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Philosoph im Bademantel

Olli Dittrich als Dittsche: Ein großer Humanist als Komiker

Für alles eine Theorie: Dittsche im Theater am Aegi.

Bidde! Bidde!: Dittsche hat mal wieder eine Weltidee.

Vor 70 Jahren erblickte der größte Erfinder der Welt das Licht der Erde. Nun ja, genau genommen ist es das Licht Entenhausens und Daniel Düsentriebs Ideen sind nur bedingt im realen Leben zu gebrauchen. Ganz ähnlich ist es da mit den Einfällen eines anderen großen Erfinders unserer Zeit: Dittsche.

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Dittsche ist wohl der einer der bedeutendsten Hirnartisten auf dem Gebiet der theoretischen Erfindungen. Was dem Hamburger Grillphilosophen so alles im Kopf herumschwirrt, klingt zumindest für ihn oft gut, hat aber zumeist eher ungute Folgen. Für Dittsche ist es zum Beispiel eine gute Idee – „eine reine Weltidee“, wie er zu sagen pflegt –, jeweils ein Loch durch zwei Korken zu bohren, und dann zwei Strohhalme durch die Öffnungen zu schieben. Wenn sich dann sein Nachbar Herr Karger die Strohhalme in die Nasenlöcher steckt, wird die Atemluft nach unten abgeleitet, so dass die Brille trotz Corona-Maske nicht beschlägt. Reine Weltidee!

Olli Dittrich verkörpert Dittsche seit mehr als 30 Jahren

Oder: Als Dittsche es seiner damaligen Freundin muggelig (also gemütlich) machen will, baut er in reiner Eigenarbeit eine Teppichheizung aus Elektrokabeln und Alufolie. Eine reine Weltidee, theoretisch. Praktisch: Wohnungsbrand.

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Der Komiker Olli Dittrich verkörpert den Bademantel, Aldi-Tüten und Schumiletten tragenden Lebenstragiker nun seit mehr als 30 Jahren. Der 65-Jährige bezeichnet Dittsche als sein ältestes Alter Ego. Die beiden sind mehr als nur Schauspieler und Rolle, sie sind zwei Seiten einer Medaille.

Dittsche ist Imbissphilosoph und sein Hörsaal und Denkraum ist normalerweise die Eppendorfer Grillstation, wo er mit dem Kneipenwirt Ingo und dem Dauergast Krötensohn zwei mehr oder weniger willige Zuhörer seiner Vorträge findet. Nun aber hat sich der Meistervertreter dieser Hamburger Denkschule (oder als Imbissphilosoph eher der Hamburger-Denkschule?) auf Tour über Deutschlands Bühnen begeben und hat nach fast 20 Auftritten halt am Berliner Ensemble gemacht. Am heutigen Montag endet Olli Dittrichs Dittsche-Deutschlandreise in Bochum.

Drei Stunden Ablenkung vom irrsinnigen Alltag

Wenn Dittrich und Dittsche zwei Seiten einer Medaille sind, dann ist es eine Goldmedaille, so viel kann man nach dem Abend im BE sagen. Der Abend ist Gold wert in unseren Zeiten des Krieges, von Flucht und Vertreibung, von Mord und Diktatur. Für knapp drei Stunden vergessen die Zuschauer und Zuschauerinnen im altehrwürdigen Brecht-Theater den Alltag mit all seinen schrecklichen Nachrichten, irrsinnigen Äußerungen und fast täglichen Zeitenwenden. Oder wie es Olli Dittrich am Ende seines Auftritts ausdrückt: „Es sind schlimme Zeiten. Aber zwischendurch muss man auch mal lachen, um den ganzen Mist zu vergessen.“

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Ganz allein steht Dittsche in den drei Stunden vor diesen Sätzen auf der Bühne. Kein Ingo, kein Nachbar Herr Karger, kein Freund und Gemüsehändler Giovanni, kein Krötensohn. Und doch sind alle da, weil Dittsche von ihnen erzählt. Auch an Kröte erinnert er, der lange Zeit in der Eppendorfer Grillstation auf dem Barhocker bei Bier, Bier und Bier seinen Feierabend genoss. Die Erinnerung an Franz Jarnach, der Schildkröte bis zu seinem Tod 2017 spielte, ging Dittrich sichtbar nah.

Der fleißige Pfandsammler und noch fleißigere Biertrinker („Das perlt!“) hat für alles eine Erklärung. Es ist ein Wunder, quasi ein reines Weltwunder, was da in Dittsches Imbissphilosophie alles sein – nun, ja – Fett abbekommt und welche Welträtsel durch Dittsche quasi ganz nebenbei gelöst werden. Trump zum Beispiel. Wir erinnern uns: Der US-Präsident wollte der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel im März 2017 bei deren Besuch in Washington nicht die Hand geben. „Ist noch bekannt, oder?“, fragt Dittsche vorsichtshalber noch mal nach. Es lag, um es kurz zu machen, an Merkels Schuhen (die Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haselhoff für ein Museum in seinem Bundesland besorgen soll, so fängt das ja schon mal an). Merkel, so nimmt Dittsche an, trägt Schuhe mit Gummisohle. Und als die Kanzlerin mit denen über den roten Washingtoner Teppich gegangen ist, hat sie sich „statistisch aufgeladen“.

