Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Nach Romanen von Lewis Carroll

„Alice Welt“ hat Premiere am Deutschen Theater

„Alice Welt“ mit Ida Nossek, Michael Thomas und Michael Borkemeyer (von links).

„Alice Welt“ mit Ida Nossek, Michael Thomas und Michael Borkemeyer (von links).

Göttingen. Am Sonnabend war Premiere: ein Theater-Wunderland.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

In kleinen Gruppen werden die Besucher eingelassen und von weiß gekleideten Helfern mit weißen Glatthaar-Perücken freundlich, aber bestimmt an die Hand genommen und wohlsortiert in die Garage geführt. Dort hinein hat Bühnenbildner Florian Barth eine Vielzahl von Zimmern gebaut, kleine Kabinette, die jeweils Platz für einen Spieler und etwa fünf Zuschauer bieten. Das ist dasselbe Konzept wie im vergangenen Jahr bei Orwells „1984“, manche Zimmer wurden offenbar von damals übernommen.

Jeder Besucher bekommt einen Kopfhörer, wird in eines der Kabinette geleitet, hat dort eine Weile Zeit, sich mit den Gegebenheiten vertraut zu machen – und muss ins nächste Zimmer umziehen. Wie viele Zimmer das sind, bekommt der Besucher nicht mit. Er kann an dem 70 Minuten langen Abend nur einen Teil von ihnen besuchen.

„Du bist Alice?“

„Alice Welt“ ist verwirrend, die Gesetze der Logik, der Wahrnehmung, des gesunden Menschenverstandes sind außer Kraft gesetzt: genau wie in den Romanen, die beileibe keine klassischen Kinderbücher sind. Die weiß gekleideten Helfer sind die weißen Kaninchen, in den Kabinetten sitzen die Hutmacher. Und jeder Besucher ist Alice, wie der am Einlass vergebene runde Aufkleber ausweist. Oder nicht? „Du bist Alice?“, fragt das Kaninchen – um gleich fortzufahren: „Du bist nicht Alice.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Der Besucher ist in einer komplizierten Situation: Ist er Zuschauer – oder ist er Teil der Inszenierung? Soll er auf Fragen antworten? Sind das persönlich gemeinte Fragen oder bloß der Stücktext (in der brillanten Übersetzung von Christian Enzensberger)? Aus den Kopfhörern kommt teils vorproduzierte Geräusche und Musik (von Stefan Paul Goetsch, der sich an einer Stelle von der „Schönen blauen Donau“ hat inspirieren lassen), teils Carroll-Texte auf Englisch, teils live von den Hutmachern gesprochene Texte. Soll er zuhören oder sich lieber auf einen Dialog mit dem Schauspieler einlassen? Das bleibt in der Schwebe.

Kleine Wunderdinge

Aber um solche Entscheidungen geht es sowieso nicht, denn in den Kabinetten gibt es nicht nur die im Umgang mit den Zuschauern manchmal etwas skurril-ruppigen, manchmal ausgesprochen liebenswürdigen Hutmacher zu bestaunen, sondern auch lauter kleine Wunderdinge: Spieluhren und andere nicht alltägliche Musikinstrumente, alte Uhren, Töpfe, Kunstblumen, Whiskyflaschen, die angeblich Tee enthalten, überdimensionierte Stühle, auf denen man sich geschrumpft fühlt, Stofftiere, Kaninchenbilder an der Wand, Schachspiele, ein Fläschchen mit der Aufschrift „Tränen 2018“ und vieles mehr.

In diesem Umfeld entfalten sich Carrolls fundamentale Sätze wie wundersame Blumen: „Wer bin ich? Wer in aller Welt bin ich denn?“ Von solchen Verstörungen ist der Weg nicht weit zu den wunderbar sinnfreien Gedichten über so bizarre Gestalten wie Jabberwocky oder Tweedledum und Tweedledee.

Publikum nachhaltig verzaubert

Wenn am Ende alle Mitwirkenden im Chor die Besucher hypnotisierend auffordern „Schlaf ein – oder wach auf!“ und sie dann auf Feldbetten legen, kommt eine leise Enttäuschung auf, diese fantastische Welt schon verlassen zu müssen. Vielleicht regt das zu einem zweiten Besuch an. Marius Ahrend, Angelika Fornell, Lutz Gebhardt, Nikolaus Kühn, Marco Matthes, Daniel Mühe, Gitte Reppin, Ronny Thalmeyer, Christoph Türkay, Paul Wenning und Gerd Zinck sowie die 25-köpfige Statisterie haben ihr Publikum nachhaltig verzaubert. Der Beifall für das Ensemble und das mit seiner Fantasie schier überbordende Produktionsteam wollte kaum enden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Termine: "Alice Welt" vom 22. August bis 9. September täglich (mit Ausnahmen) um 18.30 und 20.30 Uhr in der DT-Tiefgarage, Theaterplatz 11. Spielfreie Tage: 27. und 28. August, 1., 3., 4. und 8. September. Karten online unter gt-tickets.de.

Von Michael Schäfer

Mehr aus Kultur regional

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.