All die schönen Stimmen

Eine Art Hochglanz-Hippie: Die Singer-Songwriterin Sheryl Crow.

Eine Art Hochglanz-Hippie: Die Singer-Songwriterin Sheryl Crow.

Berlin. Was sagt man seinen Kindern auf die Frage, weshalb wir unsere Erde selbst zerstören? “Die Antwort, die ich habe, wäre zu erwachsen und zu entmutigend für sie in diesem Alter”, sagt Sheryl Crow. Die amerikanische Singer-Songwriterin hat zwei Adoptivsöhne, den 14-jährigen Wyatt und den drei Jahre jüngeren Levi. Sie ist den Tränen nahe, während sie erzählt, dass die beiden Fragen stellten, die ihr im selben Alter niemals in den Sinn gekommen wären. “Mama, wenn alle Bäume im Amazonas-Regenwald brennen, werden wir dann sterben, weil wir keine Luft mehr zum Atmen haben?”

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Die 59-Jährige gibt das Interview im hauseigenen Studio in Nashville per Zoom-Schalte. Wir sprechen über die Folgen des Klimawandels, die Flut in Deutschland und die Feuer in Kalifornien – und ihren 25 Jahre alten Protestsong “Redemption Day” (Tag der Erlösung), den Johnny Cash kurz vor seinem Tod mit seiner Coverversion adelte.

In dem Stück besingt sie einen Zug der Zuversicht, der direkt an der Himmelspforte hält. Männer, Frauen und Kinder harren schon lange an der Strecke aus. Sie warten auf den Tag der Befreiung von Egoismus und Rücksichtslosigkeit, von politischen Anführern, die den Menschen nur Knochen hinwerfen. Crow schrieb das Lied nach einem Besuch im damaligen Bürgerkriegsland Bosnien. Es ist heute eine universelle Hymne. Die Sehnsucht nach Freiheit, heißt es darin, “existiert überall dort, wo ein Baby weint”.

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“In Amerika regiert das goldene Kalb des Reichtums”

Wie lange werden wir auf diesen Zug noch warten müssen? “Wissen Sie, in jedem religiösen Wälzer, der existiert, hat das goldene Kalb, auf das die Menschen fixiert waren, ihren Untergang bedeutet. In Amerika regiert das goldene Kalb des Reichtums”, sagt sie. Solange die Menschen nicht einsähen, dass sie das Geld anbeten statt die Schönheit des Lebens, solange sei der Verfall nicht aufzuhalten: “Es ist nicht möglich, unseren Kindern zu erklären, dass wir wussten, was wir tun – und dass wir trotzdem nichts dagegen unternommen haben.”

Ob die Schüler von Fridays for Future gegen die Bequemlichkeit oder die Ignoranz der Eltern und Großeltern ankommen? “Das ist die große Hoffnung”, sagt Crow, “dass es junge Leute wie Greta Thunberg gibt, die die Älteren zur Rechenschaft ziehen.” Einerseits setzt sie auf diesen “Zusammenschluss junger Krieger”. Andererseits quält sie ein anderer Gedanke: Wenn Menschen nicht persönlich betroffen sind, wenn sie Flut oder Feuer nicht selbst erleben, dann änderten sie auch ihr Verhalten nicht.

Vor zwei Jahren hatte Crow angekündigt, dass “Threads”, ihr damals elftes Album, auch ihr letztes sei. Jeder der 17 Songs war eine Kollaboration mit befreundeten oder von ihr bewunderten Künstlern.

Jetzt erscheint “Live from the Ryman and more”. Ein neues Album zwar, aber kein Wortbruch, sagt sie, denn es sei keine Studioproduktion, sondern ein Konzertmitschnitt. “Ich liebe die Kunstform des Albums, den Prozess, ein komplettes Werk zu erschaffen, aber ich glaube nicht, dass die Leute es noch auf diese Weise hören.” Sie meint: in Zeiten von Streaming und selbst zusammengeklickten Playlists. Deshalb will sie zwar weiterhin neue Songs veröffentlichen – nur nicht mehr gebündelt.

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Gleich ihr erstes Album verkaufte sich neun Millionen Mal

Sieben der 27 Liveaufnahmen sind von ihrem ersten, neun Millionen Mal verkauften Album “Tuesday Night Music Club” von 1993. Die Songs dafür hatte sie zusammen mit einer Gruppe kalifornischer Musiker geschrieben, die sich jeden Dienstag traf. Der Überraschungserfolg wurde zur Last. Zu schaffen machten Crow vor allem die Spekulationen, “ob ich wirklich eine entscheidende Rolle bei der Entstehung des Albums gespielt hatte”, ob sie “Strong Enough” und andere Hits tatsächlich mitkomponiert hat oder ob sie nur eine Marionette war.

Crow antwortete mit einem Lied. Mit “If It Makes You Happy”, der ersten Single ihres zweiten Albums, beschreibt sie ihr Unglück im Glück. “Wenn es dich glücklich macht, warum zur Hölle bist du dann so traurig?” Den Erfolg dieses Songs mit Top-Ten-Platzierungen in den USA und England empfindet sie als “echtes Geschenk”. Das Stück ist für sie ein Statement: “Hier bin ich, so bin ich, und das ist es, was ich mache.”