Mit Fremdwörtern hat es Dittsche nicht so

Ja, mit Fremdwörtern, Begriffen und Namen hat es Dittsche nicht so. Allergiker werden bei ihm zu Allergogiker, Chuck Norris zu Nuck Chorris. Und die Simultan- zur Simulantdolmetscherin. Jedenfalls, wo war ich, wie Dittsche jetzt fragen würde. Ach ja: Die Kanzlerin war statistisch aufgeladen. Und das wusste Trump und hatte Angst, dass sein Toupethaar in die Höhe schießt, wenn er die E-Merkel anfasst. Dann wäre das jetzt auch geklärt.

Die philosophischste aller philosophischen Fragen – die Huhn-Ei-Frage – klingt in Dittsches Imbissphilosophie ähnlich, aber kommt doch flüssiger rüber: Was war zuerst da, fragt Dittsche: Die Bierflasche mit Kronkorken oder der Flaschenöffner? Denn was will man mit einer Kronkorkenflasche, wenn der Flaschenöffner noch nicht erfunden ist? Und anders herum: Wozu braucht man einen Flaschenöffner, wenn nichts zum Öffnen da ist? Eine Antwort hat Dittsche auch nicht. „Aber solche Fragen machen mich verrückt.“

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Mäandern durch die Themen

Dittsche mäandert durch seine Themen. Er fängt an zu erzählen, unterbricht sich selbst, kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen, ist plötzlich bei seiner hessischen Oma, und versucht dann wieder an den Anfang anzuknüpfen. Meist erfolglos. „Ich schweife ab“, sagt er dann gern. Es ist wie Surfen im Internet, wenn man nur kurz eine Nachricht lesen will, dann aber über Links und Querverweise zu ganz anderen Themen und Seiten kommt, bis man vergessen hat, warum man noch gleich das Smartphone aus der Tasche geholt hatte. Aber bei Dittsche ist nun mal der Weg das Ziel, und der Weg ist sehr sehr lustig.

Was also ist das Spezielle an Olli Dittrichs Dittsche-Performance? Zum einen macht sich Dittrich niemals über Schwächere oder Schwache lustig. Wenn er austeilt, tritt er nach oben, in Richtung der Erfolgreichen. Am Ende ruft Dittrich, schon nicht mehr als Dittsche, seinem Publikum zu: „Haltet durch! Der Stärkere hilft dem Schwächeren.“ Es kann nicht schaden, immer mal wieder daran zu erinnern.

Außerdem hält Olli Dittrich schon über einen langen Zeitraum seiner Figur die Treue. Auch diese Kontinuität unterscheidet einen klassischen Komiker wie ihn von vielen Stand-up-Comedians. Dittsches Humor lebt zudem davon, dass er die Welt aus einer meist etwas trivialeren, jeweils unerhörten Perspektive betrachtet. Er macht sich seinen Reim auf die Ungereimtheiten des Alltags und der Politik. Er öffnet eine zweite Tür jenseits der „normalen“ Interpretation. Und das, indem er absurde Momente erkennt und sie verarbeitet oder durch seine Ideen und sein Verhalten selbst Absurditäten schafft. Dittsche kommt mit Lösungen um die Ecke, die erfahrene Eckkneipenbesucher aus bierseligen Debatten am Tresen kennen. Aber es sind keine Stammtischparolen bei Dittsche, sondern einzigartige, rührende und (vom gewöhnlichen Standpunkt) verrückte Welterklärungen. Und die sind extrem komisch und witzig.

Dittsche ist vielleicht naiv, aber alles andere als dumm

Wichtig dabei zu erwähnen: Dittsche ist allenfalls blauäugig, keinesfalls aber dumm. Im Interview mit dem RND hat Olli Dittrich kürzlich über seine Figur gesagt: „Er ist vielleicht naiv, aber er besitzt auch eine große Lebensweisheit. Er kennt halt das Scheitern. Das ist in Wahrheit sein Alltagsgeschäft. Ich bin sicher: Jeder kennt so einen Dittsche oder sogar das Gefühl, selbst gelegentlich einer zu sein.“ Dittsche ist uns näher, als wir denken mögen. Dass uns das in keinem Moment unangenehm erscheint, liegt vor allem an Dittrichs Humanismus, an der Liebe gegenüber seiner Figur und an der Abwesenheit von Zynismus und Weltekel, mit denen er seinen Dittsche ausgestattet hat.

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Dass sich der WDR immer noch nicht entschieden hat, die Serie im Fernsehen fortzusetzen, ist kaum zu verstehen. Nach dem großen Erfolg von Dittsches Tour in den vergangenen Wochen kann es eigentlich nur heißen: Wir machen weiter. Aber eine RND-Anfrage beim WDR brachte kürzlich nicht mehr hervor als die Antwort: „Wir sind mit Olli Dittrich über die weitere Zusammenarbeit im Gespräch. Vorher können und möchten wir uns in der Öffentlichkeit dazu nicht äußern.“ Olli Dittrich hat oft genug betont, dass er zu einer Fortsetzung bereit wäre.

„Natürlich ist es unser größter Wunsch weiterzumachen“, hatte er dem RND gesagt. „Wir sind überzeugt, dass das Format, dass die Figuren etwas Zeitloses haben, älter werden dürfen und trotzdem in ihrer Alltäglichkeit immer frisch und aktuell bleiben.“ Die Zuschauerinnen und Zuschauer im vollbesetzten Berliner Ensemble jubelten Dittrich jedenfalls schon zu, als er die Bühne betrat, und noch viel mehr, als sie den Schlussapplaus spendeten. Eine Fortsetzung wäre für den Künstler wie auch für sein Publikum – egal ob auf der Bühne oder auf dem Schirm – eine richtig gute Idee. Eine reine Weltidee sogar.

Heute Abend tritt Olli Dittrich als Dittsche im Schauspielhaus Bochum auf.

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