Neues Album „Gelb ist das Feld“

Die Band Bilderbuch ist im Sog der Gefühle

Die Band Bilderbuch

Die Band Bilderbuch

Hannover/Wien. Selten sah weichgezeichnete Erotik wohl besser aus als im unfassbar kitschigen und doch grandios anregenden Kinohit „Die blaue Lagune“ aus dem Jahr 1980. Es geht in dem Film um zwei sehr junge, sehr schöne Menschen, die durch irgendeinen dummen Zufall auf einer Südseeinsel stranden. Sie kabbeln sich erst ein bisschen, richten sich dann aber schnell häuslich auf ihrem paradiesischen Eiland ein. Da es sehr warm ist im Pazifik, sind beide so gut wie die ganze Zeit nackt und baden ständig in irgendwelchen Buchten, wobei es über kurz oder lang zu Gefummel und schließlich auch zu Geschlechtsverkehr kommt. Das Mädchen wird gespielt von Brooke Shields, die mit dem Film zum Weltstar wurde.

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„Isolation für uns zwei / Alle Tage sind so washed out / Zeig mir deine Perle, ich tauche tief / Kein Rush, keine Hurry, nur Intimacy“ – diese auch nicht ganz kitsch- und jugendfreien Zeilen stammen weder von Brooke Shields noch von ihrem jugendlichen Lover, gespielt von Christopher Atkins. Sondern von Maurice Ernst, dem freilich kaum minder attraktiven Sänger der österreichischen Band Bilderbuch. „Daydrinking“ heißt der Song dazu, und er wurde bereits vor geraumer Zeit zusammen mit einem weiteren traumseligen Lied als Single veröffentlicht, nämlich mit „Nahuel Huapi“. Darin singt der 33 Jahre alte Ernst: „Du und ich nackt im Nahuel Huapi / Schon sehr kalt, Baby, I can tell / Sterne über uns machen uns happy / Nur du und ich und der Rest der Welt“. Und so geht es eigentlich die ganze Zeit weiter auf dem siebten Album der Band Bilderbuch aus Wien.

„Gelb ist das Feld“ ist eine Songsammlung über die Liebe und über das Liebemachen. Die Platte ist wie eine Picknickdecke, ausgebreitet an einem versteckten Plätzchen irgendwo am Wasser, auf der sich zwei (oder auch mehr, die Musiker sehen das bestimmt nicht so eng) einander zugeneigte Menschen auf dösige, aber doch zielstrebige Art sehr nah kommen. „Der Trick gegen Einsamkeit / Ich nehme deinen Schweiß“, erotisiert Maurice Ernst etwa in „Baby, dass du es weißt“.

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Die Lyrics haben etwas erfrischend Freies, ja Freizügiges, Kokettes, ohne dabei ordinär oder unangenehm übergriffig zu wirken. Man lässt sich von den vier Burschen – neben Sänger Maurice Ernst sind dies Gitarrist Michael Krammer, Bassist Peter Horazdovsky und Schlagzeuger Philipp Scheibl – tatsächlich gern mitreißen in diesen frühsommerlichen Sog der Gefühle, der verträumt-schläfrigen Stimmung und der Zärtlichkeit. Das ist Eskapismus der besten Art, wie immer in bewährter Falco-Tradition in einer Mischsprache aus Deutsch und Englisch vorgetragen.

Die Schwere unserer postpandemischen und kriegserschütterten bis traumatisierenden Wirklichkeit bleibt für die Dauer dieses Albums einfach mal außen vor. Mehr Realität als „Meine Welt ist in a shake / Diese Welt ist in a change“ (aus „I‘m Not Gonna Lie“) lassen Bilderbuch nicht rein. Und selbst „Klima“ handelt nicht von der Weltkrise, sondern von der Großwetterlage in einer Liebesbeziehung.