Ehe sie selbst ein Star wurde, war Crow Begleitmusikerin von Michael Jackson. Auf seiner “Bad”-Tour sang die aus Kennett, einer Kleinstadt in Missouri, stammende einstige Musiklehrerin jeden Abend mit ihm “I Just Can’t Stop Loving You”. Mit Mitte 20 stand sie plötzlich im hellsten Rampenlicht. In Interviews hält sie sich bei Fragen zu den Missbrauchsvorwürfen gegen den King of Pop eher bedeckt. “Ich war bei einigen Dingen dabei, die ich wirklich seltsam fand und zu denen ich eine Menge Fragen hatte”, sagte sie dem “Telegraph”. “Ich habe das Gefühl, dass es ein riesiges Netzwerk von Leuten gab, die all das zuließen. Es ist einfach tragisch”, erzählte sie einer anderen Zeitung.

Crow ist eine Art Hochglanz-Hippie. Sie hat eine gewisse Glitzerwirkung. Über die Sängerin wird nicht nur auf Kulturseiten berichtet, sondern auch in Illustrierten, was daran liegen mag, dass sie nicht nur über ihre Musik, sondern auch über ihr Privatleben inklusive gescheiterter Beziehungen Auskunft gibt. Sie war unter anderem mit dem Radrennfahrer Lance Armstrong liiert. “Wenn ich das Geheimnis einer glücklichen Beziehung wüsste, wäre ich nicht dreimal verlobt gewesen und nicht irgendwie als Single geendet”, sagte sie gerade dem “Guardian”. “Ich hatte erstaunliche Beziehungen, habe geliebt und wurde geliebt, aber ich hatte ein seltsames Leben mit einem Job, der mich auf Reisen hielt. Ich bin zufrieden und glücklich, aber hätte ich gern jemanden, der zu unserer kleinen Familie gehört? Ja, natürlich.”

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Den Krebs besiegt

Genauso offen spricht sie über ihre Krebserkrankung. “Brustkrebs zu überleben hat neu definiert, wer und wie ich bin.” Sie war 44, als sie die Diagnose erhielt. Bis dahin habe sie ihr ganzes Leben damit verbracht, sich um alle um sie herum zu kümmern. Doch von da an habe sie begonnen, zuerst an sich zu denken. “Ich hatte Stimmen in meinem Hinterkopf, die mir sagten, dass alles, was ich tat, nicht gut genug war.”

Was ist aus diesen Stimmen geworden? “Nun, ich glaube, sie sind noch da”, antwortet sie. “Ich bin nur besser darin, sie zum Schweigen zu bringen.” Dies gelingt ihr durch Meditation. Sie habe gelernt, ihr überaktives, lärmendes Gehirn zu besänftigen, “es von der Kante zu schieben”, wie sie es formuliert.

Früher hat sich Crow politisch geäußert, wenn sie das Gefühl hatte, dass es nötig ist. Doch zu oft sei ihr von Fremden gesagt worden, sie solle die Klappe halten und singen, erzählte sie dem “Guardian”. Ihre liberalen Überzeugungen kanalisiert sie seitdem lieber in Songs. Auf “Live from the Ryman and more” covert sie “Everything Is Broken” von Bob Dylan. Es ist ein Duett mit Jason Isbell. “Alles ist zerbrochen”, heißt es in dem Lied: Herzen, Idole, Versprechen; es könnte auch ein Protestsong gegen die Untätigkeit bei der Klimarettung sein.

“All diese wunderbaren Künstler haben mir das Singen beigebracht”

Fühlt sie sich weniger allein, wenn sie mit anderen singt? Sie liebe die Sinnlichkeit von Stimmen, die miteinander harmonieren, sagt sie. Sie habe anfangs zu Platten von Carole King und James Taylor gesungen, dann zu Joni Mitchell und Aretha Franklyn, Stevie Wonder und Elton John, Fleetwood Mac und den Stones. “All diese wunderbaren Künstler haben mir das Singen beigebracht”, erzählt sie, “und mir ein Fenster geöffnet, um aus meiner Heimatstadt herauszukommen.”

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Von diesem Abhauen handelt ihre allererste Single. “Run, Baby, Run” ist ein Song über Idealismus. Auf dem Livealbum singt sie ihn zusammen mit Jess Wolfe und Holly Laessig von der Indieband Lucius. “Und ihre Mutter glaubte daran, dass jeder Mensch frei sein kann”, heißt es darin.

“Ich denke, Idealismus hat mich wirklich weit gebracht”, sagt Crow. “Mein Erfolg war dem Idealismus geschuldet, den mir meine Eltern verabreicht haben – und auch einer großen Portion Naivität. Meine Eltern sagten mir, wenn du ein guter Mensch bist, wenn du auf dem rechten Weg bleibst und hart arbeitest, dann werden dir gute Dinge widerfahren. Und das glaube ich immer noch.” Nur Verschwinden, so wie damals aus Kennett, das kann sie heute nicht mehr. “Die Idee des Weglaufens ist mit Kindererziehung nicht vereinbar.”

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