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Göttinger Literaturherbst

Claussen entdeckt die Bibel neu

Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen

Göttingen. Johann Hinrich Claussen kannte die Bibel. Er ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Doch seit der sogenannten Flüchtlingskrise hat er ihre Geschichten anders erlebt. Die Vertreibung aus dem Paradies oder der heimatlose Jesus: Für Claussen sind die Flucht aus der Heimat und die Sehnsucht nach der Rückkehr zur ihr wie ein roter Faden, der sich durch sie zieht. In "Das Buch der Flucht. Die Bibel in 40 Stationen" erläutert er neben 45 Fotografien aus den Jahren 1860 bis 1950 die realen, historischen Hintergründe – und wie aus Zerstörung, Flucht und Exil Bibelgeschichten, Lieder und Gebote wurden, die den Vertriebenen eine neue Heimat gaben:

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„Es muss hell geworden sein, wenn sich die Vertriebenen in der Fremde diese Geschichte erzählten. Ein eigentümlicher Trost mag darin gelegen haben, sich den Anfang und das Wesen der Welt so vor Augen zu führen. Wenn sie diese Urgeschichte aller Urgeschichten hörten, konnten sie weit schauen und tief blicken. Sie konnten das Ganze von Zeit und Raum denken und verstehen. Sie sahen die Struktur des Seins, erkannten die Ordnung, der sich alles Leben verdankt. Denn Leben entsteht und besteht, wo eine Ordnung ist, die die Dinge unterscheidet und aufeinander bezieht. Diese Ordnung als ein gegliedertes, dynamisches Ganzes gilt und bleibt, auch wenn das eigene Volk zum Opfer chaotischer Mächte und das eigene Leben entwurzelt wird. Wo die Heimat verloren geht, bleibt doch die Schöpfung in ihrer Ordnung, die Natur in ihrer zum Staunen schönen Fülle unversehrt. Das eigene kleine Leben wird von Willkür beschädigt, doch die große Welt gehorcht keinem Zufall, sondern folgt einem höheren Willen, entspringt einem absoluten Wort, folgt einer sinnvollen Bestimmung. Deshalb hat auch das eigene Leben ein Ziel und eine Aufgabe, ist es gesegnet, wo immer man es führen muss. Selbst in der Fremde bleibt der Mensch ein Ebenbild Gottes, dazu bestimmt, die Welt um sich herum zu regieren, wie ein guter König. Er besitzt eine unverlierbare Würde – gleichgültig, ob Babylonier oder Israelit, Einheimischer oder Flüchtling, Frau oder Mann. Es werde Licht, und es wurde Licht.“

Johann Hinrich Claussen: „Das Buch der Flucht. Die Bibel in 40 Stationen“. C. H. Beck, 332 Seiten mit 45 Abbildungen, 24,95 Euro. Der Autor liest beim Göttinger Literaturherbst am Montag, 15. Oktober, um 19 Uhr in der St. Jacobikirche, Jacobikirchhof 1, in Göttingen. Das Trio d’anches aus Oboe, Klarinette und Fagott des Göttinger Symphonieorchesters und der Kantor der St. Jacobikirche Stefan Kordes an der Orgel begleiten den Abend musikalisch. Tickets sind in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Marktstraße 9 in Duderstadt und Weender Straße 44 in Göttingen, und unter gt-tickets.de erhältlich

Von Norma Jean Böger

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