Dass die Gefühlswelt der neuen Stücke so sehr an duftende Pfingstrosen und Sex im hohen Gras erinnert, dass die Melodien nicht nur perlen wie Prosecco, sondern auch kitzeln wie eine Ameise, die den Rücken heraufläuft, das alles hat auch damit zu tun, dass die Stücke in der Pampa entstanden sind – und zwar der echten, nicht der sprichwörtlichen. Die Städter wählten die kreative Landflucht. Im Februar 2020 begab sich die Band für zwei Wochen in eine Berghütte nach Patagonien im nördlichen Argentinien, die Instrumente hatte man mitgenommen und teilweise auf der Terrasse aufgebaut. Der nahe gelegene fjordähnliche Gletschersee, eben der Nahuel Huapi, war immer für ein erfrischendes Bad zu haben.

Natürlich hätte man auch gern mit Bilderbuch über ihre Abenteuer, die musikalischen wie auch alle anderen, gesprochen, aber da war dieses Mal nichts zu machen. Keine Interviews, die Musik solle strikt für sich sprechen, so ließ die Band verlauten.

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Interessanterweise ist die Musik im Gegensatz zum inhaltlichen Softboy-Sex-Appeal („Nichts ist falsch und alles ist wahr / La-la-la-la / Liebe ist just fiction, nur Fantasie / We must believe“, heißt es etwa in „Bergauf“) kerniger als zuletzt, dabei aber noch immer hinreichend verspielt und spielerisch. Die Haare der Jungs sind merklich länger, die Hemden weniger feinseidig, sondern mit gröberem Karo, die Gitarren etwas lauter und die Hip-Hop-Elemente, die auf dem Durchbruchsalbum „Schick Schock“ zu hören waren, weitestgehend getilgt. Seinerzeit, 2015, gelang der zehn Jahre vorher im oberösterreichischem Kremsmünster als Schülerband gegründeten und zunächst eher an Indierock aus der Abteilung Arctic Monkeys angelehnten Gruppe nicht nur der Durchbruch, sondern ein wahrer Geniestreich.

Wirklich coole Songs wie „Maschin“ und „Spliff“ haben sich ihren Charme bis heute erhalten, Bilderbuch gilt seither als Band des guten Geschmacks. Ein weiteres Verdienst von Maurice Ernst und Kollegen: Praktisch zeitgleich mit den lederjackigeren und italoaffinen Wanda (deren supereingängige neue Single „Rocking In Wien“ viel stärker ist als ihr Titel) sowie mit Seiler & Speer haben sie eine – bis heute anhaltende – neue, fruchtbare Phase des österreichischen Rock und Pop eingeläutet. Und sie schaffen es, nicht fad zu werden, wie die Österreicher sagen. „Magic Life“ (2017) war prallster Pop, und der 2018/2019-Doppelschlag „mea culpa“ / “Vernissage My Heart“ an Varianz und Opulenz kaum zu überbieten.

Auf „Gelb ist das Feld“ hat man sich jetzt nicht nur von den Beatles in ihrer späten, der indischen Phase inspirieren lassen (was insbesondere in „I‘m Not Gonna Lie“ deutlich wird), sondern auch, etwas überraschend, vom polierten Achtzigerjahrepop von Bands wie Bronski Beat. Auch ein Sting schimmert hin und wieder durch. „Baby, dass du es weißt“ oder „Gelb ist das Feld“ lassen Erinnerungen wach werden an Soundtracks von Tom-Cruise-Filmen, wie zum Beispiel an das von Giorgio Moroder verantwortete und von der Band Berlin gesungene „Take My Breath Away“ (1986) aus „Top Gun“.

Da dieser Sound aktuell nicht nur von Bilderbuch interpretiert wird, ist man hier und da auch nicht sehr weit weg von Megapopulärkünstlern wie The Weeknd. Auch Bilderbuch mag also schon mal innovativer geklungen haben. Geht es jedoch ums gekonnte Herauskitzeln von guten bis sehr guten Gefühlen, schlägt auch „Gelb ist das Feld“ die Konkurrenz um Längen. „Wenn ich sterbe, dann an Liebe-Overdose“, singt Maurice Ernst dann noch in „Schwarzes Karma“, einem Song übers Vermissen. Es wäre wohl der einzig denkbare Tod für diesen monumental romantischen Mann.

Das Album „Gelb ist das Feld“ von Bilderbuch ist gerade bei Maschin/Universal erschienen.

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