die ansonsten keine Empfehlung haben, trotzdem impft, um die Umgebung zu schützen“, pflichtete Terhardt bei. „Aber dieser Schutz ist geringer geworden, als wir vorher uns gewünscht hatten.“

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An der Empfehlung, dass gesunde Fünf- bis Elfjährige nur eine einzelne Impfdosis erhalten, ändert sich wiederum nichts. Die Stiko geht davon aus, dass mindestens 90 Prozent der Kinder in diesen Altersgruppen mindestens eine Corona-Infektion hatten. Durch eine zusätzliche Impfung könne der Basisschutz verbessert werden. „Aber wir haben keine Notwendigkeit gesehen, diese Empfehlung jetzt zu verändern und eine zusätzliche Impfung noch zu empfehlen“, machte Kinderarzt Terhardt deutlich.

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